DVD BluRay

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Sector 7 / 7 gwanggu (Kim Ji-hun, Südkorea 2011)


Auf der Ölbohrplattform ist der Teufel los! Als ob die Stimmung nicht schon schlimm genug wäre - man findet im besagten Sector 7 einfach kein Öl - so schleppt man sich auch noch ungeheure Tiefsee-Schleimmonster ein, die sich rasant vermehren. Zunächst noch ganz putzig, als kleine Glitzerquappen, werden sie überfallartig zu lebensbedrohlichen Gegenern, die in einer Mischung aus Octalus und Alien die Mannschaft rasant dezimieren.


SECTOR 7 ist gerade heraus gesagt: ganz primitiver Monsterspass, der mit der nötigen dumpfen Einstellung rezipientenseitig einige Laune machen kann. Rasant inszenieren können die Koreaner ja, und so finden neben den üblichen Keilereien auch Motorradrennen über die Plattform statt, dann Tiefsee-Tauchspektakel, und freilich gibt es auch wunderbar spektakuläre ölverschmierte Reparaturarbeiten von Tanktop-bekleideten Schönheiten an überdimensionalen Bohrmeißeln zu bestaunen.



Ahn Sung-ki gibt den räsonablen Altherrensouverän; die immer bekannter werdende Ha Ji-won aus PHONE, SEX IS ZERO, und dem Katastrophenfilm HAEUNDAE spielt die engagierte Tanktop-Frau, die auch kräftig zuschlagen kann - außerdem gibt es noch einen debilen Irren und eine Wissenschaftlerin. Alle anderen Charaktere habe ich nach einer Woche bereits vollständig vergessen. Ich vermute, die waren alle Monsterbait. Und so ist SECTOR 7 freilich kein Darstellerfilm, hat kaum eine erwähnenswerte Plotentwicklung (hier ist sowieso alles zusammengeklaut), noch so etwas wie eine Figurenentwicklung. SECTOR 7 ist für "ernsthafte" Kinogänger der leibhaftig gewordene Alptraum und an Unbedeutsamkeit wohl kaum zu überbieten. Obwohl, halt! Er ist der erste koreanische Film in 3D. Nur für's Notizbuch.

Freitag, 23. Dezember 2011

Tetsuo: The Bullet Man (Shinya Tsukamoto, Japan 2009)


Der biomechanoide Mensch-Maschinenschreck ist diesmal ein Familienvater mit Rachegelüsten. Meine Filmkritik ist leider nicht allzu positiv ausgefallen. Aber lest selber nach, hier in der Filmgazette.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Disorder / Xianshi Shi Guoqu de Weilai (Huang Weikai, China 2009)


DISORDER ist ein auf atemberaubende Weise montierter Dokumentarfilm, der das Chaos, die Freiheit, die Katastrophen, die Anarchie und den Irrsinn modernen, vor allem: chinesischen Großstadtlebens portraitiert. Genauer gesagt: Huang montiert Videomaterial verschiedener (Amateur?-) Regisseure zu einer modernen "Symphonie der Großstadt", die ihren Soundtrack tatsächlich vollständig verloren hat (der Film kommt ohne Musik aus). Dies eine ordnende, verbindungsstiftende Element gibt es nicht mehr. Also: Original-Bilder und O-Töne bestimmen den Film, der vielleicht gut 10-15 Ereignisse abbildet, die in verschachtelter Weise montiert sind, und die sich auf der Tonspur durch Überlappung immer stärker überschneiden. Da gibt es die freilaufenden Schweine auf einer Autobahn und Männer, die diese einfangen (Siehe Cover der DVD); ein Straßenzug, der unter Wasser steht und Anwohner, die sich durch die Überschwemmung kämpfen; ein Jugendlicher, der halbtot vor einem Auto liegt, und der laut Fahrer nur ein Simulant ist, um Geld zu erpressen (Nagisa Oshimas DER JUNGE/SHONEN lässt grüßen); oder ein älterer Herr, der halbnackt auf einem Brückgeländer steht und mit dem Sprung droht, wenn nicht endlich seine Eingabe bei der Polizei bearbeitet wird. DISORDER ist ein einzigartiger Einblick in eine stürmische Welt, die sich in ihren eskalierenden Momenten dem Skandal nähert, die den innocent bystander zum Komplizen, die den Zuschauer des Films zum Teil des Problems macht. Ein Panoptikon der alltäglichen Katastrophen und ein Pflichtfilm für all diejenigen, die über den eigenen Tellerrand hinausschauen wollen.


Select Film Festivals (via):
2009:

Cinma du Reel, France
— Young Jury Special Mention Award
Krakow Film Festival, Poland
International Leipzig Festival for
Documentary and Animated Film, Germany
— Official Selection
Pusan International Film Festival, Korea
Yunnan Multi Culture Visual Festival, China
— Jury Special Mention Award
Yamagata International Documentary Film Festival, Japan
— Official Selection

2008:
Asian Network of Documentary Fund Project (13th PIFF)

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Confessions / Geständnisse / Kokuhaku (Tetsuya Nakashima, Japan 2010)


Die Lehrerin Yuko Moriguchi (Takako Matsu) verkündet ihrer Klasse, dass sie den Lehrberuf aufgeben wird. Grund sei der Tod ihrer vierjährigen Tochter Manami, welcher, und dies ist nur die erste einer ganzen Reihe von atemraubenden Enthüllungen, von zwei Schülern dieser Klasse herbeigeführt worden sei. Da aber das Alter der Schüler sie vor dem Strafgesetz schütze, habe sie HIV-infiziertes Blut ihres kürzlich verstorbenen Gatten in die Milch der Schüler injiziert.

Ein japanischer Rachethriller mit fantastischen Bildern und einer verschachtelten Struktur, der sich aber allzu sehr auf seine Bildästhetik konzentriert und seine Figuren vergisst. Meine Kritik bei den sagenhaften HARD SENSATIONS.

