Direkt zum Hauptbereich

Intentions of Murder / Akai satsui (Shohei Imamura, Japan 1964)


Es ist die beinah 2,5 Stunden andauernde, gewaltsame Unterdrückung der Frau, die in diesem Film so gnadenlos zusetzt. Daraus resultiert ein Gefühl der umfassenden Hoffnungslosigkeit, im Ambiente und den Settings eine trübe Atmosphäre der tristen Vergeblichkeit. Was immer diese Frau tut, wird ihr von den Männern aufgezwungen. Da ist es eine befreiende Wohltat, wenn sie ganz am Ende, in den letzten Minuten, wenigstens etwas die Kontrolle zurückgewinnt. Was mich verwundert hat, denn ich hätte nicht mit ihrem Überleben gerechnet.


Der Plot ist nichts für weiche Gemüter: eine etwas fülligere, vielleicht auch tumbe Hausfrau (Sadako, gespielt von Masumi Harukawa) lebt mit ihrem Gatten Koichi (Ko Nishimura) ein mühseliges Leben nahe der Bahnschienen in einem einfachen Haus. Dort wird sie eines Nachts, als ihr Mann geschäftlich in Tokyo weilt, von einem Unbekannten zunächst überfallen und ausgeraubt, anschließend vergewaltigt. Katastrophalerweise verliebt sich der Vergewaltiger in sie, sodass er sie auch in den folgenden Tagen immer wieder erneut bedrängt. Da sie von ihrem Ehemann keine Unterstützung erwarten kann (sie ist die Tochter einer ehemaligen Hausangestellten der einst gutbetuchten Familie) und Angst davor hat, des Ehebruchs beschuldigt zu werden, entschließt sie sich dazu, die Vorgänge ganz zu verschweigen und ihr Leid zu ertragen ("Wenn du es keinem erzählst, dann wird auch niemand davon erfahren!"). Ihr Mann hingegen verfügt seit gut zehn Jahren über eine junge Kollegin, die er in regelmäßigen Abständen besucht und die wegen ihm bereits eine Abtreibung vornehmen mußte. Er als Hausherr gestattet sich diese Freizügigkeiten bedenkenlos.

Nicht nur bezüglich des Übels, das dieser Frau widerfährt, ist der Film schwer zu ertragen, sondern auch in der für Imamuras nicht unüblichen Figurengestaltung, die den Protagonisten vorgibt, ihr Leid zu ertragen und das Beste daraus zu machen. Das Akzeptieren des unsäglichen Zustands und das Fügen ins scheinbare Schicksal machen den Film derart niederschmetternd, dass sogar die Entscheidung, sich nach der Vergewaltigung nicht selbst umzubringen (wie es die Etikette verlangt hätte), bereits als Erfolg und Lichtblick gedeutet werden muss. Es ist eben nicht die Auflehnung gegen die Zustände, die man hier erwarten kann. Diese Frau wird systematisch von allen um sich herum missbraucht, unterdrückt und klein gehalten. Auch ihre Schwiegermutter beispielsweise erinnert sie mehrfach daran, dass ihre Großmutter eine Prostituierte, ihre Mutter eine Kellnerin gewesen sei, die sich erhängt habe, und sie, Sadako, geradezu froh sein müsse, dass Koichi sie geheiratet habe. Dass sich Sadako um Masaru zu kümmern hat, Koichis Sohn aus erster Ehe, ist dabei eine Selbstverständlichkeit. Sadako wiederum akzeptiert dies fraglos und kümmert sich um ihn wie um einen eigenen Sohn.

