Direkt zum Hauptbereich

The Hole / Dong (Tsai Ming-liang, Taiwan 1998)


Eine dystopische Zukunft in den letzten Tagen des Jahres 1999: ein heimtückischer Virus, das "Taiwan Fever", das bei Ansteckung die Menschen zunächst krank, dann verrückt zu machen scheint und sie wie riesige Schaben auf allen Vieren herumkriechen lässt, hat große Teile der Bevölkerung ausgerottet. Die Stadt Taipeh ist verwaist und evakuiert - die Überlebenden befinden sich unter Zwang in Quarantänezonen (sicherlich ein Verweis auf die autoritären Machtstrukturen des Staates). Ein paar wenige Städter allerdings sind nicht bereit, ihre Behausungen zu verlassen und riskieren damit ihr Leben. Die allerletzte Möglichkeit zum Rückzug besteht zum Jahreswechsel 2000, denn ab diesem Zeitpunkt werden Wasser und Strom endgültig abgestellt. Ein junger Mann (Lee Kang-sheng) und seine unter ihm wohnende Nachbarin (Yang Kuei-Mei) wollen die Situation aussitzen, bis die Stadt wieder bewohnbar wird. Das Loch im Fussboden, durch das der Mann die Frau beobachtet, scheint der einzige menschliche Kontakt der beiden Personen zu sein - wobei sich die Frau zunächst belästigt fühlt. Diese muss nämlich, ganz ähnlich wie der Vater in THE RIVER, gegen ungeheure Massen an Wasser ankämpfen, die bei ihr die Wände herunterlaufen. Überhaupt geht Taipeh wieder einmal in den Wassermassen unter, und so reduzieren sich die Überlebensinseln letztlich sogar auf Möbelstücke. Wie hier ein Neuanfang möglich sein sollte, bleibt zunächst völlig unklar.

Dieser Film Tsais ist ein Beitrag zur Arte-Film-Reihe "The Year 2000: Seen by...". Es ist ein düsterer Ausblick, den Tsai hier vorstellt. Ein Leben inmitten des Chaos, des permanenten Regens, der auch auf der Tonspur ständig mit großer Intensität im Vordergrund rauscht, ein Film mit langen Einstellungen nackter Wände und Gebäude, verlassenen Höfen und Gängen, leeren Tiefgaragen und vereinsamten Einkaufspassagen. Gebrochen wird dieses Untergangsszenario von musikalischen Tanzsequenzen, in denen Yang Kuei-mei stark geschminkt und burlesk gekleidet Songs der Grace Chang vorträgt (ein ehemaliger Musical-Star aus Shanghai), die regelmäßig alle 15 Minuten den Film unterbrechen. Besonders der Song Oh, Calypso! bleibt im Gedächtnis, der mit seinem campy touch in großem Kontrast zur ums Überleben kämpfenden Frau steht, die aber die Begehrenssehnsucht in Lee Kang-shengs Figur zu wecken versteht. Hier manifestiert sich durchaus eine subtile weibliche erotische Kraft, die selbstbewußt ihre Existenz einfordert. In diesen Szenen, die kommentierend das Filmgeschehen illustrieren, scheint sich eine alternative Utopie zu etablieren, die der Dystopie entgegensteht. Aus diesem Grunde auch wirkt THE HOLE nicht nur wie ein pessimistischer Entwurf. Gerade in der Brechung, im Bruch, scheint sich eine Möglichkeit zum Neuanfang zu bieten, in der die zwischenmenschliche Vereinsamung überwunden werden kann. Ein Bruch, der hier tatsächlich auch den Durchbruch durch die Betondecke meinen kann. Denn da reicht man dem anderen das Glas Wasser, oder auch die Hand um ihn aus seiner unmöglichen Situation zu retten, hinein ins Licht.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…

A Pool without Water / Mizu no nai puuru (Kôji Wakamatsu, 1982)

Überdeutlich ein Film der 80er Jahre: körnige Farbflächen, Neonlicht, Großstadt. Melancholische Synthieflächen zu den Gesichtern von Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Da ist ein Familienvater, der den Alltag nicht mehr erträgt: er arbeitet bei den Verkehrsbetrieben, steht den ganzen Tag am Eingang zur U-Bahn und muss Fahrscheine entwerten. Auf dem Screenshot oben sieht man seine Hand mit dem Locher, den er in rasender Geschwindigkeit und in panischen Rhythmen zusammenklackert, ein Stakkato zur elegischen Hintergrundmusik. Ein sprechendes Bild ist das: äußerlich scheint er völlig ruhig zu sein und abgetaucht in die Monotonie seiner endlos öden Arbeit - dieses Detail aber offenbart, wie sehr er innerlich aufgeladen ist.
Diese Spannung überträgt sich bald auf die Handlung und findet ein Ventil - mehrfach wird er Zeuge, wie verschiedene Menschen, meist Frauen, Opfer von Rücksichtslosigkeiten, rüpelhaftem Benehmen oder gar körperlicher Gewalt werden. Da ist er dann de…

Nippon Connection 2017: Kohei Taniguchis Independent-Wrestling-Komödie DYNAMITE WOLF (Japan, 2017)

Der kleine Hiroto, oben links außen auf dem Bild, steckt in der Krise: er ist zwar erst in der Grundschule, doch kann er sich partout nicht dafür entscheiden, welchen Freizeit-Kurs er an der Schule belegen soll. Es versucht es mit Fußball, das endet aber dramatisch als Desaster. Da gerät er zufällig in ein Wrestling-Match mit dem berühmten Dynamite Wolf und ist wie elektrisiert: das Spektakel, die Inszenierung, das Toben der Leute vor Begeisterung - ja, da schlägt sein Herz höher und zum ersten Mal lächelt er dann im Film. Seinen Eltern und den Mitschülern erzählt er erstmal nichts von seiner neuen Leidenschaft, ist doch seine einzige Möglichkeit zu trainieren die Bekanntschaft mit einem merkwürdig abgerissenen Gesellen am Flußufer (oben rennend), der mit einer umgebauten Dummy-Sexpuppe als Sparringspartner trainiert. Ob das der richtige Umgang für einen Jungen ist, das darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.
 Aber natürlich, so will es das Gesetz des Films: es hätte ihm nichts Be…