Freitag, 9. Dezember 2011

A Certain Killer / Aru Koroshiya (Kazuo Mori, Japan 1967)


Der im Zweiten Weltkrieg traumatisierte Protagonist des Films (Raizo Ishikawa) hat im Nachrkiegsjapan beinah alle Perspektive verloren. So tut er das, was er gelernt hat: Töten. Er ist ein Auftragskiller, der sich eine bürgerliche Existenz (ein Lokal) nur zum Schein aufgebaut hat. Seine Spezialität neben der Kochkunst (auch hier sieht man nur, wie er mit dem Messer umgehen kann und Fische filetiert) ist die perfekte Ausführung unauffälliger Auftragsmorde. Immer wieder allerdings kommt ihm die eigene Moral dazwischen, etwa wenn er für die Yakuza tätig sein soll. Er hat sich also ein großes Maß an Freiheit bewahrt: diejenige, "nein" zu sagen.


Kazuo Moris Film ist in seiner Hardboiled - Ausrichtung dabei eher am Pulproman und dem amerikanischen Film Noir orientiert, denn ganz generell durchweht den Film eine allen Dingen inhärente Traurigkeit und melancholische Grunddisposition, als dass er sich wie die wilden Hunde der Filme Fukasakus, oder wie die grellen Overdrive-Filme Suzukis gebärden würde. Ichikawa, der Melancholiker unter den japanischen Bösewichtern und Gebeutelten ist hier natürlich erstklassig besetzt: ein sympathischer, durchaus höflicher und zurückhaltender Mensch, der sich nicht in die Karten schauen lässt und eben klassisch im entscheidenden Moment mit kalter und präziser Hand seinen Job erledigt.

In Haruki Murakamis Roman 1Q84 übrigens tötet die Heldin Aomame ihre Opfer mit einer Nadel, die sie den Opfern in die Halswirbelsäule sticht (etwas merkwürdig mit dem Wort "Eispick" übersetzt). Raizo Ichikawa wendet diese Methode ebenfalls gelegentlich an. Man darf also spekulieren, woher Murakami seine Inspiration hatte.


Das Leben des Killers ist also bestens organisiert - bis er in einem Imbiss einer bankrotten Göre (Yumiko Nogawa) eine Nudelsuppe spendiert, die sich darauf und angesichts eines gut gefüllten Portemonnaies direkt an seinen Arm hängt und sich deutlich als Prostiuierte zu erkennen gibt. Ihre Dienste nimmt er freilich nicht in Anspruch, doch lässt sie sich auch nicht mehr abwimmeln. So drängt sie sich als die neue Bedienung in sein Lokal, vergrätzt mit einigen dreisten Lügen die Kollegin, die heimlich in den Patron verliebt war, und bedeutet also vor allem: Trouble. In ihrer leicht hysterischen Art erinnert sie an einige Frauenfiguren aus den frühen Wirtschaftsthrillern Yasuzo Masumuras, der für A CERTAIN KILLER übrigens auch das Drehbuch geschrieben hat. Die Göre schmiedet insgeheim einen heimlichen Plan, ihrem Arbeitgeber, den sie mit einem aufstrebenden aber skrupellosen Yakuza hintergeht, eine große Summe Bargelds abzunehmen.


Der Film kann also nicht nur Dank seines Plots, seiner Genreverortung und seines impliziten gesellschaftlichen Kritikpotentials überzeugen, sondern auch durch die famosen Darsteller und die tollen Bilder. Hier gibt es sehr viele schöne Kompositionen, Großaufnahmen, Schattenspiele, Stilisierungen und Landschaften. Die Bilder allerdings zeigen kein idyllisches Japan - hier befinden wir uns in halb verfallenen Häusern im Hafen, man liegt auf angeschimmelten Tatamis in einem baufälligen Haus, in der Ferne werden Container verladen und Krähen jagen durch das Bild. Industriebrache, verdorrtes Gras unter den Sohlen. Und dann der Moment, in dem Raizo Ishikawa erkennt, dass er betrogen wurde.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Cold Fish / Tsumetai Nettaigyo (Sion Sono, Japan 2010)

 

Obwohl längst nicht alle Filme Shion Sonos in unseren Breiten verfügbar sind, wird er, spätestens seit LOVE EXPOSURE, vielerorts als cineastische Gottheit wahrgenommen. Auch ein mediokrer STRANGE CIRCUS oder der völlig missratene EXTE kann daran wohl nichts mehr ändern. So ging ich also mit recht gemischten Gefühlen an COLD FISH - einen Serienkillerfilm vor dem Hintergrund dysfunktionaler Familien in neonlichterleuchteten Tropenfischfachgeschäften. Wobei in einem der beiden freilich die Verkäuferinnen in knappen Armee-Shorts und Tank-Tops herumwatscheln dürfen. Anscheinend alles nach einer wahren Begebenheit, als ob das heute noch interessieren würde, was Realität und Fiktion ist. Aber irgendwas muss man ja auf's Plakat scheiben.

Hier sehen wir also den Protagonisten Nobuyuki Syamoto, bereits etwas grau im Gesicht. Er hat es auch nicht leicht, stinkt sein Fischladen doch merklich ab gegen den Megastore von Konkurrent Murata. Eben jener Murata hat seine Tochter aufgegriffen, nachdem sie einen Ladendiebstahl begangen hat. Was sie irgendwie deshalb tat, da sie mit ihrem Leben unzufrieden ist, und auch, weil sie ihre hübsche, junge, vollbusige Stiefmutter nicht leiden kann. Ihren Papa mag sie deshalb auch nicht mehr. Aber an großen Psychologisierungsdefiziten darf man sich bei Sono nicht aufhalten, auch wenn der Film über 2 1/2 Stunden geht. Kurzum: die Delinquentin darf bei Murata in die Lehre gehen und die Stiefmutter wird im Ferrari Muratas als Zwischenmahlzeit mal kurz vernascht. So weit so schlecht für Nobuyuki Syamoto. Doch das wird er erst später erfahren. Murata selbst zieht ihn nämlich immer tiefer in seine dubiosen Geschäfte hinein. Und zu spät merkt er, auf was er sich eingelassen hat: Murata ist ein Serienkiller, der alle, die ihm im Weg stehen, kurzerhand abmeuchelt; zu einem Haus im Wald fährt (am Fujiyama vorbei), und sie dort mit seiner ebenfalls debilen jungen Gattin zerlegt.


