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Brothers and Sisters of the Toda Family / Todake no kyodai (Yasujiro Ozu, Japan 1941)


Zum 110. Geburtstag Yasujiro Ozus habe ich mir gestern diesen mir noch unbekannten Film Ozus gegönnt, einer, der gemeinhin als Übergangsfilm, als einer seine beiden wartime films gilt, zwischen seinen beiden großen Werkphasen also, die frühe von 1927-1937, die späte von 1947-1962. Man freut sich am Schluß mit dem Film, wenn nach der turbulenten Anfangsphase der ersten Stunde die Ruhe einkehrt, der Film sich von den großen Personengruppen auf die kleinen fokussiert, das Gesprächsvolumen abgenommen hat, die kleinen Anekdoten verstummen, die Hauptfiguren mehr Raum bekommen und am Ende die Harmonie nach einer bitteren Auseinandersetzung zumindest teilweise wieder hergestellt ist. Schön, dass der recht sympathische aber unstete Held der Geschichte, Shojiro Toda (ein junger, attraktiver Shin Saburi), einer der Söhne des alten Toda den Mumm hat, sich nun gegen seine Geschwister durchzusetzen und seinen Weg gefunden hat. Und auch schön, dass die sympathischen Figuren zusammenhalten: die Tochter Setsuko (Mieko Takamine) und die Okasan, gespielt von Ayako Katsuragi.

Doch um was geht es überhaupt in diesem Gendai-geki? Die noble und wohlhabende Familie Toda begeht einen Familientag, den 69. Geburtstag des Vaters, an dessen Ende der betrunkene Patriarch einen Herzanfall erleidet und plötzlich verstirbt. Er hinterlässt alles seinen Kindern, was aber leider kein Segen ist, da sich in den letzten Jahren immense Schulden angehäuft hatten. Es stellt sich heraus, dass die einzige Option, die Schulden zu begleichen die ist, das Haus und alle Besitztümer zu veräußern, auch die große Kunst- und Antiquitätensammlung des Vaters. Darauf einigt man sich recht schnell und überraschend pragmatisch, der emotionale Verlust des zentralen Orts der eigenen Biographie, des Elternhauses sowie des Familienerbes scheint sich in Grenzen zu halten. Überhaupt merkt man recht schnell, dass der familiäre Zusammenhalt zwischen den (schon lange erwachsenen) Erben und deren eigenen Familien nicht besonders groß und liebevoll ist; die unterschwelligen Spannungen beginnen sich zu zeigen. Shojiro, der als schwarzes Schaf der Familie gilt, verkündet sogar, dass er beruflich ins Ausland geht, nach Tianjin in China, um dort einen Neuanfang zu wagen. Die Mutter und Setsuko, die mit der Begleichung der Schulden ihr Zuhause verlieren werden, sollen bei den Familien der Kinder unterkommen.

Dass der Film von Masters of Cinema/Eureka in ihrer Dual Format-Edition als companion piece zum bekanntesten Film Ozus gepackt wurde, zu TOKYO MONOGATARI, ist kein Wunder, stehen sich doch die beiden Filme thematisch sehr nahe (wie auch THE END OF SUMMER (1961) oder dem frühen A MOTHER SHOULD BE LOVED von 1934, aber den kenne ich noch nicht). Denn im weiteren Verlauf zeigt sich, dass Mutter und Tochter eben keinen neuen Platz zum Leben finden. Man erträgt sie gezwungenermaßen, aber keiner nimmt sich für sie Zeit. Hinter einer Maske der Höflichkeit werden sie zwar eingeladen, zu bleiben, doch werden sie nicht in die jeweilige Familie integriert. Man behandelt sie als Gäste, die irgendwann schon wieder abreisen werden und lässt es sie spüren, indem man Tagesabläufe plant, in denen sie nicht berücksichtigt werden. Kein Wunder kommen sich die beiden wie Störenfriede vor, und bald schon planen sie in das heruntergekommene Wochenendhaus der Familie zu ziehen, das ihnen noch geblieben ist - es hatte sich als unverkäufliche Ruine herausgestellt. 

