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The Chaser / Chugyeogja (Na Hong-jin, Südkorea 2008)


Der ehemalige Cop und jetzige Zuhälter Joong-ho (Kim Yun-seok) vermisst nun schon seine dritte Vergnügungsdame und vermutet, daß ein skrupelloser Unbekannter die Frauen entführt und weiterverkauft hat. Die Spur führt in einen dunklen Vorort, in dem fast immer Nacht ist, und bald stellt sich heraus, daß der Täter ein lang gesuchter Serienkiller ist. In einer rasanten Verfolgungsjagd wird dieser dann auch dingfest gemacht, doch reichen die Beweise nicht aus, ihn länger festzuhalten. Während Joong-hos Kollegen halbherzig herumforschen und in den Verschränkungen der korrupten Seilschaften des Polizeiapparats aufgerieben werden, ist Joong-ho bereit, zu allen Mitteln zu greifen, um Young-mins Schuld zu beweisen.

Dieser Cop auf Abwegen-Thriller leidet an einem allzu schlingernden Plot, an seinen Nebenerzählfäden, die den Film unnötig aufblasen - und also schließlich an seiner zu langen Lauflänge von knapp über zwei Stunden. Eingedampft auf 90 Minuten wäre THE CHASER eine atemlose straighte Daumenschraube geworden, die einen nicht mehr aus dem Griff gelassen hätte. Dennoch hat der Film einige Meriten: die Schauspieler überzeugen, eine leichte Ironie durchweht einige relaxtere Szenen und vor allem: die dunklen und unübersichtlichen Verfolgungsszenen bei Nacht in den engen Vorortgassen sind äußerst gelungen. Da erreicht der Film sein größtes Spannungspotential und findet zudem die interessantesten Bilder. Auch eine immer wieder überraschende Kameraführung weiß zu gefallen, sowie die Diskrepanzen in der Bild/Ton-Regie – etwa wenn Joong-ho mit dem jungen Mädchen im Wagen sitzt, und diese realisiert, daß ihre Mutter tot sein muss und herzergreifend zu weinen beginnt. Da sieht man den beleuchteten Innenraum des Wagens, das Leid und den Schmerz, und hört aber nur das Plätschern des Regens und wie er auf das Autodach trommelt. Auf diese Weise gelingt es mehrfach Kitschfallen nicht nur zu vermeiden, sondern im Gegenteil: mit solcherart kreativen Brechungen werden Szenen aufgewertet.

So bekommt man mit THE CHASER einen zwar etwas zu langen und im dritten Viertel ermüdenden Thriller geboten (die Irrungen und Wirrungen des Polizeiapparats, die Psychologisierungen der Killerfigur), der aber ästhetisch durchaus interessant gestaltet ist und auch den Strukturfreaks genügend Futter bietet, den metaphorischen und wortwörtlichen Verirrungen einer fragmentierten Biographie in der Eskalation eines Kriminalfalles nachzuspüren und diese Metastrukturen auf das narrative Gerüst und die Settings des Films zu applizieren.

Kommentare

  1. Ich fand den Film ziemlich ärgerlich (und habe das auch irgendwo schon mal geschrieben), weil er sein Suspense-Programm über alles andere stellt. Wie er am Schluss x-fach den Zufall bemüht, jede Situation den denkbar schlechtesten Ausgang nehmen lässt, nur um den Film mit einem Schlag in die Magengrube enden lassen zu können, habe ich als zynisch und überaus ekelhaft empfunden. Da halte ich es dann doch mit Hitchcock: Wenn man ein Publikum 90 Minuten lang leiden und mitfiebern lässt, dann muss man ihm am Ende etwas zurückgeben.

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  2. Hm, will mir nicht so richtig einleuchten. Zumindest im gesamten Mittelteil verliert der Film sein Suspense-Programm doch ziemlich aus den Augen.
    @Magengrube: Bereits die erste Tötungsszene im Haus schien mir unnötig brutal und somit deplatziert. Die Plotentwicklungen gegen Ende waren ebenfalls ziemlich verworren, oder auch: unglaubwürdig konstruiert (auf den Effekt/das Finale hin). Den Schluss habe ich dramaturgisch auch als große Schwachstelle des Films empfunden.

    Letztendlich blieb mir der ambivalente Charakter des Protagonisten und die Hetzerei durch die Gassen in Erinnerung.

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  3. Kann schon sein, dass ich mich mit der Suspenseunterstellung vertue, ist schließlich über zwei Jahre her, dass ich den gesehen habe. Ich erinnere mich noch dunkel daran, dass THE CHASER im Mittelteil grob Richtung kafkaesker Bürokratiesatire geht, die Fehlschlüsse und -einschätzungen der Verantwortlichen in den Fokus des Interesses rücken und den "Erfolg" des Killers begünstigen.

    Aber auch das hat für mich den unguten Beigeschmack, dass es dabei letztlich nur darum geht, eine Rechtfertigung dafür zu konstruieren, alles so schlecht wie möglich ausgehen zu lassen - anstatt es tatsächlich "einfach so" mies enden zu lassen. Das hat mich umso mehr geärgert, als der Film technisch gut gemacht ist. Er bekommt dadurch einfach sowas unangenehm kalkuliertes. Zynisch eben.

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  4. Ja, das erinnerst du richtig. Dank der Inkompetenz der Polizisten und deren Unfähigkeit, Beweise beizubringen, muss der Killer freigelassen werden, obwohl er ja bereits gestanden hatte.