Hier wird es nun so richtig gorig, mit viel Schlamassel auf dem Boden und abgetrennten Gliedmaßen. Gummistiefel und Handsägen. Nobuyuki muss dann anschließend alles entsorgen - kein Wunder bringt ihn das an seine Grenzen. Als Murata nun seinen "Schüler" heranzieht, beginnt dieser aufzubegehren und Selbstbewußtsein aufzubauen. Und darum eigentlich geht es in diesem Film: wie der Loser (Nobuyuki) zu sich selbst findet und endlich das Heft in die Hand nimmt. Dazu gehört natürlich erstmal eine Portion familiäre Gewalt mitsamt Vergewaltigung der Gattin und Prügel für die Göre, die nicht hören will. Dass dies alles kein Ausweg ist, merkt er aber dennoch, und geht den Weg (s)einer moralisch kruden Konsequenz.


Wenn man also gewillt ist, über den doch recht hanebüchenen Plot hinwegzusehen und oftmals durchaus dilettantische Montagen zu tolerieren, dann bekommt man mit COLD FISH einen durchweg unterhaltenden, mit popkulturellen Referenzen aufgeladenen Genrefilm, der sich in eine ziemliche Blutorgie hineineskaliert. Das macht Spaß und ist spannend (bis auf einen längeren Durchhänger etwa in Filmmitte). COLD FISH scheint mir ein Film für die Leute zu sein, die eigentlich eher Sachen wie BEDEVILLED gut finden und denen ein Schwachsinn wie ROBOGEISHA zu blöd ist. Und die es dann doch mal zwischendurch ganz gern niveaulos haben wollen. COLD FISH ist ein Schmutzfink für nach Mitternacht.

***
 

Sonntag, 27. November 2011

Arrietty - Die wundersame Welt der Borger / Karigurashi no Arietti (Hiromasa Yonebayashi, Japan 2010)


Arrietty gehört zu den Wesen der "Borger", kleinen Menschen (in etwa Senfglasgröße), die unter den Häusern in Miniaturpuppenstubenwohnungen leben und sich Nahrungsmittel und alles sonstige von den Menschen "borgen". Dazu stellen sie ausgeklügelte "Raubzüge" an und bleiben dabei aber stets aufrichtig: niemals würden sie etwas mitnehmen, was die Menschen je vermissen würden. Als ein herzkranker Junge eine Woche vor seiner Operation im Haus verweilt, lernt er zufällig Arrietty kennen und freundet sich mit ihr an. Doch sie hat unbewusst damit eine Katastrophe ausgelöst - denn ihre Familie muss nun weiterziehen, um einer Entdeckung durch bösartige Menschen zu entgehen.


ARRIETTY ist in einem wundersamen Haus vor der Stadt, inmitten eines üppigen und geheimnisvollen Gartens angesiedelt. Und fällt damit auch ein Stück weit aus der Zeit. Hier scheint alles magisch und somit möglich. Eine fette Katze streicht durchs Gras, eine Krähe attackiert mit lautem Geschrei. Erwachsene kommen nur am Rande vor - und wenn, dann sind es Großeltern, die bereits wieder für religiös-mystische Ungereimtheiten empfänglich sind. Die Hauptfiguren sind alle reinen Herzens und die Bösewichter ziehen Fratzen. Und die Spannung entsteht sowohl aus den schwindelerregenden Abenteuern als auch aus der angedeuteten, und dabei unmöglichen, Liebesgeschichte zwischen Arrietty und dem kranken Jungen Sho. Der Film findet immer die richtige Balance zwischen den Figuren und ist recht mitreissend inszeniert. Einzig die deutlich für den westlichen Markt penetrante Popmusik in der ersten Filmhälfte schlägt negativ zu Buche. Ein wahrlich schöner Film für alle Freunde von TOTORO und dergleichen Studio Ghibli-Sachen.


Überhaupt gibt es zu TOTORO einige Parallelen, wobei sich der Fokus in ARRIETTY gerade nicht bei den Menschen, sondern nun auf der anderen Seite, der mystischen Welt der "Borrowers" befindet. Dieser Perspektivenwechsel ist auch die bestimmende Prämisse des Filmes, die derart alles Erlebte gerade nicht als putziges Beiwerk inszeniert, sondern vielmehr strukturell und narrativ neu organisiert und veranschaulicht. Dass das kleine groß wird und das Normale übergroß, die Tiere zu Monstern und als Mittler zwichen Mensch und Mystik auftreten, der Mensch sogar als grobe Bedrohung auftritt, verändert die Perspektive des Zuschauers auf seinen eigenen Erfahrungsraum.


Der finanzielle Erfolg des Films ist atemberaubend - und wer sich dafür interessiert, der findet etliches im Netz dazu. Nicht nur der Film selbst (an der Kinokasse: US$ 126.368.084 weltweit), auch die Musik hat sich erfolgreich vermarkten lassen - und auch bei kritischen Instanzen wie Rotten Tomatoes erntet der Film nur lobende Worte. Kurioserweise ist der Film in Deutschland nur sehr kurz gelaufen, mit wenigen Kopien und kaum Presse. Was vermutlich daran lag, dass PONYO hinter den Erwartungen zurückblieb. Traurig, traurig. ARRIETTY ist bestes, intelligentes Unterhaltungskino.

Sonntag, 20. November 2011

Tora-San Loves an Artist / Otoko wa Tsurai yo: Watashi no Tora-san (Yoji Yamada, Japan 1973)


In der 12. Folge der Tora-San-Reihe kehrt der Herumtreiber und Straßenverkäufer Torajiro (Kiyoshi Atsumi) erneut nach Shibamata zu Onkel, Tante, Schwester und Schwager zurück. Als er erfährt, dass die Familie im Begriff ist, nach Kyushu aufzubrechen, um dort einen Urlaub zu verbringen, ist er äußerst konsterniert. Er wurde freilich nie gefragt, ob er mitkommen wolle - er ist ja aber nie zuhause und schneit stets unangekündigt (meist wenn er kein Geld mehr hat) herein. Nach deren Rückkehr trifft er einen alten Schulfreund wieder, der ihn seiner Schwester, der Künstlerin Ritsuko (Keiko Kishi) vorstellt - in die er sich prompt verliebt. Natürlich unglücklich.