Als dann schließlich Shojiro aus China zurückkehrt und von den Zuständen und der Respektlosigkeit gegenüber der Mutter und der Schwester erfährt, spricht er am ersten Todestag des Vaters, zu dessen Ehren die Familie sich erneut versammelt hat, ein Machtwort. Shojiro ist im Ausland zum Manne gereift, übernimmt Verantwortung und weist seine Brüder und Schwestern zurecht. Sein Angebot, die beiden Heimatlosen mit nach China zu nehmen wird nach erstem Zögern gerne von ihnen angenommen, was zugleich eine Ohrfeige für den Rest der Familie darstellt. Die japanische Familie, die in Japan ihren Platz verliert, muss ins Ausland. Hier nun lässt sich auch nicht mehr mit Begriffen wie Tradition versus Moderne argumentieren - wie das in der Filmwissenschaft gerne mit TOKYO STORY gemacht wird und die in der Regel den verschiedenen Personengruppen zugeschrieben werden, nein, in BROTHERS AND SISTERS OF THE TODA FAMILY ist das Problem ambivalenter. Es stellt sich die Frage, wer letztlich überhaupt die moderne Familie in diesem Film ist: diejenige, die den traditionellen Werten keine Wertschätzung mehr entgegen bringt? Der Film konstatiert nur einen Verfall der Werte und gibt den Familien aber keinen oder kaum einen Raum für ein eigenes Profil; man kann also gar nicht so einfach behaupten, sie übernähmen "westliche". Oder diejenige, die die alten Werte zu bewahren sucht und sich aber zugleich dem Neuem zuwendet, und dafür sogar ins Ausland geht?[*] Shojiro, die Mutter und Setsuko jedenfalls geben diesem Film, einem Film der Kriegszeit, in der die Filme voll waren von Durchhalteparolen und Patriotismus, der der japanischen Gegenwart der 40er Jahre ein zwar nicht ausschließliches, aber dafür ebenso ein bitteres Zeugnis ausstellt, am Ende eine positive Wendung, die sich aus dem Individualismus und der Stärke, der sympathischen Empathiefähigkeit Shojiros speist. Und dann ist der Film, der nur ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben dieser Leute ist, der einen kleinen Einblick uns erlaubte, einfach vorbei. Happy Birthday, Ozu-san!

***


[*] Anmerkung: Ein etwas komplexeres Thema und in einem längeren Text wäre dieser Aspekt sicherlich einer genaueren Betrachtung wert; in obiger Form meine ich das rein persönlich/individuell auf den Protagonisten gemünzt. Diese Sichtweise wird unterstützt von der Aussage Ozus, immer Filme aus dem Mikrokosmos Familie heraus gemacht zu haben, die Gesellschaft an sich habe ihn nicht interessiert. Zu Kriegszeiten ist das natürlich nochmal ein spezieller Fall, schon wegen den Vorgaben, der Zensur usw. Tianjin war bis 1945 unter japanischer Besatzung und schon seit langer Zeit neben Shanghai einer der wichtigsten Handelshäfen.

Kommentare

  1. Vielleicht ist es wirklich eine Frage, die über den Widerstreit von Tradition und Moderne hinausgeht. Ozu ergründet hier vielmehr das Wesen der Familie, indem sich Shojiro zunächst von den tradierten Familienrollen emanzipiert, um sich letztendlich doch wieder auf sie zurückzubesinnen.

    Ozu liefert hier eine deutliche Antwort auf die Frage, was die Familie überhaupt ausmacht - es sind weder Familienrituale, noch der, wie du schreibst, zentrale Ort der eigenen Biographie und auch nicht die bloße Blutsverwandtwschaft. Mit seiner Entschlusskraft beweist Shojiro, dass "Familie" für ihn letzten Endes eine Frage von aufrichtigem Einfühlungsvermögen und der Übernahme von Verantwortung ist.

    Wobei das wiederum durchaus eine in der Sphäre von Tradition und Moderne liegt - denn traditionell scheint es wichtiger zu sein, die Familienrituale aufrecht zu erhalten, wenngleich sie innerlich völlig ausgehöhlt sind, während der Ausbruch, die Individualität Shojiros es hier erst ermöglicht, sich selbstbewusst gegen die äußerliche Wertegemeinschaft zu stellen, um dadurch für die Familie einzustehen. Aber eine andere Familie, eine neue und vielleicht dadurch auch ein Stückweit eine modernere.

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    1. Ja, die (geschwisterliche) Bourgeoisie zeigt sich hier in ihrem Egoismus, während die (freidenkende) Jugend in die Zukunft weist. Vielleicht könnte man es auch so verknappen.

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  2. Thematisch scheint Ozu damit ja schon seine Spätphase eingeläutet zu haben. Von seinen beiden Übergangsfilmen kenne ich nur den anderen, ES WAR EINMAL EIN VATER, da ist das weniger ausgeprägt, weil es nur um einen Vater und seinen Sohn geht.

    Ozu ist genau an seinem 60. Geburtstag gestorben, es war also nicht nur sein 110. Geburtstag, sondern auch sein 50. Todestag. Schön, dass man aus diesem doppelten Anlass bei ARD und ZDF mit Ozu-Filmen überhäuft ... äh ... ich ziehe den letzten Satz zurück ...

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    1. Ja, das mit dem Todestag war mir bewußt - für mich persönlich ist das Datum aber eher ein Tag der Freude, weshalb ich ausschließlich auf den Geburtstag verwies. ES WAR EINMAL EIN VATER kenne ich leider noch nicht.

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