Direkt zum Hauptbereich

She, a Chinese (Xiaolu Guo , UK/Fr/D 2009)

Die junge Mei ist gelangweilt von ihrem Alltag in einem Dorf auf dem Lande. Denn dort gibt es nichts zu tun, als abends zum Billardspielen in die Kneipe zu gehen oder -wenn's mal spannend werden soll- mit dem Macho und Dorfproll auf der Vespa den Hügel hinauf am Industriegebiet die Umgebung angucken. Bißchen rauchen, knutschen, das Ziehen der Sehnsucht spüren, denn das alles hier ist kaum zum Aushalten.
Mei geht ihre eigenen Wege. Spätestens nach der Vergewaltigung, die die Kamera auf Bodenhöhe mit einiger Distanz verfolgt, ist ganz klar, daß an diesem Flecken Erde kein Glück auf sie wartet: Eine Arbeit, die sie nicht will, eine Ehe mit einem Typen, der sich gerade anbietet.
Sie nimmt reißaus in die große Stadt, findet Unterschlupf in einem „Massagesalon“ und schmust mit dem vernarbten Nachbarn herum, der, um ein paar Kröten zu verdienen, sich als Schläger verdingt hat. Hier gelingen dem Film sehr schöne Bilder zwischen Winkelexistenz und Großstadtneon bei Nacht. Meis blauen Perücke, Zeichen ihres Prostituiertenstatus, signalisiert das Schlüpfen in eine fremde Haut, ein nüchterner Prozeß der Merkantilisierung von körperlicher Nähe.



Später wird es Mei bis nach London verschlagen, in die Arme eines Ehemannes, der ihr zwar eine sichere Existenz bieten kann, doch ist die Vertriebene dort -wie überall- ohne Heimat. Der kulturelle Unterschied zeigt sich exemplarisch in einer minimalistischen Szene: morgens beim Essen des Frühstückeis. Da steht die Differenz urplötzlich wie eine Kluft im Raum, ein Block Luft zwischen den Protagonisten.
Mei wird weiterziehen, ein Bankkonto ist ihr keine Glücksverheißung; in ihren konsequenten Entscheidungen und Handlungen ist sie vielen ewig schwankend Unzufriedenen weit voraus. Sicherheit ist etwas Fremdes, etwas, das es für eine hübsche, junge chinesische Frau auf dieser Welt nicht gibt.

Kommentare

  1. Komisch, ich habe den Film ganz anders verstanden. Eigentlich fand ich ihn eine ungeheure Zumutung, so aus meiner feministischen Perspektive heraus. Die Frau als leeres Blatt, das von Männern beschrieben wird. Ihr Name taucht nicht mal im Titel auf. Ich habe mich am Ende des Filmes mit mir darauf geeinigt, daß es eine Metapher für die Entwicklung Chinas ist.

    Aber eigentlich fand ich den Film viel zu unkonzentriert und stilistisch oszillierend. Er war mehr auf den emotionalen Moment ausgelegt als auf die große Linie. Nicht so mein Ding. Auch mag ich nicht Filme, deren Kapitel durchnummeriert werden. Das kann für mich nur mit ironischer Distanz funktionieren. Aber einzelnen Szenen, gerade mit der Musikauswahl, konnte ich dann doch was abgewinnen.

    Anschließend habe ich mich dem Gefühl des Filmes hingegeben und mich ein wenig durch die Straßen Londons treiben lassen. Nur einen Massagesalon habe ich nicht besucht.

    AntwortenLöschen
  2. "Auch mag ich nicht Filme, deren Kapitel durchnummeriert werden."

    Mag ich auch eher nicht, hier jedoch finde ich es sehr passend: das Leben als episodisches Stationendrama, das im Film zu Höhepunkten kondensiert wird.

    "Komisch, ich habe den Film ganz anders verstanden. Eigentlich fand ich ihn eine ungeheure Zumutung, so aus meiner feministischen Perspektive heraus. Die Frau als leeres Blatt, das von Männern beschrieben wird."

    Sehen wir vielleicht gar nicht so unterschiedlich: wo ich die Entscheidungshoheit der Frau beschreibe und hervorhebe -als Ausbruchsmoment-, betonst du die Abhängigkeit von männlichen (gewaltsamen) Autoritäten. Das ist in der Tat eine Zumutung, aber sicher eine mögliche Lebenserfahrung im traditionell patriarchalisch und autoritär strukturierten China.