Tora-San 12 zerfällt in zwei Teile, die miteinander kaum etwas gemein haben. Der Film ist ohne weiteres in zwei 50minütige Episoden aufteilbar, die einander nie bedingen. Als Film an sich ist diese Folge, konventionell betrachtet, wohl gescheitert - oder aber sie ist als perfekter Inbegriff der Serie zu verstehen, die das Prinzip der ewig sich fortführenden Episodenhaftigkeit zum Prinzip erklärt, und dieses mit aller Deutlichkeit in diesem Beitrag in eins führt. Solcherlei theoretische, scherzhafte Überlegungen gehen jedoch letztlich an den Qualitäten der Ereignisse vorbei. Denn jeder Tora-san-Film lebt von seinem chaosstiftenden, dabei liebenswert halunkischen Protagonisten, der seine Mitmenschen den letzten Nerv rauben kann, oder aber diese mit seiner Begeisterung und Offenheit zu Tränen rühren vermag. Dass sich in den süßbitteren Familientragödien auch immer eine zweite, dahinterliegende und ernste Ebene befindet, hebt die Filme aus dem Gros des Entertainmentsumpfes heraus. Zumal ein liebevoll ironischer Blick, gespickt mit zeitkritischen Details stets zur Komplexität beiträgt.

Besonders gelungen ist in dieser Folge die Eröffnungsszene, die in jedem der Tora-sans eine Traumsequenz ist: Torajiro wähnt sich im spätmittelalterlichen Japan als Retter eines Dorfes, als eine Art Robin Hood, der seine Schwester vor den Belästigungen eines Großgrundbesitzers bewahrt. Dieser hat sich während den verheerenden Auswirkungen einer Hungerkatastrophe durch Ausbeutung der Armen bereichert - doch Torajiro, der Tiger, rückt alles wieder gerade - was er in einer feurigen Rede, schneeumtost, auch zu präsentieren weiß. Für diesen leichten Größenwahn, der sich aus der Sensucht nach Anerkennung und mitmenschlicher Liebe speist, kann man ihn nur mit einem Kopfschütteln gerne haben; es ist so lächerlich und menschlich zugleich.

Auch die Ereignisse im Haus der Künstlerin sind phantastisch: schwer angetrunken verwüstet Torajiro aus Versehen ein Gemälde der Malerin, woraus sich beinah eine Prügelei mit dem Bruder ergibt. Nach diesem anfänglichen Streit kommt es aber bald zu einer Annäherung, dann zu einer ganzen Reihe von Missverständnissen, die wieder zu neuen Komplikationen führen. Und immer so fort, bis Torajiro schließlich desillusioniert der Wahrheit ins Gesicht blicken muss. Und dann, deprimiert, die Koffer packt und wieder einmal vor den Problemen davonläuft. Nicht ohne mit völlig ernster Miene seinen Angehörigen mitzuteilen, er habe ihre Gastfreundschaft nun allzu lange beansprucht und dadurch überstrapaziert. Tora-san, der Vorgaukler mit dem guten Herzen.

Freitag, 18. November 2011

Her Brother / Otouto (Kon Ichikawa, Japan 1960)

Kon Ichikawas hoch gelobtes und dabei selten gesehenes Familiendrama von 1960 ist zuletzt deswegen erneut ins Bewußtsein gerufen worden, da Yoji Yamada 2010 ein Remake des Films gedreht hat - das ich aber noch nicht gesehen habe. Hier haben wir es mit einer echten Tragödie zu tun, die uns zunächst völlig auf die falsche Fährte lockt: denn im ersten Drittel des Films werden hauptsächlich die turbulenten Familienverhältnisse dargestellt, in der Hirochi Kawaguchi, der den Bruder und Sohn "Hekiro" spielt, als Tagedieb und Taugenichts portraitiert wird, der mit seinen Streichen und Gaunereien nicht nur von der Schule fliegt, sondern auch privat viel für Unruhe sorgt. Dies intensiviert sich, als er zunehmend Schulden macht, die von den Gläubigern schließlich eingetrieben werden müssen. Im Zentrum des Films aber steht die Schwester Gen (Keiko Kishi), die sich um alles kümmern muss. Der Vater (Masayuki Mori) schreibt den ganzen Tag abgeschieden in seiner Kammer, die Mutter (Kinuyo Tanaka) leidet unter Arthrose, der Bruder ist der erwähnte Taugenichts. Die Familie ist übrigens von Rückschlägen nicht gefeit. Die Mutter ist bereits die zweite Ehefrau und ringt um die Position in der Familie. Sie wähnt sich nicht vollständig akzeptiert und versucht mit autoritärem Gebaren, ihre Stellung zu behaupten. Was ihr freilich nicht gelingt. Hekiro ist schlicht aufmüpfig, und auch Gen lässt sich kaum etwas sagen. Wobei diese selbst auch unter stetem Beschusss steht: sie ist immer noch nicht verheiratet und von allen Seiten wird ihr eingetrichtert, bald sei es zu spät. Dies ist ihr wiederum freilich ganz egal - und scheint so einer der modernen Heldinnenrollen aus Yasujiro Ozus Filmen entlehnt, die selbstbewusst einen eigenbestimmten Lebensweg anstreben.

Nun aber... der Film in Bildern:

Hier wähnt man sich fast in einem Tora-San - Film!

Ein eitler Geck mit Hitlerbärtchen, der um Gen herumcharmiert.

Der Pfau und der Bruder... zwei Rivalen im Herzen Gens?

Der Geck bedrängt Gen-chan...

...und wird gewalttätig.

Doch die Rettung kommt durch ein vorbeilaufendes Rudel Gänse!

Der Mann ist schockiert.

...und flüchtet sich vor den Tieren auf die Bank. Gen ist freilich inmitten der Tiere hinfort gehüpft.

Im weiteren Verlauf allerdings schlägt der Film ernste Töne an. Der Bruder erkrankt an Turberkulose und kann das Krankenbett nicht mehr verlassen. Gen kümmert sich rührend um ihn, und schließlich finden sogar Vater und Mutter am Krankenbett zusammen. Hier ist aber schon klar, dass sein Leben unrettbar verloren ist.




