Direkt zum Hauptbereich

The Sniper / Sun cheung sau (Dante Lam, HK 2009)

Der Scharfschütze Lincoln ist bei einem Einsatz etwas übereifrig und erschießt leider den Falschen. Vier Jahre Knast bekommt er dafür und befindet sich auch nach seiner Entlassung in mental instabiler Verfassung. Nun will er es seinem Rivalen, eben dem auf seine Position nachgerückten Hartman Fong, beweisen, bzw. das Leben schwer machen und unterstützt auf eigene Faust den Ausbruch eines Triadenbosses aus dem Gefängnis.

Dante Lam hatte mich mit seinem JIANG HU und dem letztjährigen BEAST STALKER äußerst begeistert. SNIPER ist allerdings ganz anders: pathetische Musik, Waffenporno, Heldenverehrung, Männer mit Muskeln und Überzeugung im Kopf. Der fragile Terror aus BEAST STALKER ist ganz einer gelackten Hochglanzthrilleroptik gewichen, durch die sich nach und nach ein verschachtelter Plot entblättert.
Was bei BEAST STALKER gut funktioniert hat; denn in diesem Film befand sich der Zuschauer auf Augenhöhe mit dem Protagonisten und hat über die Klärung des Falles auch die Hintergründe erfahren, und sich so nach und nach den Fall erschlossen. Bei SNIPER ist die Schachtelstruktur reine Fassade um künstlich Spannung zu erzeugen, sie ist nicht aus der Entwicklung der Geschichte heraus motiviert. Das nervt ohne Ende. Und selbst wenn man glaubt, verstanden zu haben um was es jetzt gerade wieder geht, folgt bald wieder eine völlig unverständliche Aktion. Man fragt sich ständig: wer sind diese Leute und was machen sie warum?! Die Nebengeschichten um die Hintergründe und Liebschaften der Männer werden zudem nur angerissen und losen Fäden en masse hängengelassen. Warum etwa versucht sich die Ex-Frau von Hartman umzubringen? Zwei, drei Krankenhausszenen gibt es, aber weshalb sie die Tat begangen hat, und weshalb dieser Nebenplot überhaupt angerissen wird, bleibt unklar. Eines der vielen Beispiele.

Ein Rätsel ist es mir, wie ein Regisseur im Jahre 2008 so einen Knaller wie BEAST STALKER erschaffen konnte, und dann ein Jahr später so eine Gurke daherfabriziert. THE SNIPER ist eine große Enttäuschung und im besten Falle noch männerorientiertes Popcornkino.


edit: Lese gerade bei Marcos Molodezhnaja-Review, daß es einen Sexskandal um Edison Chen gab, weshalb von Produzentenseite verfügt wurde, dessen Szenen zu einem großen Teil herauszuschneiden. Das würde selbstverständlich ein wenig dieses fundamentlose Schnittmassaker erklären.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

Hirokazu Kore-edas früher Dokumentarfilm AUGUST WITHOUT HIM (Japan, 1994)

Kore-edas frühe Entwicklung ist eine ganz andere, als die seiner bekannten Zeitgenossen wie Shinji Aoyama, Kiyoshi Kurosawa oder Akihito Shiota: anstatt vom universitären Experimentalkino zu kommen, oder aus den Untiefen des Direct-to-Video-Sumpfes hervorzusteigen, hatte sich Kore-eda einer TV-Produktionsgesellschaft angeschlossen, die sich auf Dokumentationen spezialisierte. Auf der Tokioter Waseda Universität hatte er sich vor allem Filme angeschaut und Drehbücher gelesen, hielt sich aber von der cinephilen Szene fern. So sind seine ersten sieben Filme allesamt Dokumentarfilme, bevor er seinen ersten Spielfilm drehte - der auch auf einem der vorherigen Dokus beruhte: MABOROSI, in dem eine Frau mit dem Tod ihres Mannes zurecht kommen muss.
 Kore-eda hat schon früh versucht, einen eigenen Weg zu gehen, der vollständig auf das Ausschlachten von dramatischen Gefühlen verzichtete, der nichts skandalisieren will sondern viel eher nüchtern und distanziert sich der Thematik nähert; damit …

shomingeki deluxe: Ein Gespräch über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu (Japan, 1958)

Heiraten, ja oder nein? Und wenn, dann wen? Und was sagt der Vater dazu, wenn der Schwiegersohn doch nicht ganz den Erwartungen entspricht? Ein weiteres Mal behandelt Yasujiro Ozu dieses Thema in einem seiner späten Filme, dieses mal erzählt aus der Sicht und Perspektive des Vaters.  Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hat mich eingeladen, mit ihm über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu zu sprechen. Wir haben fast eine ganze Stunde miteinander diskutiert und hätten noch viel mehr sagen können, glaube ich. Das Gespräch findet ihr hier: 
Link
 (original Poster)

Michael Schleeh
***