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9413*, Hongkong/Seoul-Tagebuch, Teil 2

Da wählt man aus Jux einen Titel - und schon kommt die Realität dem Sprichwort näher, als es einem lieb ist: 9413 und MERS allenthalben. Die TVB-Nachrichten schießen sich darauf ein, China gibt eine Reisewarnung für Südkorea heraus, in Seoul verweilende Studenten aus Hongkong treten mitten im Semester die Flucht an (und werden prompt vom Dozenten rausgeschmissen). Und das alles obwohl sich bislang alle Verdachtsfälle in Hongkong als negativ herausgestellt haben. All das erinnert an die Berichterstattung deutscher Medien zu SARS damals. Dieselbe Hysterie, dieselbe Meinungsmache. Da werden dann auch die nüchternen Einschätzungen der WHO und der südkoreanischen Experten von radebrechenden Hongkonger Ärzten hinterfragt. Bitteschön ja keine Vernunft und Gelassenheit aufkommen lassen.

Passend dazu sehe ich Choi Kai-kwongs Indie-Produktion THE SAND PEBBLES, die er selbst in einige Kinos gebracht hat. Choi ist aus seiner Generation einer der wenigen, die immer noch mit allen Mitteln versuchen Filme zu machen. Die meisten anderen New Waver aus der zweiten Reihe sind in der Lehre versumpft bzw. entsprechend emeritiert (Lau Shing-hon, Peter Yung) oder sind, meist schon in den 1990ern, wieder beim Fernsehen gelandet (Alex Cheung, Terry Tong). Nun ja, nicht jeder heißt Tsui Hark oder Ann Hui. Choi jedenfalls, das merkt man dem Film recht deutlich an, musste offenbar mit einem Winz-Budget auskommen. Dass er dabei auch eine seiner Töchter besetzt hat, erweist sich aber überraschender Weise als Glücksfall. Neben Altstar Paw Hee-ching ist sie die einzige, die schauspielerisch überzeugen kann. Die Prämisse ist ebenfalls recht vielversprechend: Drei völlig unterschiedlich aufgewachsene Jugendliche werden vorübergehend bei ihrer Großmutter abgeladen, die, so will es Chois Versuchsanordnung, 2003 ausgerechnet in Block E der Amoy-Garden-Siedlung wohnt, wo das SARS-Virus auf besonders heftige und unerklärliche Weise zu wüten beginnt. Das Problem aber ist nicht nur der Holzhammer, der das Parabelhafte besonders platt erscheinen lässt (die drei Jugendlichen sind natürlich eher Konzepte als Figuren), sondern auch die beiden anderen Darsteller; mit ihren bisweilen unerträglichen Overacting hätten sie besser in eine Cinema-City-Komödie der 1980er Jahre gepasst. Letzterer Eindruck mag der Dramaturgie geschuldet sein - schließlich müssen die zunächst völlig selbstbezogenen Kids einen Lernprozess durchlaufen -, dennoch brachte mich ihre unerträgliche Larmoyanz dazu, sie schon nach kurzer Zeit zu hassen. Beklemmend wird der Film immer dann, wenn er den Alltag beschreibt, Details und Rituale wie das Temperaturmessen aufgreift, wenn er fast schon beiläufig vermittelt, wie das Leben und die Bewegungsfreiheit zunehmend eingeschränkt werden, bis das Gebäude schließlich geräumt wird. Im Grunde scheint Choi aber nicht so recht gewusst zu haben, worauf er hinaus will: Parabel, Sozialstudie, Horrorfilm oder teils komisch angelegte coming-of-age-Geschichte. Er bringt diese disparaten Elemente, anders als es vielleicht Fruit Chan getan hätte, nicht überzeugend zusammen. Choi selbst scheint ebenfalls nicht so recht zufrieden mit dem Ergebnis. Dennoch wünscht man ihm, dass es nicht wieder vierzehn Jahre dauert bis zu seinem nächsten Film. Seine Projekte jedenfalls, die im Drehbuchstadium stecken geblieben sind (u.a. ein historischer, in Penang angesiedelter Actionfilm mit Jackie Chan), klingen spannender als vieles, was in den letzten Jahren in den Verwertungskreislauf gelangt ist.