Ichikawas OTOUTO, oder häufig auch OTOTO geschrieben, ist in all seiner Heiterkeit, Schönheit und Traurigkeit auch ein herausfordernder Film. Denn der Regisseur liebt den Jump-Cut und wechselt urplötzlich die Szenerie. Auch ein ausführliches Erklären der Handlung ist seine Sache nicht. So ist der Zuschauer stets gezwungen, sich die Ereignisse, gleichwohl fortlaufend angeordnet, selbst zu erklären, und in den Gesamtzusammenhang zu stellen. OTOTO ist ein ein grandioser Film, in dem die Meisterschaft des Regisseurs im Nachhinein besonders stark leuchtet (wie schon in THE BURMESE HARP), da sie sich in einem Film offenbart, der wie mit leichter Hand dahingemalt erscheint. Eine wundersam uneitle und souveräne Art, eine Geschichte zu erzählen.

Sonntag, 13. November 2011

Serbis (Brillante Mendoza, Philippinen 2009)


Da mir nichts Originelles einfällt, zitiere ich mal Silvia Szymanski auf Facebook, die meinen Text bei Hard Sensations empfiehlt:
Nach seinem fantastisch dunklen Debut Masahista erzählt der philippinische Regisseur Mendoza nun die Geschichte einer Familie, die in einer Kleinstadt ein chaotisches, vom Lärm und Leben der Straßen durchdrungenes Pornokino namens „Family“ betreibt. Klingt sehr aufregend, was Michael Schleeh darüber schreibt.

Das freut mich natürlich. Please click *here*.

Donnerstag, 3. November 2011

Wind Blast / Xi Feng Lie (Gao Qunshu, China 2010)


Vier Polizisten jagen einen Killer und seine Frau durch die Wüste, da er in Hongkong einen Mord begangen hat. Als sie ihn dann schließlich festgenommen haben, nimmt das Drama aber erst seinen Lauf: besagter Zhang Ning (Xia Yu) hat heimlich ein Photo seines Auftraggebers gemacht, weshalb nun zwei Elite-Killer (Francis Ng, Yu Nan) des Gangstersyndikats auf ihn angesetzt sind. Und diese beiden sind Experten im Töten. (Yeah!)


Man sieht, für einen zweistündigen Blockbuster ist der Plot recht dünn. Dafür allerdings ist er zunächst einmal überhaupt nicht zu kapieren. Die Narration in der ersten Stunde ist eine totale Vollkatastrophe. Eine grausame Montage trifft auf einen verlaberten Actionplot voller Landschaftspanoramen, in dem unzusammenhängende Szenen aneinanderklebt werden, und dem z.B. die Figureneinführung völlig egal ist. Auch eine Einführung des zentralen Themas findet nicht statt: man weiß in der ersten Stunde einfach nicht so recht, wer wer ist, und um was es überhaupt geht. Der Film wirkt wie ein prototypischer derer, die zu lange in der Postproduction, bzw. im Schnitt hängen geblieben sind.


Wer ihn nun noch nicht ausgemacht hat, der wird allerdings mit der zweiten Hälfte belohnt, die den Film in toto gesehen rettet. Hier bekommt man nach und nach eine Annäherung zu den Figuren, zu den Machtverhältnissen, das Chaos lichtet sich. Sympathielenkung funktioniert. Und nicht zu vergessen: es gibt erstklassige Actionszenen zu bestaunen.

High Noon in der Wüste Gobi, freilich sehr lässig.
Wie man an den Screenshots sehen kann: der Film lebt von seinem Drehort; dieser Gangsterfilm (letztlich ist er ja nichts anderes) spielt eben nicht in den Hochhausschluchten einer chinesischen Megalopolis, sondern in den einsamen Weiten der Wüste Gobi, die mit unzähligen, wahrhaftig beeindruckenden Panoramashots eingefangen wird.

Hier hat es gerade geschneit.

Hat man also die frustrierende erste Hälfte des Filmes überstanden und genüßlich die Naturbilder delektiert, so darf man sich auf einen durchaus unterhaltenden Actionkracher in der zweiten Hälfte freuen, die eigentlich nichts anderes ist, als ein langer Showdown. Positiv zu vermerken sind die Darstellerleistungen - hier gibt es keinen blöden Humor oder nervendes Overacting. Alle agieren mit dem nötigen Ernst und sind sehr überzeugend in ihren Rollen. Über den einen oder anderen Subplot muss man allerdings auch am Ende noch hinwegsehen und sich auf das große Getöse konzentrieren, das äußerst rasant inszeniert ist. In WIND BLAST fliegt auch schon mal eine halbe Stadt in die Luft - vielleicht meint "Wind Blast" ja auch die Druckwellen der Explosionen. Warum auch nicht - wenn's gut aussieht!

Sonntag, 30. Oktober 2011

Rebels of the Neon God / Qing shao nian nuo zha (Tsai Ming-liang, Taiwan 1992)


Die beiden jugendlichen Kleinkriminellen Ah-tze (Chen Chao-jung) und Ah-ping (Jen Chang-bin) verbringen ihre Tage und Nächte in den Spielhallen Taipeis und sind ständig damit beschäftigt, Telephone und Automaten zu knacken und mit den Motorrädern durch die nächtliche Großstadt zu heizen. Dabei lernen sie die hübsche Ah-kuei (Wang Yu-Wen) kennen, die sich zu einem der beiden hingezogen fühlt - doch nach der ersten gemeinsamen Nacht scheint das Interesse von männlicher Seite abgeflaut. Währenddessen bricht der Student Hsiao-Kang (Lee Kang-sheng) sein Tutorium ab und driftet durch die Stadt. Als er von seinem Vater (Tien Miao) aufgegriffen wird, einem Taxifahrer, der den rüpelhaften Ah-tze von der Straße hupt, zerschlägt dieser den Außenspiegel des Taxis - worauf es zu einem Unfall kommt. Später entdeckt Hsiao-Kang ihn in der Spielhalle wieder und beginnt, ihn zu verfolgen. Vermutlich, um Rache zu nehmen.


