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9413*, Hongkong/Seoul-Tagebuch, Teil 1


von Stefan Borsos

Eigentlich hätte an dieser Stelle ein Text/Bild-Essay zu Daniel Lee und dessen neuestem Film DRAGON BLADE stehen sollen, aber wie das manchmal so ist, hat sich alles etwas nach hinten verschoben und es ist schon Zeit für den ersten Teil meines Tagebuchs, das ich auf einer Forschungsreise nach Hongkong und Seoul führe und unregelmäßig alle paar Tage hier veröffentlicht wird. Nun hielt sich mein Bedürfnis nach Tagebuchführen bislang in engen Grenzen und auch mein Talent für spannende Alltagsbeobachtungen dürfte allenfalls mäßig ausgeprägt sein. Mögen folgende, mehr oder minder zusammenhängende Impressionen und Notizen dennoch von Interesse sein!

Es ist bereits der fünfte Tag in Hongkong und der schwül-heiße Sommer bleibt unbarmherzig. Nichtsdestotrotz scheint in der Filmwelt momentan eine enorme Betriebsamkeit zu herrschen. Carol Lai, Alan Mak und Lawrence Ah Mon befinden sich in der Vorproduktion für neue Projekte, Henry Lai legt gerade letzte Hand an die Filmmusik für Dante Lams von vielen sehnlichst erwarteten Fahrrad-Sportfilm TO THE FORE und Jack Ng schlägt sich die Nächte um die Ohren, um das Buch zu COLD WAR 2 zu vollenden. Nur so zu tun, als ob man beschäftigt sei, mag zwar zum Geschäft gehören. Dennoch bin ich einfach mal wohlwollend und glaube, dass bei allen Projekten ganz bestimmt auch fertige Filme herauskommen...

Die eigentliche Grund für die Reise, ein Dissertationsprojekt, treibt mich täglich ins örtliche Filmarchiv, wo es vor allem Exemplare des so genannten Jane-Bond-Zyklus zu sichten und zu entscheiden gilt, inwieweit diese tatsächlich etwas mit dem britischen Bond zu tun haben. Das Label, von Sam Ho in den 1990er Jahren ersonnen, ist zumindest insofern diskussionswürdig, als dass die Filme in den 1960er Jahren trotz teils klarer Bond-Bezüge unter anderen Bezeichnungen firmierten und selbst in der filmografischen Aufarbeitung Hongkonger Filmgeschichte durch das Archiv Hos Begriff keine Erwähnung findet. Nun hat sich seither ein Diskurs etabliert, der eine Auseinandersetzung mit dem Begriff erfordert. Nichtsdestotrotz gibt es Jane-Bond-Filme, die ganz viel mit Bond zu haben, und Jane-Bond-Filme, die nach 'westlichen' Maßstäben allenfalls als Krimikomödien durchgehen. In Jedem Fall scheinen feinere, klarere Ordnungsmaßnahmen angebracht.
Im November, auf meiner ersten Reise, hatte ich auch Gelegenheit, Chung Chang-whas weitgehend in Hongkong gedrehten Spionagethriller SPECIAL AGENT X-7 (1967) zu sichten, der, so will es der Mythos, Run Run Shaw dazu veranlasste, Chung nach Hongkong zu holen. Es handelte sich um eine Mandarin-sprachige VHS-Kopie in unansehnlichem Vollbild - aber die wohl momentan einzig zugängliche Version des Films (selbst das Filmarchiv in Seoul besitzt keine Kopie).

