Direkt zum Hauptbereich

Berlinale: The Grandmaster / Yi dai zong shi (Wong Kar-wai, Hongkong/China/Frankreich 2013)


THE GRANDMASTER, ein Film wie nicht von dieser Welt, einer, der sich merkwürdig, der sich wie eine lange Erinnerungsspur in die Vergangenheit hinein anfühlt, der auf der Lebensgeschichte des Wing Chun-Experten Ip Man (Tony Leung) basiert, dem legendären Lehrer von Bruce Lee. Der Film erzählt vom Kampf zweier Martial Arts-Meister vor dem Hintergrund der Kriegswirren um die japanische Invasion. Zugleich ist der Film aber auch eine Liebesgeschichte (Zhang Ziyi). Ein Film der Gesichter in Groß- und Nahaufnahmen, des Ornamentalen, der entrückten Räume. Ein Film, der vorgeblich historisch erzählt und doch völlig ahistorisch ist in seiner Raumabbildung, in seinem wie von allem losgelösten Erzählfluß.

Wobei "erzählen" wortwörtlich zu verstehen ist, denn THE GRANDMASTER ist ein völlig - Entschuldigung - verlabertes Kammerspiel mit eingestreuten Kampfkunst-Sequenzen. Ein cineastisches Erzählen mit den Mitteln der Bilder findet quasi nicht statt. Die Kämpfe sind rasend schnell, ein Montageinferno der Unübersichtlichkeit, aber nicht unbedingt wegen der Schnitte, sondern weil sich immer alles aus dem Dunkeln heraus und direkt wieder ins Dunkel hinein bewegt, in den Schatten, die das Bild einnehmen, verliert. Da ist dann, wenn die Kerzen angehen, alles Ausstattungs- und Ausschnittskino, ein Charakterdrama der angeschnittenen Großaufnahmen der in die Ecken des Filmbildes abgedrängten Gesichter, die zu gravitätischen Portraits erstarren. Auch das heftige Color-Grading fällt mit der Zeit extrem negativ auf. In den Innenraumszenen meint man, es würde ständig irgendwo ein Lagerfeuer am Set brennen, so dunkelrot-orange verschattet sind die Bilder. Draußen dann in Schnee und Eis: kaltes Blau. Natürlich. Teal & Orange bis zum Erbrechen. Dass der Film in seiner narrativen Struktur dann auch permanent durch die Historie springt, tut seinem Spannungsbogen nicht gerade gut. Dieser existiert praktisch überhaupt nicht. Kein Vergleich zu seinen packenden, flirrenden und delirierenden Meisterwerken der "Frühphase".

So ist THE GRANDMASTER über weite Strecken herrlichst anzusehende, und dabei doch völlig spannungsfrei evozierte Lagerfeuerromantik im Gewande eines in edlen Sherryfässern gereiften Arthousekinos der Marke Dujardin. Wer würde da nicht gerne die Augen schließen und ein kleines Nickerchen halten!
















***

Kommentare

  1. Ich bin noch am schauen, musste aber pausieren ob jemandem das Color Grading auch aufgefallen ist. Extremes Grading ist eine Sache, wenn es, in der selben Szene, von Schnitt zu Schnitt extrem variiert, als ob ganz unterschiedliche Kameras genutzt wurden und nicht aneinander angeglichen wurden, frage ich mich was passiert ist. War das Absicht? Manchmal ist schwarz schwarz, dann grau, dann wieder grau, aber mit einem anderen Farbton. Ganz seltsam.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das hängt eventuell von deinem Ausgangsmaterial ab. Die digitalen Kopien des Films waren teilweise sehr schlecht, so war die Aufführung auf der Berlinale von der Bildqualität her eine Katastrophe. Eine Frechheit, diesen Film so zu zeigen.

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

I Am a Hero (Shinsuke Sato, Japan 2016)

Hideo Suzuki ist der Protagonist dieses Films und sein Vorname lässt sich in Kanji geschrieben wohl auch als Held lesen. Eine Tatsache, die der schüchterne Hideo verlegen weit von sich weist. Das sei er nämlich ganz sicher nicht. Vielmehr ist er, wie seine langjährige Freundin stets betont, vor allem ein richtiggehender Loser, der immer noch einem jahrzehntealten, realitätsfernen Jugendtraum nachhängt, ein echter Mangaka, ein Mangazeichner, zu werden. Nicht nur ein namenloser Assistent, der er nämlich ist. Der Filmtitel darf also getrost ironisch gelesen werden - und deutet doch darauf hin, dass mit seinem Protagonisten etwas passieren wird: ein Reifeprozeß, als es eben nicht mehr anders geht, als er dazu gezwungen wird, "seinen Mann zu stehen". Das muss er für seine Ersatzfamilie, eine Krankenschwester und das Schulmädchen Harumi, das sich zur Hälfte in einen Zombie verwandelt hat. Aber eben nur halb, und da sie sich kaum mehr richtig bewegen kann - dabei aber schubweise …

Eine Außenseiterbande stürzt ein Provinznest in Verwirrung ~ Naoko Ogigamis Komödie YOSHINO'S BARBER SHOP (Japan, 2004)

Bereits in Naoko Ogigamis Debüt-Film lassen sich viele Elemente finden, die sie in ihren späteren Filmen immer weiter ausgebaut und verfeinert hat. Alltagskomödien mit einem Schuss Quirkyness, die japanische Besonderheiten aufs Korn nehmen - so könnte man ihre Filme vielleicht ganz einfach umreißen. Hinter dieser scheinbar simplen Oberfläche aber lauert eine tiefere Schicht, eine größere Bedrohung: Einsamkeit, Verlorensein, an einem fremden Ort neu anfangen müssen (Expatriation), eine Familienkonstellation, die zerbrechlich ist. Die Bedrohungen von außen, durch die Gesellschaft. Hier, in YOSHINO, ist es vor allem die Gleichschaltung unter dem Deckmäntelchen der Kultur und Tradition, der sich Ogigami angenommen hat.
 Wer das Filmplakat studiert, sieht schnell, dass die Kinder alle denselben Haarschnitt tragen. Den bekommen sie freilich in YOSHINO'S BARBER SHOP von der resolut spielenden Masako Motai verpasst, die man aus eigentlich allen anderen Filmen der Regisseurin bereits ken…

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)

Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig.
Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ich hatt…