Tsais erster Spielfilm ist schon beinah eine Quintessenz seines Schaffens: hier sind bereits alle Motive präsent oder zumindest angelegt, und auch der Stamm des Schauspielerensembles ist gefunden. Die Wohnung der Eltern ist exakt dieselbe, die sie auch in der späteren Filmen sein wird - etwa in THE RIVER. Ob es nun die desolaten Familienverhältnisse sind, in der Kommunikation nicht mehr stattfindet, der Aberglaube der Mutter, die Einsamkeit des Protagonisten, der prasselnde Regen, die überschwemmte Wohnung, die Lovehotels in Taipei, aber auch die naturalistische Kamera (in diesem Film sicher am "kunstlosesten"), der sprunghafte Schnitt mit seinen Jump-Cuts, die trostlosen Locations, der spärliche Einsatz der Musik, die Montage der verschiedenen Erzählstränge und die zunächst scheinbare Ziellosigkeit der Handlung - hier lässt sich all dies bereits finden. Einzig auf musicalhafte Songeinspieler und Tanzrevuenummern muss noch verzichtet werden.


REBELS OF THE NEON GOD ist zudem spannend erzählt und faszinierend zugleich, die manchmal bemängelte spröde Arthousigkeit ist noch in eine relativ stringente Narration gepackt, sodaß Tsai-Neulinge mit diesem Film nicht nur den chronologisch korrekten Auftakt zur Werkerschließung wählen würden, sondern zugleich die Gewissheit hätten, wenn dieser Film des Ausnahmeregisseurs nichts für einen ist, dass man es dann auch gleich ganz mit ihm bleiben lassen kann. Möglicherweise wäre dann erst der explizit durchsexualisierte THE WAYWARD CLOUD wieder ein Versuch wert. Mir selbst haben jedoch alle seine Filme, in all ihren verschiedenen Nuancen, sehr gut gefallen. Meine kleine Tsai Ming-liang-Werkschau ist damit erstmal abgeschlossen.

Freitag, 28. Oktober 2011

Asian Film Festival Berlin - Imagine(d) Kinships


Dieses stark themenorientierte Filmfestival geht in die dritte Runde - und wer mal eine Abwechslung zum Pornfilmfestival braucht, der könnte sich diese hier bei einem wahrlich tollen Programm verschaffen. Party gibt's auch. Ich zitiere:

Das ASIAN FILM FESTIVAL BERLIN - ehemals ASIAN WOMEN’S FILM FESTIVAL – geht mit seinem neuen Namen in die dritte Edition. Die Namensänderung geht mit einem neuen Konzept einher, das die Inklusion männlicher Filmschaffenden sowie eines größeren Themenspektrums ermöglicht. Unsere Aufmerksamkeit gilt Arbeiten aus Ostasien (Korea, Japan, China, Hong Kong) und Südostasien (Malaysia, Singapur, die Philippinen, Indonesien, Thailand, Vietnam). Wir konzentrieren uns auf Filme, die Fragen zu den vielfältigen Aspekten von Identitätsbildungen aufwerfen und kontroverse Diskussionen initiieren. Ein weiterer integraler Bestandteil des Festivalprograms sind Filme der asiatischen Diaspora.

Hier geht es zur Homepage, und hier zum Programm.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Life without Principle (Johnnie To, Hongkong 2011)


Als auf den internationalen Währungsmärkten die Krise ausbricht – und insbesondere der schwache Euro zu Turbulenzen führt – sind Risikokapitalanleger in einer schwierigen Situation: einerseits lässt sich mit etwas Glück in kürzester Zeit viel Geld machen, andererseits kann das angelegte Geld schneller futsch sein, als man Enter drücken kann. In dieser Situation ist die Investmentbankerin Teresa (Denise Ho) in einer schwierigen Position, denn ihre Umsätze stimmen nicht und der Druck durch den Chef steigt. So sieht sie sich dazu gezwungen, harmlosen, von Anlagedingen nicht das geringste verstehende Kunden zu heiklen Anlagen zu bewegen. Zugleich hat sie es mit einem schmierigen Kredithai zu tun, dessen Portfolio sie betreut, und der mit Geschäften unter der Hand und mit verzweifelten Anlegern, die schnell Bares brauchen, ein Vermögen macht. Dieser ist auch die Verbindung zur Unterwelt, zu den Triaden. Denn auch hier bestimmt alles das Geld. Lediglich der loyale Gangster „Panther“ (Lau Ching Wan) hält noch an alten Prinzipien fest und setzt sich für seine „Brüder“ ein. Als ein besonders rüpelhaftes Exemplar von der kowlooner Polizei festgenommen wird, sieht er sich dazu verpflichtet, die Kaution zusammen zu bekommen.

LIFE WITHOUT PRINCIPLE, der Eröffnungsfilm des diesjährigen Hong Kong Asian Film Festivals, den ich durch eine glückliche zeitliche Fügung in HK sehen konnte, ist ein Genrehybrid – dazu ein sehr gelungener. Ein Film, der sowohl in der Komödie (manchmal auch der albernen), als auch im Drama zu verorten ist. Johnnie To hat hier aber auch optisch wieder einen astreinen Hongkong-Film abgeliefert, der von seinen unvergleichlichen Locations lebt. Die Victoria-Harbour-Shots Richtung Central hätte es da gar nicht gebraucht, gleichwohl sind diese natürlich stets ein Stimmungsmacher. Bemerkenswerterweise hat man sich für ungeschminkten, grobkörnigen Naturalismus entschieden und gegen die Panoramapostkarte. So ist auch dieser Film in toto ausgefallen, zumindest in den Außenaufnahmen: kein Lack und Glanz, sondern Straße, verschwitzte Achselhöhlen, komische Schuhe.

