Direkt zum Hauptbereich

M (Ryuichi Hiroki, Japan 2006)


Verschüchteter Blümchensex ist nicht gerade etwas, was Ryuichi Hiroki zu interessieren scheint. Vielmehr sind es die psychischen Abgründe der Menschen, die sich in in seinen Filmen Bahn brechen - und diese vorwiegend als sexuelle Obsession. Auch in "M" ist das wieder so. Die zurückhaltende Protagonistin fristet ihr Dasein als Hausfrau in rechtwinklig aseptischem Ambiente. Der Gatte rennt jeden Tag ins Büro und kehrt spätabends erschöpft nach Hause zurück. Ein Bier bitte und das Essen darf sie ihm bringen, das war es dann. Der Sohn geht nun auch schon zur Schule, da weiß sie oft nichts mit sich anzufangen.

Über das Internet und das Mobiltelephon versüßt sie sich allerdings den Alltag - über eine Datingseite hat sie Kontakt zu fremden Männern und bekommt dort die Bestätigung, die ihr sonst fehlt. Wie sich dann herausstellt, trifft sie sich mit diesen Männern, und für 50.000 Yen schlüpft sie für wenige Stunden in die Rolle einer Prostituierten. Ein wenig Abenteuer, ein wenig extra Cash. Doch einmal geht es dann gründlich schief: der zunächst so nette Kunde stellt sich als creepiger Yakuza heraus, dem ihre freiberufliche Tätigkeit gewaltig stinkt - sie nimmt seinen Ladies die Arbeit weg. Da zwingt er sie, für ihn zu arbeiten, und mit den im Netz hochgeladenen Photos, die er von ihrer "Züchtigung" macht, verdient er nebenbei noch gutes Geld. Doch dann bekommt ihr Gatte durch einen Zufall die Bilder zugespielt, und die Welt scheint auseinander zu brechen.

"M" ist, wie Hirokis andere Filme, unaufdringlich naturalistisch. Die Bilder sind direkt, ungeschönt, es gibt keine extravaganten Kameraspielereien. Oft dicht an den Figuren dran. Die Musik ebenso: eingängig, unterstützend, aber reduziert. "M" ist ein Genrebastard, irgendwo zwischen Drama und Thriller, mit einigen Sexfilmeinlagen. Thematisch scheint mir der Film etwas vollgestopft zu sein. Es werden sehr viele Themen angerissen, Biographien hergeleitet, es gibt einige vielleicht unnötige Schlenker in der Handlungsentwicklung und er scheint alle Zuschauergruppen bedienen zu wollen. Dadurch wirkt "M" manchmal etwas orientierungslos. Doch die durchweg großartigen Schauspieler halten den Film zusammen, geben ihm Struktur. Auch die Sympathielenkung ist komplex, immer wieder verschieben sich die einmal aufgebauten Verhältnisse.

Aber das ist noch nicht alles: in einem weiteren Handlungsstrang knechtet sich ein junger Zeitungsausträger durch seinen tristen Alltag und findet an der mysteriösen Schönen Gefallen. Einer mit einem zerrütteten Elternhaus und einem merkwürdigen Verständnis von Sexualität. Ein Loner, dem man ein wenig Liebeserfüllung wünscht. Aber auch diesem ist Gewalt zur Durchsetzung seiner Bedürfnisse ein willkommenes Mittel. Wer darunter leidet, das kann man sich denken. "M" ist vielschichtig, deprimierend und komplex; er will etwas zuviel und wirkt manchmal überladen. Kein schechter Film, keine Frage, aber sicher auch kein Meisterwerk.

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…