Direkt zum Hauptbereich

Devdas / देवदास (Bimal Roy, Indien 1955)


Mit der Zeile "A hot, sultry day in May,...", aufgeschlagen in einem dicken Buch mit großen Seiten und zugleich vorgelesen mit der gravitätischen Stimme eines Erzählers, die die Wichtigkeit der literarischen Vorlage des Films betont, beginnt Bimal Roys Devdas-Adaption von Sarat Chandra Chatterjees Romanvorlage. Es ist eine Überblendung aus dem Buch auf ein Schulgebäude auf dem Lande, aus dem schon die Stimmen der Kinder zu hören sind. Die Kamera senkt sich aus erhöhter Kranposition ab, hinab auf die Erde, aus der Literatur hinein in die (filmische) Wirklichkeit. Ein formvollendeter Establishing-shot.

In Devdas geht es um eines der großen klassischen Themen des indischen Kinos: die unmögliche Beziehung zwischen zwei Liebenden, die durch ihren gesellschaftlichen Status getrennt sind und die aufgrund der Schranken in den Köpfen der Menschen auch nicht zusammenfinden dürfen. In diesem Fall ist das besonders tragisch, da die beiden Charaktere Devdas Mukherjee (Dilip Kumar) und Parvati/Paro (Suchitra Sen) beide der angesehenen Kaste der Brahmanen angehören, wobei Devdas aber dennoch einer deutlich reicheren Familie mit höherem Status angehört, als Parvati. Außerdem scheint ein größeres Distinktionsbedürfnis seitens des Oberhaupts der Familie, des unnachgiebigen Vaters, vorzuherrschen, der eine Heirat der beiden untersagt. Devdas wird dann auch zum Studium an die Universität nach Kalkutta geschickt, und die verbindung zu Paro, mit der er seit frühen Kindheitstagen und aus Schulzeiten emotional liiert ist, reisst ab. So führt auch die oben erwähnte Eröffnungsszene ins Schulgebäude hinein, wo die beiden Kinder zusammen das Einmaleins lernen. Die Metaphern des indischen Kinos sind zugegebenermaßen manchmal etwas deutlich.

Im weiteren Verlauf dieses wunderbar souverän inszenierten Films kommen die Dinge aber anders als vermutet: Devdas stürzt ab, verfällt dem Alkohol. Kalkutta zeigt sich von seiner verruchten Seite, er beginnt eine platonische Affäre mit der schönen Chandramukhi (toll gespielt von Vyjayantimala), die in einem Bordell als Tänzerin arbeitet und die sich später fürsorglich um den innerlich zerrissenen und ziemlich vor den Hund gekommenen Devdas kümmert. Dieser missbraucht sie allerdings als seelische Stütze, obwohl sie offenkundig ein gemeinsames Leben mit ihm zu führen anstrebt. Parvati hingegen wird schließlich an einen älteren, ebenfalls fürsorglichen Mann verheiratet, der bereits zwei Töchter hat. 

Aber anstelle die Liebe zwischen Devdas und Parvati zu glorifizieren, wie es recht häufig in Besprechungen zu diesem Film geschieht, ist durchaus ein kritischer Blick angebracht. Es fällt mehrfach - und negativ - Devdas ruppige Art auf, die er schon als Kind Paro gegenüber anschlägt. Und dies nicht nur verbal, einmal ohrfeigt er sie sogar. Als sich Paro eines Nachts zu ihm schleicht und ihn zu überreden versucht, mit ihr zu fliehen,  traut er sich nicht und weist sie ab. Die verletzte Paro nun lässt ihrerseits Devdas immer wieder abblitzen. Dann, Zeichen seiner "großen Liebe" - es ist an Zynismus kaum mehr zu überbieten, zieht er ihr einen Ast durch das Gesicht. Ein brutaler Schlag, mit dem er sie für immer zeichnet. Wenn sie in den Spiegel schaue, dann soll die zurückbleibende Narbe Paro stets an ihren Devdas erinnern. Vor soviel Machismo fehlen einem die Worte.

Bimal Roys Devdas-Adaption gilt als die bereits sechste oder siebte ihrer Art, man findet widersprüchliche und unterschiedliche Angaben. Sie stellt zugleich ein Remake von Pramathesh Chandra Baruas bekannter Verfilmung von 1935 dar, bei der Bimal Roy selbst als Kameramann tätig war. Angeblich gibt es sogar eine noch frühere Stummfilm-Adaption von 1928 durch Naresh Mitra. Am Ende jedenfalls, da bleibt Devdas nur die Flucht in eine ungewisse Zukunft. Der Film lässt den todunglücklichen, sich auch im Selbstmitleid suhlenden Devdas vor seinen Problemen, ja vor seinem Leben davonlaufen. In endlosen Zugfahrten schließlich durch Indien driftend, wird er in einer Szene von seinem ebenfalls bereits verzweifelnden Begleiter gefragt: "Just tell me where you want to go!" Worauf Devdas lakonisch antwortet: "I want to run away from myself...There is no meaning to my life now." Ein Motto, das man dem Film getrost voranstellen könnte. Und ganz am Ende, wo die Erlösung aus dem irdischen Dasein höchsttragisch nur durch den Tod möglich scheint, da übernimmt dann auch der körperliche Verfall den Devdas ereilt, vom Film selbst Besitz: das kaputte Filmmaterial mit all seinen Ausbleichungen, Kratzern, zerstörten Flächen verengt den Fokus auf den Bildmittelpunkt, bis sich schließlich alles in konturlosem Weiß, oder, auf die Filmfigur bezogen, im Jenseits auflöst.

***


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…

Wenn die Festplatte raucht: GANTZ:0 - ein Computerspiel getarnt als Film (Yasushi Kawamura & Keiichi Sato, Japan 2016)

"We are stuck in an endless survival game!"
 Im Funkenflug löst sich das Ich auf: rausgebeamt aus dem Spielfeld, in diesem Fall die berühmte Shibuya-Kreuzung (weil: drunter geht's nicht), als das Monster mit dem Tentakelkopf erledigt ist. Der Tote bleibt zurück, die Überlebenden dürfen ins nächste Level vordringen. Nach dem Vorspann, der eigentlich keiner ist, weil nur der Filmtitel eingeblendet wird: next stop: Osaka! Dort sind weitere Monster gesichtet worden, dort muss man sie nun bekämpfen. Freilich auf der Brücke in der Fußgängerzone, in Dotonbori, vor dem Hintergrund der berühmten Werbetafelfeuerwerke (weil: drunter geht's nicht).
 Ein Film, der nicht mehr aussieht wie ein Film, sondern wie ein Computerspiel. Künstliche Charaktere mit Stimmen von Menschen. Alles präzise gesteuert, sogar das Wippen der Brüste im Kampfdress völlig CGI-verseucht. Alles designt, noch viel künstlicher als in den beiden GANTZ - Teilen zuvor. Die Kämpfe haben freilich auch nichts mit…