Auch SPL 2: A TIME FOR CONSEQUENCES, um meine Gedanken nachzureichen, klingt zunächst vielleicht wenig zwingend, aber Regisseur Cheang Pou-soi gelingt es tatsächlich, alle Schwächen des ersten Films (und damit meine ich vor allem das Buch, das die Geschichten von Donnie Yen und Simon Yam/Sammo Hung wenig überzeugend zusammenbringt) restlos zu tilgen und sogar noch eins drauf zu setzen. Was Cheangs Film vor allem - jenseits einiger atemberaubender Action-Setpieces (großartig: Max Zhang) - auszeichnet, ist seine in sich geschlossene, durch und durch pessimistische Weltsicht und die Sicherheit, dass all das, was schlimmer werden kann, auch tatsächlich schlimmer wird. Wie fein die melodramatischen Fäden schicksalhaft miteinander verwoben sind, ist erstaunlich und erinnert in dieser Konsequenz etwas an Bollywood-Filme von Manmohan Desai. Deshalb geht auch jegliche Kritik an vermeintlich unrealistischen, unglaubwürdigen Wendungen und Zufällen völlig am Punkt vorbei. SPL2 ist auch nicht wirklich Cheangs Rückkehr zu ACCIDENT (2009), wie in einer der ersten Rezensionen geschrieben wurde. Das Konzept mag durchaus thematische Überschneidungen mit dem Milkyway-Way-Korpus besitzen, aber der eigentliche Bezugspunkt, ästhetisch wie auch tonal, ist Cheangs rabiater DOG BITES DOG (2006). Die Welt, die Cheang in SPL2 entwirft, mit ihren korrupten Cops, brutalen Gefängniswärtern, skrupellosen Organhändlern (kantonesischer wie nordkoreanischer Provenienz) und zum Tode geweihten Kindern, ist streckenweise schwer zu ertragen. In beiden Filmen ist ein Menschenleben beängstigend wenig wert. SPL2 ist cineastische Schwarzmalerei par excellence - aber auch einer der besten Actionfilme der letzten Jahre.

Im Laufe der nächsten Tage verpasse ich leider die Eröffnung der Hongkonger Zweigstelle der L'Immagine Ritrovata, die nun unter der Leitung von Bede Cheng Klassiker des asiatischen Kinos restaurieren wird (nachdem die Firma bereits sieben Projekte in Italien abgeschlossen hat; das jüngste, die 4K-Restauration von Woos A BETTER TOMORROW (1986) erlebte gerade in Shanghai seine Weltpremiere).

Ebenfalls zu kurz kommt leider die aktuelle Filmreihe des Filmarchivs, die unter der Überschrift "The Art of Film Scripting" in Vorführungen und Diskussionsrunden den in Hongkong eher mäßig respektierten Autoren huldigt. Kuratorin Winnie Fu verschafft mir immerhin ein Interview mit Chan Man-keung, der vor allem als Autor für Ann Hui (SUMMER SNOW), Lawrence Ah Mon (GANGS) und zuletzt Stephen Chow (KUNG FU HUSTLE) bekannt wurde - aber, so höre ich zum ersten Mal, auch ein Schüler von Stephen Siu (Sen.) ist. Siu begann seine Karriere beim Fernsehen und avancierte später als Autor und Produzent zu einer zentralen Figur in Johnny Maks Produktionsfirma. Obwohl Mak seit Anfang der 1980er Jahre bis in die frühen 1990er eine feste Größe in der Produktionslandschaft war, hat man sich bislang kaum darum bemüht, das 'System Johnny Mak' zu verstehen. Im Vergleich zu Tsui Harks Film Workshop, Golden Harvest oder Cinema City (Retrospektive wahrscheinlich nächstes Jahr) ist entsprechend wenig bekannt über die Strategien und Abläufe bei Mak und Co. Selbst meine wiederholten Gespräche mit dem jüngeren Bruder Michael Mak konnten bislang nicht alle Unklarheiten beseitigen. Chan gelingt es durchaus, das Bild weiter zu vervollständigen. Was aber auch er nicht beantworten kann, ist die ein Frage, die jedem unter den Nägeln brennt, der Maks furioses Regiedebüt LONG ARM OF THE LAW (1984) gesehen hat: Warum er danach nie wieder einen Film inszeniert hat. Chans Erklärungsversuch geht so: Da Mak sowieso immer die Zügel in der Hand hatte, war es egal, ob Michael, David Lai oder Taylor Wong die Regie übernahm. Das passt nun nicht unbedingt zu dem, was ich von Michael gehört habe...

Dann Treffen mit dem wie immer unermesslich großzügigen Law Kar und Sam Ho, zwischendurch weitere Filmsichtungen im Archiv. Beim Mittagessen mit Samson Chiu erfahre ich, dass I AM SOMEBODY, der neue Film von Derek Yee, an dem Chiu beteiligt war, richtig gut geworden ist. Er selbst soll die Spielszenen eines Big-Budget-Actionfilms inszenieren, arbeitet aber auch an einem eigenen Projekt. Neben erleuchtenden Ausführungen, wie in den 1960er Jahren mit einer neuen Generation gewitzter Werbe- und PR-Profis auch neue Wege der Übersetzung 'westlicher' Konzepte und Titel in die Film(kultur) Einzug halten, klärt er mich fast beiläufig auch darüber auf, warum der Kanto-Regisseur und -Produzent Chung Kwok-yan (HIRED GUNS, ORDINANCE 17) immer noch so etwas wie ein Phantom darstellt. Chiu hatte Chung zum ersten Mal vor ein paar Jahren erwähnt und damals provokativ behauptet, Chung hätte das, was Johnnie To in ELECTION im Hinblick auf Triadenkultur getan hat, bereits Anfang der 1980er Jahre erledigt. Kein Wunder, da Chung scheinbar selbst zu den Triaden gehörte.

Next Stop: Seoul!

*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...

Stefan Borsos

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