Als Sadako vom Vergewaltiger schließlich schwanger wird, will sie der gestörte Irre sogar nach Tokyo mitnehmen, um dort ein neues Leben anzufangen. In zunehmenden Maße wird der Film nun von Traumsequenzen und halluzinatorischen, traumähnlichen Szenen bestimmt, sodaß nicht immer eindeutig ist, was nun tatsächliche Handlung oder Wahnvorstellung ist. Die Flucht beginnt zunächst mit dem Zug, dieser wird aber aufgrund des starken Schneefalls blockiert - worauf die Flüchtenden (keinesfalls romantisch: er geht vor, sie fünf Meter hinter ihm) sich zu Fuß in ein Dorf aufmachen, das aber von der Außenwelt abgeschnitten ist. Hier kommt es in einem Tunnel zu einer Herzattacke Hiraokas, worauf ihm Sadako anstatt seiner Medizin Gift einflößen will. Im letzten Moment aber schüttet sie es unter Tränen weg.

Interessanterweise sind alle Männer des Filmes krank. Im Gegensatz zur körperlich robusten Sadako ist das besonders offensichtlich: Koichi hat ein lebenslanges Lungenleiden, vermutlich Tuberkulose, muss immer wieder gepflegt werden und hustet große Mengen an Sputum ab; der Sohn Masaru habe laut Schwiegermutter ein schwaches Herz und wird von der Erbfolge ausgeschlossen; und auch der Vergewaltiger Hiraoka ist herzkrank, kann oft kaum gehen, und hat auch sonst einige offensichtliche psychische Schäden. Sadako ist eine schwache Heldin, aber eine bodenständige, eine erdnahe Insect Woman, die nach all den Prüfungen und den tatsächlich für viele Zuschauer moralisch fragwürdigen sexuellen Handlungen (auch mit dem Vergewaltiger) gestärkt hervorgeht und in gewisser Weise über die anderen Figuren triumphiert. INTENTIONS OF MURDER präsentiert somit eine gänzlich ungewöhnliche Souveränitätsfindung einer Frau, deren Verlauf nicht den gängigen Schemata eines moralisch einwandfreien Feminismus gehorcht.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

shomingeki deluxe: Ein Gespräch über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu (Japan, 1958)

Heiraten, ja oder nein? Und wenn, dann wen? Und was sagt der Vater dazu, wenn der Schwiegersohn doch nicht ganz den Erwartungen entspricht? Ein weiteres Mal behandelt Yasujiro Ozu dieses Thema in einem seiner späten Filme, dieses mal erzählt aus der Sicht und Perspektive des Vaters.  Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hat mich eingeladen, mit ihm über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu zu sprechen. Wir haben fast eine ganze Stunde miteinander diskutiert und hätten noch viel mehr sagen können, glaube ich. Das Gespräch findet ihr hier: 
Link
 (original Poster)

Michael Schleeh
***

Drifting In and Out of Frames: YEAH (Suzuki Yohei, Japan 2018)

Das Mädchen Ako (Elisa Yanagi) ist so etwas wie ein Geist, ein Geist auf der Suche nach der Schwester, vielleicht auch ihrer Mutter - das ist lange nicht klar. Sie wandelt durch die Landschaften dieses ländlichen Vororts. Die Einwohner scheinen sie zu kennen, behandeln sie wie ein verwirrtes Mädchen. Der Film aber behandelt sie wie eine Geistererscheinung und blendet sie immer wieder aus dem aktuellen Filmbild langsam aus. Sie verschwindet nach und nach und entstofflicht sich. Was sie wirklich ist - lebendig oder tot - das weiß man lange Zeit nicht in Yohei Suzukis schönem Film.
 In einzelnen Miniaturen führt uns YEAH in die Welt der Anti-Heldin ein. Ein  Spielplatz, ein kleiner Imbiss, ein Parkplatz. Eine ranzige Junggesellenbude. Eine ziemlich statische Kamera gibt den einzelnen Szenen einen formal-ästhetischen Zusammenhang, wie auch die etwas ausgebleichten, pastellartigen Farbtöne. Dazu das Gemurmel von Ako, die ständig etwas vor sich hin brabbelt. Sie scheint offenbar ni…