Direkt zum Hauptbereich

Bullets over Petaling Street (Ho Shih Phin & Sampson Yuen, Malaysia 2014)


Die Kamera senkt sich langsam herab, der establishing shot über einer Villa mit Pool. Luxus, wohin man schaut. Ein Beau in weißem Anzug steigt ins Wasser, und eine Nixe lächelt ihm verführerisch zu. Ein Versprechen auf Sex ist es, wenn sie dann vor ihm hinabtaucht, und sein Grinsen wird breiter. Doch anstatt die Hose zu öffnen, zückt sie einen Revolver und feuert unter Wasser mit eiskalter Entschlossenheit. Schnitt nach dem Overacting. Dankeschön, cut, die Szene ist im Kasten. Was der Zuschauer gesehen hat, war die subjektive Perspektive einer Filmkamera an einem Filmset im Film. Aber eigentlich geht es nicht um Meta-Spielchen, sondern um die Dame selbst: Debbie Goh als Angel / Yu Ping An, die hier die Hauptrolle in einem Erotikkrimi spielt. Ihr Mann ist der Produzent dieses Films, ein rücksichtsloser Godfather von der Petaling Street in Kuala Lumpur (das Chinatown dieser Metropole). Laute Worte, große Gesten, ein Aufschneider im Seidenflanell.

Worum es dann wiederum eigentlich geht: auf ihn wird ein Anschlag verübt, und schwer verwundet und mit blutendem Kratzer am Arm flüchtet er mit allem Geld seiner Triadenbande auf eine Insel (im Handgepäck ebenso: die aktuelle Affäre). Angel stinkt das gewaltig, zumal nun die Finanzierung des Films gefährdet ist. Doch ihr Mann hinterlässt auch ein Machtvakuum. Und es kommt, wie es in solch einer Komödie kommen muss: die Frau muss ran. Erst wird Gangster gespielt, dann muss sie echter Gangster sein. Von der Inszenierung des Lebens zur gelebten Inszenierung, da sie sich erst in die Rolle finden muss. Und sie macht ihre Sache gut im Machtkampf auf eben jener Petaling Street, wo sich die vier größten Triaden bekämpfen, wo einer Bruder Lionhead heißt und ein anderer Bruder Leopard, ein weiterer Kontrahent Bruder Einauge oder so. Und die sympathische Angel sieht nicht nur blendend aus, schnell findet sie die Schwächen ihrer meist recht debilen Gegner heraus und kann mit Intellekt, den albernen Sidekicks und ihren langen Beinen punkten.

Bullets over Petaling Street ist dabei nicht gerade eine cineastische Meisterleistung. Das geringe Budget wird nicht immer unbedingt durch Leidenschaft und Könnerschaft aufgewogen, da fehlt es dem Film an allen Ecken und Enden. Auch die Stilmittel der hysterischen Groteske und der hemmungslosen Blödelei werden sowohl überstrapaziert als auch allzu genrekonform eingesetzt. Wahnwitz macht sich leider niemals breit, und so ist dieser Film vielleicht gut gemeint, aber letztlich doch sehr doof, eigentlich. Es fehlt ihm der Mut. Man stelle sich eine strunzdumme Wong Jing-Komödie aus Hongkong vor, nur ohne Geld. Dann bekommt man Bullets over Petaling Street. Ein wenig schade ist das schon, vor allem weil Debbie Goh tatsächlich ihre Sache - als beinah einzige des Ensembles - gar nicht so schlecht macht. Sie ist übrigens eigentlich von berufswegen Model und war 1999 Miss Malaysia. Sampson Yuen, einer der beiden Regisseure, ist von Haus aus TV-Produzent, und dieser Ho Shih Phin ist bisher auch nicht weiter irgendwie aufgefallen. Der Film ist ihre erste Regieleistung. Nun ja, da ist noch Luft nach oben.

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…