Dass To zwei, vielleicht auch drei Geschichten, die auf ein gemeinsames Ereignis zulaufen, zugleich erzählt, ist das besondere narrative Konstruktionsprinzip des Films. So ist er freilich stets abwechslungsreich und überraschend, bisweilen aber wirkt er auch etwas uneben und wenig kompakt. Auch etwas mehr Zugkraft hätte man sich manchesmal gewünscht, oder schlicht: Kürzungen. Die Beratungs-Szenen in der Bank sind sehr ausführlich geraten, obwohl sie funktional natürlich über die Repetition den Humor transportieren. LIFE WITHOUT PRINCIPLE lebt nicht zuletzt von seinem hervorragenden Cast mit Denise Ho und Richie Jen, wobei hier nochmals auf den überragenden Lau Ching Wan hingwiesen werden muss, der seinem aufopfernden, dabei gerissenen Helden einen deutlich flirrenden Hauch an Trotteligkeit mitgibt, der einen auf den ersten Blick schnell in die Irre führt. Dieser Mann hat Commitment. Und LIFE WITHOUT PRINCIPLE ist ein sehr sehenswerter Film.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Michelle Yeoh und Luc Bessons THE LADY


Eine der Grande Dames des asiatischen Kinos, Michelle TIGER &DRAGON Yeoh, die die Hauptrolle in Luc Bessons neuem Film über die burmesische Freiheitskämpferin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi spielt, wurde nun die Einreise nach Burma/Myanmar verweigert. Dies dürfte zwangsläufig mit der Fertigstellung des Filmes zu tun haben, denn Yeoh hatte Monate zuvor bereits das Land mit dem Sohn Suu Kyis bereist und sich mit seiner Mutter persönlich getroffen. Michelle Yeoh hatte sich mehrere Jahre auf die Rolle vorbereitet. Siehe BBC.
Nachdem nun erste Trailer zum Film im Netz erschienen sind, hat sich herausgestellt, dass China bereits den Film verboten und jede Ausstrahlung untersagt hat (wantchinatimes). Über chinesische Suchmaschinen ist er nicht mehr zu finden. Dazu besagte Quelle:

All trailers, promotional videos and reviews about the film, directed by Luc Besson, were pulled from the internet soon after being posted and the authorities have warned against any form of publicity for the movie.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Occupy in Hong Kong


Bei meinem diesjährigen China-Aufenthalt, von dem ich gestern Nacht zurück gekommen bin (deswegen auch die Pause hier), bin ich zufällig an den demonstrierenden Occupyern an der Hong Kong Stock Exchange vorbei gekommen. Kein Wunder finden sich auch hier in dieser Stadt Unterstützer, in der es für die meisten ums Geldverdienen geht - zumindest in Central, und in der man horrende Mieten für kleinste Wohnungen aufzubringen hat. Nachlesen kann man das etwa bei Counterfire.org oder in der gebeutelten South China Morning Post.

Mittwoch, 28. September 2011

I Corrupt All Cops / Gam chin dai gwok (Wong Jing, Hongkong 2009)


Hongkong in den 70ern: Korruption und Schmiergeldzahlungen haben überhand genommen und ein normales, geregeltes Leben ist in der Kronkolonie kaum mehr möglich. Da entscheidet der Gouverneur, die unabhängige Polizeieinheit ICAC ins Leben zu rufen und mit dieser kräftig aufzuräumen. Dass das vor allem den eigenen Polizeiapparat betrifft, macht die Sache recht brisant. Einer der Beamten ist der junge Bong (Alex Fong), der als Jugendlicher von eben jenen Polizisten schwer zusammengeschlagen worden war (um von ihm als Unschuldigen ein Geständnis zu erpressen), gegen die es nun geht. Dieser Mann will Rache.

Rechts außen steht Wong Jing selbst,
der im Film als stets lächelnder Mittelsmann
sein eigenes dunkles Spiel treibt.

Kopf der korrupten Vereinigung ist Chief Constable Lak (Tony Leung), der mit seinem brutalen Handlanger Unicorn (Anthony Wong) und dem erpressbaren Gale (Eason Chen) eine schlagkräftige Truppe aufgebaut hat, die so mächtig geworden ist, dass man ihn von einem Unterweltboss nicht mehr unterscheiden kann.

Boss Lak, abgewandt, raucht sitzend Zigarre. Auch wenn gerade
der britische Inspektor den Raum betritt.
Subtile Machtdemonstration eines Paten in HK.

Wong Jing historisches Polizeiepos im Hongkong der 70er ist wie aus der Zeit gefallen: zwar werden uns dank des Off-Erzählers immer wieder die historischen Rahmenbedingungen nahe gebracht, im Filmbild selbst lässt sich das jedoch kaum verifizieren. I CORRUPT ALL COPS sieht aus wie ein hypermoderner stylisher Thriller, dem es an nichts gefehlt hat. Auch dass die Korruption zu Zeiten der britischen Regierung so ausnahmslos wucherte, dürfte der Regierung in Peking kein Dorn im Auge gewesen sein.

Aber eigentlich ist das alles auch recht egal, denn der Film bietet große fiese Schauspieler, schöne Frauen vor fantastischen Hintergründen, Action, Sex und Gewalt. Eine Geschichte zu erzählen, daran hapert es allerdings gewaltig, verkümmert doch der eigentliche Plot um den geprügelten Bong recht schnell zur Nebensache, die nur am Ende wieder partiell aufgenommen wird. Die Darstellung der Polizei-Gangsterwelt ist es, die hier im Mittelpunkt steht. Nur tritt hier alles merkwürdig auf der Stelle. Der Film gleicht einer Bestandsaufnahme, die sich nirgendwo hin entwickelt. Erst als die ICAC auftaucht, geraten die Jungs unter Druck. Doch die Arbeit der ICAC wird überhaupt nirgends genauer dargestellt - sie stehen eben plötzlich mit ihren Ausweisen in der Tür und sagen so Sachen wie: "Sie sind verhaftet!" und schauen ernst drein. Nun ja, da es sowieso kaum sympathische Figuren im Film gibt (außer Gale, der eigentlich ein "Guter" ist), bleibt man der Sache recht distanziert gegenüber. Die Photographie ist makellos, dabei völlig unpersönlich und somit uncharakteristisch. Eine Atmosphäre kann nicht aufgebaut werden. Der herausragendste Moment des Films ist vielleicht derjenige, in dem Gale von einer Geliebten, die selbst der Unterwelt angehört, gesagt bekommt, sie würde ihn verlassen. Sie habe ihn als Polizisten nur deshalb zum Freund gewählt, damit sie unantastbar bleibt. Hier gibt es bestes Hongkong-Pathos zu bestaunen, toll inszeniert und mit der entsprechenden Musik unterfüttert. I CORRUPT ALL COPS ist ein leidlich unterhaltsamer Film, den man schnell vergessen haben wird, da er überhaupt nichts Eigenständiges zu bieten hat. Schade.

