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Writhing Tongue / Furueru Shita (Yoshitaro Nomura, Japan 1980)


Wenn sich zwischen Filmen unerwartet Korrespondenzen ergeben, dann ist das, vor allem wenn es - wie hier - mir völlig zufällig passiert ist, immer eine besonders schöne Sache. Denn gerade nachdem ich Kaneto Shindos tollen Film MOTHER (1963) im Japanischen Kulturinstitut in Köln gesehen hatte, in dem eine geschiedene Mutter um das Leben ihres Sohnes kämpft, da dieser einen Gehirntumor hat (und sie sich deshalb auch an einen wesentlich älteren Mann verheiraten muss um an das nötige Kleingeld für den Klinikaufenthalt zu kommen), da habe ich zufällig diesen wunderbaren Film Nomuras gesehen, in dem eine junge Familie um das Leben ihrer Tochter Masako kämpft, die sich beim Spielen am Fluß im Matsch eine Schnittverletzungen zugezogen, die sich nun zu einer Blutvergiftung ausgewachsen hat. Tetanusimpfungen waren zu dieser Zeit wohl noch keine Selbstverständlichkeit. Bis die ersten Krämpfe kommen, ist das Mädchen gesundheitlich schon deutlich angeschlagen, und dann im Krankenhaus schließlich geht es bald ums reine Überleben, auch wenn die Ärzte, insbesondere die freundliche und optimistische Ärztin Dr. Nose, immer wieder Mut machen möchten.

In Yoshitaro Nomuras Filmen geht es häufig um bereits zerbrochene oder gerade zerbrechende Familien (-gemeinschaften). Selbst in den bekannteren Kriminalfilmen ist die Einheit der Familie immer in Gefahr, meist durch das Hereinbrechen des Todes oder einer Krankheit, durch Ereignisse aus der Vergangenheit, die die Gegenwart einholen oder schlicht durch eine Bedrohung von außen. In ZERO FOCUS (1961) reist die frisch verheiratete Protagonistin ihrem urplötzlich verschwundenen Gatten nach, und entdeckt dabei ein Geheimnis aus dessen Vergangenheit. In STAKEOUT (1958) entdecken zwei Polizisten, die eigentlich auf der Suche nach einem Mörder sind, dass die Ehefrau des Observierten missbraucht wird. In DAS DORF DER 8 GRABSTEINE (1977) reist der von seiner Familie entfremdete Protagonist in seine Heimat, nur um herauzubekommen, dass seine Familie schon seit dem Mittelalter mit einem Fluch belegt ist. In DER POLIZIST UND SEINE SCHWESTER (1975) scheint die Beziehung eines Bruders zu seiner Schwester zu zerbrechen, als diese immer selbstständiger und unabhängiger wird (und sie sich mit den falschen Typen einlässt). Und auch in einem Film wie dem kongenialen Meisterwerk DEMON / KICHIKU (1978), in dem die Familie eines Druckers am Wahnsinn seiner Frau zerbricht (auch die Frau in Kaneto Shindos MOTHER landet übrigens kurioserweise in einer Ehe mit einem Drucker), kann diesem roten Faden nachgespürt werden. Werden in den bekannteren Filmen Nomuras meist größere Strecken mit dem Zug zurückgelegt (Szenen, die in der Regel sehr ausführlich dargestellt werden in seinen Filmen, viel ausführlicher noch als bei Yasujiro Ozu), so beschränkt sich die Reise in WRITHING TONGUE auf die, die in das Hospital führt. Weitere Reisen finden psychischerweise im Kopf der Protagonisten statt, und da steigert sich das manchesmal bis ins Wahnhafte, Delirante. Was einige Kritiker dazu veranlasst hat, diesen Film als Replik auf DER EXOZIST von William Friedkin zu verstehen.

Überhaupt kann der "realistisch" erzählte Film durch seine körnigen Farbbilder überzeugen, die durch kunstvoll klare Einstellungen oft unvermittelt Atemberaubendes im Alltag finden. Ein Vorhang reicht aus, um ein enigmatisches Bild festzuhalten, ein Schattenwurf einer Tür für eine schöne Kontrastaufnahme. An der Kamera wieder und wie immer Takashi Kawamata aus seinem Stammteam, der auch ZERO FOCUS, CASTLE OF SAND, DEMON, THE INCIDENT und viele weitere seiner großen Filme über Jahrzehnte hinweg ablichtete und auch für Shohei Imamuras fantastischen BLACK RAIN verantwortlich zeichnet; oder auch für Kinji Fukasakus weniger bekannten LOVERS LOST, und früher noch für Nagisa Oshima NACHT UND NEBEL ÜBER JAPAN, DAS GRAB DER SONNE und CRUEL STORY OF YOUTH einfing. Ein Mann, der ein Leben lang für die Shochiku gearbeitet hat.

WRITHING TONGUE, das ist kein ganz großer Film Nomuras, aber einer, der einem nahe geht, der einen auch schlaucht. Und er will viel - auf seine eigentlich unspektakuläre Art und Weise. Denn auch Krankheit ist ein Exzess, durch den der Körper des Mädchens durchmuss, der nicht selten an das Aufbäumen im EXORZIST erinnert. Auch das Gesicht verändert sich, wird zunehmend faltig, verschattet, dämonisch, wird immer fahler mit dunklen Augenringen (ein Zeichen der Krankheit), die Haut wirkt greisenhaft. Auch auf die Eltern scheint "der Virus" überzuspringen, der nicht nur das Leben der Figuren bedroht, sondern auch zerrüttend auf den Zusammenhalt der Familie wirkt. Bald kämpfen die überforderten, hilflosen und sich gegenseitig beschuldigenden Eltern gegeneinander - eine Familie scheint zu zerbrechen. Und da ist dann der Film manchmal auch ein wenig sehr ausdauernd, in den endlos sich scheinbar wiederholdenden Sequenzen der Eruptionen der Krankheit, in denen sich das Mädchen auf die Zunge beißt, in den Krämpfen des Fiebers - daher der Titel WRITHING TONGUE (writhing = krümmend, sich windend). Immer wieder aber wechselt der Film dann seinen Modus, hin zu Traumsequenzen, Halluzinationen, Fieberphantasmen - und da stockt einem der Atem, wie unglaublich toll das gemacht ist. 


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