Dazu angeregt, dieses Mal etwas intensiver nach verborgenen Schätzen des Archivs Ausschau zu halten, bin ich auf zwei Filme gestoßen, die in frühen Retrospektiven des Hong Kong International Film Festivals (HKIFF) gezeigt wurden, aber danach kaum in entsprechenden Diskursen auftauchten und derzeit sonst nirgendwo verfügbar sind: COLD BLADE (1970), Chor Yuens erster wuxia-Film und zugleich eine der letzten Cathay-Produktionen überhaupt, sowie ANTI-CORRUPTION (1975) von Ng See-yuen.
COLD BLADE ist ein Film des Übergangs: Nach einer Karriere im kantonesischsprachigen Kino, wechselt Chor Anfang der 1970er Jahre notgedrungen zur mandarinsprachigen Konkurrenz - aus Chor Yuen wird Chu Yuan. Die Bavaeske Titelsequenz ist großartig und weist bereits auf Chors geradezu obsessive Beschäftigung mit dem wuxia-Schriftsteller Gu Long ab Mitte der 1970er Jahre hin. Wie die Vorlage sind auch die Stilmittel identisch: Zwei Schwertkämpfer trainieren in extremen Zeitlupenstudien, inmitten dicker, exquisit choreografierter Nebelschwaden und künstlichen Studiosets. Die wunderbar surreale Atmosphäre nimmt einen sofort gefangen. Interessant auch der Musikeinsatz zu Beginn des Films. Chor verzichtet auf allzu viele Dialoge und lässt in teils langen Totalen die Musik erzählen. Then the plot thickens - und der Film schlägt in seinen Handlungs- und Actionszenen leider einen anderen Weg ein, nutzt nur noch sporadisch die für Chors spätere Arbeit so typische mise-en-scène und Ausstattung. Die generische Handlung um eine Gruppe von Song-Rebellen im Kampf gegen Invasoren aus dem Norden ist zwar ordentlich verwickelt und mit Blick auf die zahlreichen Plottwists und eine tragische pan-ethnische Liebesgeschichte durchaus überraschungsreich und interessant, aber es fehlt dem Film insgesamt an Originalität. Die Action beispielsweise, mitchoreografiert von einem jungen Chan Koon-tai, der auch eine kleine Nebenrolle als Schurke hat, ist weitgehend konventionell. Chor wird mit Filmen wie DUEL FOR GOLD (1971), INTIMATE CONFESSIONS OF A CHINESE COURTESAN oder THE KILLER (beide 1972) weitere, mitunter spannendere Wege und Richtungswechsel erproben, bis er schließlich 1976 mit dem Trio KILLER CLANS, THE MAGIC BLADE und THE WEB OF DEATH endgültig zu seinem eigenen Stil im wuxia-Genre findet. COLD BLADE lässt sich mithin als Arbeit vieler Anfänge und Möglichkeiten verstehen, Möglichkeiten, die allerdings kaum ausgespielt werden. Besonders in ästhetischer Hinsicht kommt der Film zuweilen disparat und holprig daher, so dass einzelne Sequenzen wie die Titel zweifellos beeindrucken, er in seiner Gesamtheit aber nicht völlig überzeugen kann.

Neben JUMPING ASH (1976) von Leong Po-chih und Josephine Siu Fong-fong gilt Ngs ANTI-CORRUPTION als einer der stilbildenden Kriminalfilme in der Frühphase der Hongkonger Nouvelle Vague. Dass wegen des akuten Kopienmangels Genrebeitrage der Shaw Brothers zugunsten unabhängiger Produktionen vernachlässigt wurden und mithin historische Einschätzungen aus heutiger Sicht etwas schief anmuten, bedarf sicher einer Korrektur. Ungeachtet dessen ist ANTI-CORRUPTION ein vergnüglicher, bisweilen ausgesprochen kurioser Film. Zu Beginn bemüht er Tropen des police procedural und braucht ein wenig, bis sich so etwas wie ein Plot in Gang setzt. Irritierender Weise ist es nicht der junge Polizist, der sich über den Umschlag mit Geld wundert, den der Film in den Blick nimmt, sondern ein britischer Vorgesetzter namens Hunter weit oben in der Hierarchie, dessen Schmiergeldzahlung bittersüße Erinnerungen in ihm weckt. Es ist wohl kein Zufall, in jedem Fall amüsant, dass der Darsteller verblüffende Ähnlichkeit mit Prince Charles und besonders Peter Cushing besitzt und mit seinen tätowierten Unterarmen wie ein Matrose mit einem Faible für flamboyante 70er-Jahre-Klamotten aussieht. In der Rückblende sehen wir, wie dieser anfangs naive, aufrechte Brite nach Hongkong kommt, von den Chinesen korrumpiert wird und sich, als hätte er keine andere Wahl, sich dem korrupten System ergibt. Doch man weiß natürlich, dass das nicht lange gut gehen kann. Kaum ist die Rückblende beendet, tritt die ICAC auf den Plan und rettet den Tag, indem sie alle korrupten Polizisten, einschließlich Peter Godbers, der hier als Nebenfigur erscheint, dingfest macht. Sie tut das in einer zielstrebigen Weise, jedes Mal pointiert durch ein besonders dynamisches Musik-Thema, das die Ermittler regelrecht zum schnellen Laufen und Ermitteln anzutreiben scheint. Und weil am Schluss alle Schuldigen im Knast sitzen, endet der Film mit fröhlicher Orchestermusik.
Obwohl Ngs Film Korruption ähnlich wie Peter Yungs äußerst bitterer THE SYSTEM (1979) als systemisches Problem etabliert, scheint er sein eigenes Konzept zu unterlaufen, indem er plötzlich die ICAC aus dem Hut zaubert, die dann alles in kürzester Zeit lösen kann. Ein Irritationsmoment bleibt insofern, als dass keiner der ICAC-Ermittler näher charakterisiert wird, selbst die sauberen Polizisten erhalten verhältnismäßig wenige Szenen. In Erinnerung bleiben schließlich vor allem die Beschattung Godbers, bei der er nur entkommen kann, weil der verfolgende Ermittler in einem Kiosk mit Sexmagazinen versumpft, eine Montagesequenz, die den Aufstieg Hunters in der Polizeihierarchie mit Sex und dem Kauf eines Diamantrings für seine Freundin zusammenbringt, oder auch eine Art Mitgliederversammlung korrupter Polizisten, auf der die britischen Darsteller (als Ergebnis von Ngs Schauspielführung?), in Mimik und Gestik chinesische Schauspiel-Tropen reproduzieren.

