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Atman (Toshio Matsumoto, Japan 1975)


ATMAN ist ein experimenteller Kurzfilm Matsumotos (FUNERAL PARADE OF ROSES), der sich durch eine extreme Reduktion des Settings, sowie einer übersprudelnden Üppigkeit der filmischen Mittel, gefangen in einem stilistischem Konzept, auszeichnet.



Der Film überzeugt vor allem durch seine Rigorosität, mit der er sein ästhetisches und filmtechnisches Programm durchzieht, und weiß ansonsten mit einer Offenheit seiner Bedeutung zu verstören. Was soll dieser Atman (der hier auch für die inkarnierte Person steht), ein hinduistischer Begriff der indischen Philosophie, der für das "Bewußtsein", das "Selbst" steht und auch im Buddhismus gebräuchlich ist, der sich im Westen wohl am besten als "Seele" übersetzen lässt, hier in einem japanischen Experimentalfilm? Der Atman befindet sich auf einer Fläche, ähnlich eines ausgetrockneten Flussbetts. Um ihn: Berge, Bäume, der Himmel. Die Kamera fährt in unzähligen Cannonball-Shots gegen den Uhrzeigersinn um die Figur herum, die mit ihrer dämonischen Maske, die in ihrer Ikonographie und im Filmkontext direkt an Kaneto Shindos ONIBABA denken lässt. Sie zoomt in wilden Bewegungen auf die Fratze, die Farben ändern sich permanent (wobei ein kräftiges Rot in den Hintergründen vorherrscht), die abstrakte Musik (Ichiyanagi mit einem pulsierenden, disharmonisch elektronischen Score) ändert die Tonlage, den Rhythmus, die Geschwindigkeit: Impulse für die Kamera, die Bewegung in der Distanz, in der Geschwindigkeit und im Bildausschnitt zu variieren. Immer wieder ein Wirbelwind, ein Fluss, dann Stop-Motion in verschiedenen Frequenzen. Und immer wieder erinnert der Film an die Ästhetiken moderner Musikvideos.

Ein verstörender, visuell beeindruckender und trotz seiner Reduktion erstaunlich interessanter Kurzfilm eines großen japanischen Underground-Filmemachers und Videokünstlers, dessen Oeuvre viel mehr Aufmerksamkeit zu wünschen wäre.

Kommentare

  1. Sehr schöner Film. Hab ihn gerade auf YouTube angeschaut, und in 480p und im Vollbildmodus sieht er richtig gut aus. Da gibt es noch mehr Kurzfilme von Matsumoto, etwa EXPANSION für den kleinen Trip zwischendurch, oder WHITE HOLE, in dem man wabernde kosmische Energiewolken sehen kann, wenn man will.

    Extreme Reduktion des Settings gibt es auch bei Matsumotos zweitem Spielfilm SHURA, der am Rand der Geschichte von den 47 Ronin angesiedelt ist. Hier aber in s/w mit kurzen Einsprengseln von Farbe.

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  2. Ja, da gibt es noch viel zu entdecken. "Ubuweb" ist auch eine gute Adresse. SHURA kommt auch noch irgendwann dran mit einer Besprechung.

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  3. Ich habe gestern noch ein bisschen nach den Hannaya-Masken gesucht und bin u.a. wieder bei diesem Text gelandet: http://www.ikonenmagazin.de/artikel/Shindo.htm

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    1. Das ist wirklich ein sehr interessanter Text. Aber zwei Anmerkungen: Die Vermutung, dass die beiden Filme auf Nô-Stücken beruhen, erscheint mir etwas gewagt. Zumindest der Masken-Subplot in ONIBABA beruht auf einem buddhistischen moralischen Erbauungstext, der meines Wissens keinen Bezug zum Theater hat. Eine Übersetzung des Textes ist im Booklet der DVD von Masters of Cinema abgedruckt.

      Und die Autorin erwähnt mit keinem Wort Shindos marxistischen Hintergrund. Wenn sie schreibt:

      Durch den kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Unterschied Japans zum westlichen Kulturkreis können bei der psychologischen und symbolischen Analyse relativ leicht Fehlinterpretationen des Kinos entstehen. Auch besteht die Gefahr, dass typisch japanische Codes aus einer europäischen Perspektive übersehen werden.

      ...dann ist das zwar grundsätzlich richtig. Aber bei einem Regisseur (und Drehbuchautor und (Co-)Produzent seiner eigenen Filme), der die japanische Geschichte und Mythologie aus marxistischer/sozialistischer (also letztlich westlicher) Sicht hinterfragt, sollte man diesen Aspekt aus beiden Richtungen betrachten, und das fehlt mir an diesem Text.

      Ach ja, ein dritter Punkt: Es fehlt mir auch etwas die filmgeschichtliche Einordnung. Inwiefern lassen sich die verwendeten Stilmittel (hier besonders bei KURONEKO) auch aus den Traditionen des Genres heraus erklären, etwa im Vergleich zu Mizoguchis UGETSU und den Geisterfilmen von Nobuo Nakagawa? Auch das wird überhaupt nicht thematisiert.

      Trotzdem, wie gesagt, ein interessanter und bereichernder Text.

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  4. Super, vielen Dank. Den kannte ich nocht nicht. Ich wußte ehrlich gesagt auch nicht, dass diese Noh-Maske die eines eifersüchtigen weiblichen Dämons ist. Was natürlich sehr plausibel bei ONIBABA ist. Den Ikonen-Text schaue ich mir noch genauer an...

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