    "Anschließend habe ich mich dem Gefühl des Filmes hingegeben und mich ein wenig durch die Straßen Londons treiben lassen. Nur einen Massagesalon habe ich nicht besucht."

    Schön. :-)

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die neue Freundin des Sohnes - Masaki Kobayashis Debut-Film YOUTH OF THE SON (1952)

Wenn man in die Filmgeschichte hineinsticht gibt es immer wieder Momente, die einen völlig verblüffen können. So mag einem Masaki Kobayashis Debut-Film als völlig irre vorkommen, wenn man den Regisseur nur von seinen ernsten, gravitätischen Meisterwerken her kennt, die er dann Anfang der 60er gemacht hat: BARFUSS DURCH DIE HÖLLE und HARAKIRI (den ich für den vielleicht besten japanischen Film überhaupt halte, aber das nur nebenbei). Aber Kobayashis Werk ist viel mehr, deutlich vielgestaltiger, als "nur" diese ernsten Schwarzweiß-Dramen, in denen es der menschlichen Existenz an den Kragen geht und schlichtweg alles auf dem Spiel steht. Oder wie in BARFUSS gleich die komplette conditio humana. Weshalb der englische, internationale Titel THE HUMAN CONDITION nicht nur weniger reisserisch ist, als der deutsche, sondern auch genauer am treffenden Originaltitel (Ningen no joken). Hier, in diesem Film, ist die Situation im Vergleich geradezu lächerlich läppisch: es geht um die ers…

Von Kriegsschuld und Verzweiflung: Masaki Kobayashis THE THICK-WALLED ROOM (1953)

Japan, vier Jahre nach dem Ende des verlorenen Weltkriegs: ein Erzähler aus dem Off spricht mit ernster Stimme von schlimmen Kriegsverbrechen und verspricht schonungslose Aufklärung. Hinter den Mauern dieses Hochsicherheitsgefängnisses befänden sich die Männer, die sich schlimmster Verbrechen schuldig gemacht hätten. Die Kamera lässt daran keinen Zweifel: bevor wir überhaupt den ersten Gefangenen sehen, haben die schwarz-weißen, hartkontrastigen Bilder bereits ihre Wirkung erreicht. In diesem Szenario der Bedrohung aus unterirdischen Gängen, Gittern, Betonwänden und rechteckigen Linien, scharfen Kanten und bewaffneten Soldaten der amerikanischen Militärpolizei kann sich nur Unvorstellbares abspielen.
 Kurz darauf: tragische Musik und vor Schmerzen verzerrte Gesichter der zusammengepferchten Insassen, ein jeder hängt seinen eigenen Alpträumen nach. Heimlich versucht sich einer im Abort zu erhängen. Aber auch am Tage gibt es keine Erlösung: da wird erbarmungslos im Steinbruch geschuft…

Samurai *Gerupftes Huhn*: Takashi Miikes Manga-Adaption BLADE OF THE IMMORTAL (Japan, 2017)

Der Film beginnt mit Verve und einer Eleganz wie ein Film vom Säulenheiligen Kihachi Okamato: hartkontrastige Bilder in schwarz-weiß fügen sich zu einer Oper des stählernen Totschlags. Diese Schwerter sind so scharf wie keine anderen zuvor - die Leichen drapiert wie in einer Choreographie von Akira Kurosawa. So ist der Samurai, der zum Ronin geworden ist, auch ein Bodyguard for hire ein Yojimbo. Diese Anspielung ist sicherlich bewusst gewählt. Und so klassisch dieser Film beginnt, so modern geht es weiter. Wie in einem New Wave - Film entblättert sich der Plot erst nach und nach, wenig wird erklärt. Übersicht stellt sich erst mit der Zeit ein. Dann die Farbenexplosion und die Manga-Adaption, die sich vor allem in den exotischen Waffen und der exaltierten Figurenzeichnung offenbart. Das ist ziemlich toll, wie das alles hier zusammengeführt wird.



 Manji-san ist der zerzauste, unsterbliche Wurm-Samurai (Takuya Kimura), der wie ein zerrupftes Huhn durch diesen Film rennt und sich wie ei…