Direkt zum Hauptbereich

Onibaba (Kaneto Shindo, Japan 1964)


Eine unbeschreiblich intensive Atmosphäre dominiert diesen ganzen Film - und obwohl er in einer besonderen Art von Idylle spielt, am Fluß, im Schilf, meist strahlt die Sonne, herrscht permanente Beklemmung. Die Innenräume der kärglichen Behausungen sprechen eine deutliche Sprache: bitterste Armut der Bauern. Sie sind die größten Verlierer der Kriege, die um sie herum toben. Zwei Frauen, von den Männern an den Krieg verloren, müssen sich selbst durschlagen. Auf deutsch: Onibaba, die Töterinnen. Das tun sie, um zu überleben; Soldaten, die sich mit letzter Kraft vorbeischleppen werden gemeuchelt und die Rüstung einem zwielichtigen Schurken, welcher selbst in einer Höhle haust, verkauft.


Die Leichen werden anschließend in einem tiefen Loch entsorgt. Aber auch: Sexualität liegt in der Luft, unbefriedigte Bedürfnisse, menschliche Abgründe und Eifersucht. Als ein Mann auftaucht, beginnt die eigentliche Schlacht.


Religion, Buddhismus. Masken. Moral, Jigoku, die Hölle. Wo der Film herkommt, aus der Legende, was benutzt wird, um zu terrorisieren. Der Glaube, der Wahn, das Morden. Auch hier herrscht Krieg, man spürt ihn früher, als daß man ihn sieht - doch dann ist er allgegenwärtig.


ONIBABA - ein Meisterwerk. Moralische Parabel und Historienfilm zugleich, Horrorfilm und Posie. Alles auf engstem, reduziertem und kondensiertem Raum. Fantastisches Kino.

Kommentare

  1. Mir hat sich die sinnliche Komponente des Filmes erst richtig auf der großen Leinwand erschlossen. Davor war mir das Gerenne durch das Schilf ... suspekt. Danach konnte ich selbst dem Gewoge des Schilfes nicht mehr zusehen, ohne eine sexuelle Erregung der durch die Beine peitschenden Schilfhalme zu assoziieren.

    AntwortenLöschen
  2. Kann ich gut nachvollziehen. Der Film schien mir generell sehr körperlich; das fängt beim Hineinstopfen der Nahrung an, dann die leichte Bekleidung aller Beteiligten aufgrund der großen Hitze, die Busenshots im Schlafgemach, die Nahaufnahme Hanjiros im Fluß mit dem Fisch in der Hand wobei der Bildausschnitt genau so kadriert ist, dass man sein dünnes Lendentuch und den Fisch zugleich im Bild sieht - dann natürlich auch das Morden usw.

    Das Schilfgras schien mir abseits seiner schutzspendenden Funktion sowieso enorm sexuell konnotiert zu sein: als Zeichen der Fruchtbarkeit. Das Rennen zum Geliebten, das Peitschen der Halme, das Durchqueren des "Feuchtgebiets" (wer starke Bilder mag darf auch "Frauenschoß" sagen) kam mir dann auch beinah wie ein Vorspiel vor.

    @Format: ich habe mir den Film an die Wand gebeamt - das ist zwar keine Kinoqualität, doch vom Bildvolumen war auch das sehr eindrücklich.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

Hirokazu Kore-edas früher Dokumentarfilm AUGUST WITHOUT HIM (Japan, 1994)

Kore-edas frühe Entwicklung ist eine ganz andere, als die seiner bekannten Zeitgenossen wie Shinji Aoyama, Kiyoshi Kurosawa oder Akihito Shiota: anstatt vom universitären Experimentalkino zu kommen, oder aus den Untiefen des Direct-to-Video-Sumpfes hervorzusteigen, hatte sich Kore-eda einer TV-Produktionsgesellschaft angeschlossen, die sich auf Dokumentationen spezialisierte. Auf der Tokioter Waseda Universität hatte er sich vor allem Filme angeschaut und Drehbücher gelesen, hielt sich aber von der cinephilen Szene fern. So sind seine ersten sieben Filme allesamt Dokumentarfilme, bevor er seinen ersten Spielfilm drehte - der auch auf einem der vorherigen Dokus beruhte: MABOROSI, in dem eine Frau mit dem Tod ihres Mannes zurecht kommen muss.
 Kore-eda hat schon früh versucht, einen eigenen Weg zu gehen, der vollständig auf das Ausschlachten von dramatischen Gefühlen verzichtete, der nichts skandalisieren will sondern viel eher nüchtern und distanziert sich der Thematik nähert; damit …

shomingeki deluxe: Ein Gespräch über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu (Japan, 1958)

Heiraten, ja oder nein? Und wenn, dann wen? Und was sagt der Vater dazu, wenn der Schwiegersohn doch nicht ganz den Erwartungen entspricht? Ein weiteres Mal behandelt Yasujiro Ozu dieses Thema in einem seiner späten Filme, dieses mal erzählt aus der Sicht und Perspektive des Vaters.  Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hat mich eingeladen, mit ihm über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu zu sprechen. Wir haben fast eine ganze Stunde miteinander diskutiert und hätten noch viel mehr sagen können, glaube ich. Das Gespräch findet ihr hier: 
Link
 (original Poster)

Michael Schleeh
***