Am Samstag Abendessen mit Herman Yau und einigen Freunden (darunter auch die Schriftstellerin Erica Li, als Drehbuchautorin eine von Yaus stock company). Yau ist gut gelaunt und lässt mich an seiner Ironie und schlichtem Unsinn fast verzweifeln. Ich frage mich, ob Chapman To vielleicht etwas damit zu tun hat, bei dessen Aussagen man nie so richtig sicher sein kann, ob man nicht einer schelmischen Flunkerei aufsitzt. Yaus Blacklist-Film MOBFATHERS ist gerade abgedreht, aber es gibt - natürlich - bereits ein neues Projekt: NESSUN DORMA, ein Thriller, dessen Dreharbeiten im August beginnen werden. Irgendwann im Laufe des Jahres soll auch Yaus Dissertationsprojekt zur Geschichte der politischen Zensur im Hongkong-Kino kommen. Nach einer gewissen Durststrecke ist Yau wieder gut im Geschäft. Seit meinem letzten Besuch sind drei neue Filme in die Kinos gekommen: KUNG FU ANGELS, SARA und AN INSPECTOR CALLS. Der wirklich relevante davon mag SARA sein, ein u.a. von Derek Elley reichlich missverstandenes Charakterdrama um die Beziehung der jungen Sara (Charlene Choi) zu einem viel älteren Beamten (Simon Yam), der gegen Sex ihre Ausbildung finanziert. Es gäbe viel zu sagen über diesen nicht unproblematischen Bildungsroman, über moralische Perspektiven, Vermarktungsstrategien - und mithin auch über Elleys, in seinem speziellen Branchenblatt-Sprech und -Blick besonders dumme Kritik. Dennoch möchte ich viel emphatischer auf einen spannenderen Film verweisen: AN INSPECTOR CALLS, ein Neujahrsfilm mit den üblichen Verdächtigen, dem als Konzept allen Ernstes ein sozialkritisches Theaterstück des Briten J.B. Priestley aus den 1940er Jahren zugrundegelegt wurde. Die Überraschung dabei: Es funktioniert. Auf eine irrsinnig bekloppte Weise, aber es funktioniert. Die Rückblenden, in denen das Fehlverhalten der Aristokratenfamilie gegenüber einer vermeintlichen Selbstmörderin nach und nach aufgedröselt wird, bietet genügend Raum für die Entfaltung des Plots, aber auch für die typischen Zutaten des Neujahrsfilms; am besten hierbei Raymond Wongs alle Peinlichkeit hinter sich lassende Verwandlungen und Verkleidungen sowie Donnie Yens Gastauftritt als Sänger einer Oldie-Schnulzen-Performance. (Dass Yen überhaupt die nötige ironische Distanz zu sich bzw. seinem Image besitzt, um einen solchen Auftritt zum wiederholten Male durchzuziehen, ist ein größeres Wunder.) Dabei geht es traditionsgemäß bunt und dank der theatralen Sets tendenziell surreal zu. Auf meine Frage, wer zum Teufel auf sowas kommt (und auch noch finanziert), ernte ich nur Gelächter. Leider war AN INSPECTOR CALLS sowohl in Hongkong wie auch in Festlandchina ein Flop, was wohl weitere Experimente mit der Neujahrs-Formel erst einmal wieder beenden dürfte. Schade!
Über SARA will Yau (erst einmal) nicht (mehr) reden, ebenso wenig über KUNG FU ANGELS; wenn auch wohl aus sehr unterschiedlichen Gründen. Noch weniger ist er jedoch erfreut, als das Gespräch über Umwege auf Wong Jing kommt. Offenbar sind die beiden keine großen Freunde. Das gilt ebenso für Stephen Chow und Jackie Chan, wie sich herausstellt. Sicher war es nicht erst die Umbrella- und Occupy-Central-Bewegung, die gewisse Konfliktlinien innerhalb der Hongkonger Film Community hervorgebracht hat. Dass sie seitdem klarer sichtbar werden, lässt sich allerdings kaum leugnen. Jedenfalls scheint mir, dass die Positionierung gegenüber Festlandchina und damit verbundene grundlegende (Identitäts)fragen (v.a. was ein Hongkong-Film ist/war/sein könnte/zu sein hat etc.) weiterhin die Filmemacher umtreiben wird. Yau erzählt später, dass er von seinem alten Kumpel Ivan Lai ständig gebeten wird, auf dem Festland zu arbeiten. Bislang hat er immer abgelehnt...

Zur Hongkong-Premiere von Soi Cheangs SPL2: A TIME FOR CONSEQUENCES gibt es das nächste Mal etwas. Vielleicht so viel vorneweg: Mein lieber Herr Gesangsverein, SPL2 ist eine völlig wahnsinnige Martial-Arts-Oper und tatsächlich ein ziemliches Meisterwerk!

*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...

Stefan Borsos

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