    Was da alles schiefläuft - ich erinnere mich daran, mich über Logiklöcher und Unwahrscheinlichkeiten aufgeregt zu haben - weiß ich nicht mehr. Ist ja schon 6 Wochen her seit Sichtung. :-)

    Dein Argument des Zynismus kann ich übrigens nachvollziehen; diese mögliche Sichtweise stelle ich gar nicht in Abrede.

    Warum bist du aber überhaupt so intentionalistisch? Ich habe dieses Plot-Rumgeeiere anders interpretiert: der Film scheint mir in diesem Punkt auf einem noch kontroverseren Kurs zu steuern, da hier sogar die "Guten" versagen, ja der moralischen Gerechtigkeit sogar Steine in den Weg legen.
    Dass der Film ohne Hollywood Ending ausgehen wird, war ja hingegen relativ klar (kennen wir ja aus Korea) - dass es so ruppig wird finde ich aber nicht akzeptabel. Dafür gibt es eigentlich keinen filminhärenten Grund (wie generell für den hohen Gewaltpegel im Films.)

    Was ich noch sagen wollte: finde es gut, auch mal eine kritische Meinung zu THE CHASER zu vernehmen; der Hype war ja schon recht groß und der Erfolg in Korea enorm.

    Der neue Film des Regisseurs kommt wohl gerade raus und heißt THE MURDER / YELLOW SEA.

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  5. Meinst du mit deinem Verweis auf meine intentionalistische Sicht, dass ich den Filmemachern unterstelle, ihren Film in eine bestimmte Richtung zu drängen?

    Mir schien über dem Film schon der Wille zu schweben, einen Runterzieher zu machen. Daran gibt's ja auch erstmal nichts zu meckern. Ich habe mich vor allem daran gestört, wie das passiert. Und da kommt für mich eben ein mangelndes Verantwortungsgefühl der Macher zum Vorschein, wenn sie die Spannungsschraube am Schluss auf Kosten des Opfers bis zum Anschlag anziehen und keine Erlösung bieten. Es geht mir nicht per se um ein Happy End: Aber so, wie sich der Film entwickelt, wäre es hier nötig gewesen. Was an Happy Ends nervt, ist ja in erster Linie, dass sie meist überkonstruiert und daher unglaubwürdig sind. Das Ende von THE CHASER ist aber genau das, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen.

    Dass der Film gehypt wurde, wundert mich nicht: Er lief auf dem FFF damals sehr prominent als Abschlussfilm, wurde entsprechend vollmundig angekündigt (und auf dem ideologischen Auge sind die Festivalmacher und -zuschauer m. E. meist blind), ist dick produziert und hat eben dieses böse Ende, was für manchen wohl schon reicht, um einen Film "geil" zu finden.

    Diesen ätzenden Defätismus findet man derzeit ja überall: So muss eine US-Produktion nur noch irgendwas gegen Bush oder das Militär vorbringen, um bei der breiten Masse schon als linksintellektuell gelten zu dürfen. (Ich erinnere mich etwa an einen Arbeitskollegen, der GOOD NIGHT AND GOOD LUCK für seinen "Mut" lobte, bloß weil der Film schwarzweiß ist.)

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  6. Ich kann deine Ansicht schon nachvollziehen - der Film mißbraucht seine Figuren um sie nach dieser downward spiral auch noch völlig zu zerlegen - eine Konzession an das Schlachthauspublikum.
    Ein gemäßigtes Ende hätte sicher mehr Größe gezeitigt, vor allem da so die Sympathie-Kontroverse erhalten geblieben wäre. Eine Rettung vor dem Killer hätte ja zugleich eine Rückkehr in die Prostitution bedeutet.
    Etwas, was mir tatsächlich gefallen hat; die Sympathielenkung des Zuschauers zu so einem Brutalomann hin.
    Obwohl, wenn ich mich richtig erinnere ist es ja so, dass nach der üblen Szene im Krämerladen ja der Finalkampf kommt und dann, ganz am Ende, er ins Krankenhaus geht, ans Bett des kleinen Mädchens, und vor dem Panoramafenster der nachtleuchtenden Stadt ihre Hand sanft in die seine nimmt. Also doch ein bissl Happy End.

    Der Antiamerikanismus ist en vogue, eine sichere Sache - da muss man gar nichts bei denken, und man steht schon auf der richtigen Seite. Es ist letztlich nicht der Film, der interessiert (der wird mißbraucht, oder schlimmer: dieser bietet sich selbst diesem Mißbrauch an und wird gerade deswegen geliebt und spült den Zaster in die Kassen), sondern es geht um die Positionierung des eigenen Egos im großen Weltenrund. Das ist nicht weniger erschreckend als die Tatsache, dass solche Leute anschließend zu Haus mit ihrer Freundin UP IN THE AIR angucken und das alles OK und toll und unterhaltsam finden. Das finde ich absolut unerträglich.

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  7. An dieses Ende kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Vielleicht müsste ich meine Meinung auch ein wenig modifizieren, wenn ich den Film nochmal sähe: So eine Erstscihtung ist ja meist doch etwas affektgesteuerter als eine zweite, bei der man reflektierter an den Film hernageht. Aber Lust ihn mir nochmal anzuschauen habe ich nicht. Es gibt so viele schöne, tolle, aufregende Filme, für die ich schon keine Zeit finde, dass ich über THE CHASER eigentlich gar keinen Gedanken mehr verschwenden will.

    Was natürlich nicht heißen soll, dass mir die Diskussion mit dir nicht viel Spaß gemacht hat. Im gegenteil! Danke dafür und bis bald. :)

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  8. Mir ebenso. :cheers:

    Bis zum nächsten Film!

    :-)

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