Wong Jing selbst sieht das sicherlich anders, seine Filme wurden jedoch in der letzten Dekade nicht gerade mit Lob überschüttet. In einem Interview im TIME OUT HONG KONG ließ er, der sich durchaus auch mit frauenfeindlichen Sprüchen profiliert, deshalb verlautbaren:

Only rubbish people would call my movies rubbish. What qualifies them to have an opinion? Critics are not God, and it’s not for them to judge what’s good or bad; the audience should decide. It’s easy for anyone to use a pen to dismiss others. If I was to pick up my pen, they would lose 99 per cent of the time. I’ve never, ever heard a member of the audience call my movies rubbish.

Ich denke, das steht für sich selbst.

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Sonntag, 25. September 2011

Overheard / Qie ting feng yun (Alan Mak/Felix Chong, Hongkong 2009)


Die drei Freunde Johnny (Lau Ching Wan), Gene (Louis Koo) und Max (Daniel Wu) arbeiten bei einer Spezialeinheit der Hongkonger Polizei: sie sind Abhörspezialisten. Der verdächtige Finanzmagnat Will Ma (Michael Wong) ist ein Geschäftsmann, der sein Glück selbst in die Hand nimmt und mit Insidergeschäften die Börse zu manipulieren versteht. Als die Polizisten zufällig eines der Gespräche mitbekommen, verfallen sie auf die Idee, dies geheim zu halten und von den Informationen zu profitieren. Es gibt auch gute Gründe dafür: im privaten Bereich geht es drunter und drüber, das Kind Genes ist schwerkrank und braucht eine teure Operation usw. Doch recht schnell wird deutlich, dass sie sich mit einem skrupellosen Verbrecher eingelassen haben. Außerdem sitzt ihnen die eigene Aufsichtsbehörde im Genick, die Unregelmäßigkeiten festgestellt hat.

Ein weiterer Cop-Thriller aus Hongkong? Alan Mak, Felix Chong, INFERNAL AFFAIRS? Die Erwartungen sollte man besser gedämpft halten - OVERHEARD kommt an das große Monument des Polizeifilms freilich nicht heran. Aber dennoch ist unübersehbar, wie spannend, souverän und ausgeklügelt dieser Film gestrickt ist. Denn obwohl sich der Plot in seiner mäandernden Narration immer wieder weit vom eigentlichen Zentrum der Geschichte fortbewegt, so verliert er sich doch nie völlig in den Subplots. Diese dienen zur Charakterisierung der Figuren und binden so auch die Liebesgeschichte mit ein, die nicht fehlen darf. Freilich, man hätte sie einfach auch weg lassen können. Ihrer funktionellen Natur nach ist sie aber eine Präzisierung der Figur Lau Ching Wans, der mit seiner ruhigen Souveränität wunderbar den Film zu tragen weiß. Die Photographie stammt von Anthony Pun, der schon den Actionreißer CONNECTED zu veredeln wußte und aus diesem einen wahren Augenschmaus gemacht hat. Auf der Bildebene gibt es also nichts zu meckern - OVERHEARD sieht fantastisch aus und immer wieder finden sich tolle Kadragen und Blickachsen.

OVERHEARD ist vielleicht kein ganz großer Film, doch er hat mich mit seiner melancholischen Grundstimmung und in seiner kompakten Stringenz sehr überzeugt. Und so passt es wunderbar, dass in Hongkong eben Teil 2 in den Kinos angelaufen ist. Vielleicht läuft er ja in einer Woche noch, dann werde ich ihn mir vor Ort anschauen können.

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Mittwoch, 21. September 2011

Bedevilled / Kim Bok-nam salinsageonui jeonmal (Jang Chul-soo, Südkorea 2010)


Bereits die Hälfte des Films ist vergangen, wenn man zu diesem tollen Bild im Gegenlicht kommt - hier sieht man die Heldin, und wie sie eine Erkenntnis durchfährt. Hier findet der große Umschwung statt, der BEDEVILLED, obwohl schon die ganze Zeit ein mehr als ungemütlicher Film, in dem Frauen permanent verprügelt und misshandelt werden, zu seinem wahren Kern kommen lässt: zur Rachegeschichte.

Doch angefangen hatte alles ganz anders, und vor allem mit einer anderen Person - der Freundin jener Frau, die in Seoul überarbeitet einer Kollegin eine runterhaut, bevor sie von ihrem Chef zwangsbeurlaubt wird. Mit ihrer Freizeit kann sie jedoch nichts anfangen und verfällt auf die Idee, auf jene Insel zu reisen, wo sie aufgewachsen ist - zumal sie von ihrer Freundin (jener aus dem Bild) immer noch Briefe bekommt. Dort angelangt, in der ländlichen Idylle (Kontrast der weißen Haut des Städters vs. der stark gebräunten der Bauern), ist sie vor allem zuerst einmal "die Fremde". Und recht bald merkt sie dann, dass die ehemalige beste Freundin Hilfe nötig hat gegen ihren brutalen Ehemann und die gesamte Dorfgemeinschaft, die sich gegen die junge Frau verschworen hat, und die sie wie eine Sklavin behandeln. Doch die zugereiste Freundin kann sich, fatalerweise, nicht auf die Seite der Unterdrückten schlagen. Die Einzelgängerin, die selbst ein enormes zwischenmenschliches Problem hat, erkennt zu spät, dass die Welt nicht nur aus Konkurrenz besteht und darin, sich möglichst wenig Ärger einzuhandeln.


Und so ergießen sich bald einige Liter Blut in den fruchtbaren koreanischen Inselboden, wenn die um ihre Jugend und um ihr Leben gebrachte Frau die geschärfte Sichel ergreift und sich endlich gegen die Ungerechten wehrt. Der Film ist sehr schön photographiert und fantastisch ist der Umgang mit dem Score. Dieser ist äußerst zurückhaltend und in der Stille, die den Bildern Raum lässt, entfaltet der Film seine ganze Wirkmächtigkeit. Dass das Ende etwas zu lang ist, war beinah zu erwarten. Einige Fäden müssen noch zusammengeführt werden, und der Film schließt mit einem Rahmen zur Eröffnung. Dies wirkt dann sehr konstruiert und hingebogen auf seine narrative Geschlossenheit. Doch selbst im Abspann, kann man sich nicht von diesen tollen Bildern losreissen: