Direkt zum Hauptbereich

Assassination Classroom (Eiichiro Hasumi, Japan 2015)


Man kann Assassination Classroom jedenfalls nicht vorwerfen, es würde nichts passieren! Nach der Sichtung fühlte ich mich wie nach einem Schleudergang in der Waschmaschine. Es ist einfach irre viel und irre schnell, was und wieviel hier passiert. Und geredet wird auch permanent, man kommt also mit dem Untertitellesen kaum nach. Ein Film für eine junge Manga-Generation, die ihren gelben außerirdischen Smiley-Helden auch in der Live-Action-Filmversion erleben will. Und ein Erlebnis ist es definitiv. Leider ist das alles auch ein bisschen Fast Food-Kino: Ist geil und haut gut rein, der Nährwert hält sich aber in Grenzen. Da ist der Film ganz ähnlich wie die Gantz- oder die Death Note-Reihe, dabei ohne ganz so sympathisch zu werden, wie die letztgenannte. Sehr gut gemacht, viel Aufwand, viel Worldbuilding, viel Technik. Und total konstruiert, zweiter Teil schon längst geplant. Keiner bekommt Zeit zum Atmen. Der Film rückt einem unheimlich dicht auf die Pelle, man fühlt sich in ein System gepresst.

Die Aliens haben ein Stück aus dem Mond herausgebissen (deswegen der Halbmond) und rasen auf die Erde zu. In ein paar Wochen werden sie auch diese zerstören, wenn nicht die in Ungnade gefallenen Schüler eines Elitegymnasiums, die Schüler der Klasse E-3, es in der Zwischenzeit schaffen, dem Alien das Handwerk zu legen. Also: ihn zu töten. Ausbildung zum Assassinen. Das Problem dabei: das gelbe Ding ist extrem flink (Mach 20), intelligent, und abgeschlagene gelbe Tentakel wachsen sehr schnell nach. Außerdem kann es seinen Körper transformieren und sich in neue Formen verwandeln, wodurch es quasi unmöglich ist, es einzufangen. Plötzlich stellt sich aber heraus, dass es auch ein ziemlich guter Lehrer ist, und je besser die kleinen Killer werden, desto weniger wollen sie es tatsächlich umbringen. Sie geben ihm auch einen Namen: er ist der Koro-sensei, der tödliche, grausame Lehrer. Doch eine Wahl haben sie wohl nicht.




Die Schüler der "Kunugigaoka Junior High School" setzen also erstmal alles daran, sich für den Kampf fit zu machen. Dabei kommt es freilich auch zu Konflikten, Mobbing, Liebeleien. Es gibt Unterstützung von einer blonden Profikillerin mit großer Oberweite und langen Beinen, und auch eine neue Schülerin in Form eines Roboters tritt auf den Plan. Aus ihren Armen wachsen Schnellfeuergewehre, die einem John Rambo gut stehen würden - und die man sich auch in einem Takashi Miike-Film vorstellen könnte. Es wird also geballert und gefightet, was das Zeug hält. Leider dann auch so viel, dass sich Ermüdung und Ödnis einstellt. Der Film wird irgendwann sehr episodisch, durchläuft eine Trainingscamp-Etappe, ein nächtliches Stelldichein im Frauenbadehaus, immer wieder neue, kreative Versuche, Korosensei zu töten, und bald treten üble Typen auf den Plan, die immer nur Schreien, herausfordernd Kaugummi kauen und Armeehosen tragen. Das große Problem an der Sache: unter den Schülern bildet sich keine richtige Hauptfigur heraus, die als Sympathieträger gelten könnte. Anders als zum Beispiel im Manga, wo gleich zu Beginn der schüchterne Schüler Nagisa Shiota im Zentrum steht. Der Film fokussiert sich mehr schlecht als recht auf drei bis vier Hauptcharaktere, ohne dass sie durch eine eigene Persönlichkeit wirklich greifbar werden würden. Das ist sehr schade, denn so fehlt die wirkliche Sympathiefigur, die einen auch emotional ins Geschehen hineinziehen würde.

Letztendlich habe ich den wilden Ritt, so anstrengend er war, doch auch sehr genossen: für seine völlig konsequente Durchgedrehtheit, seine Rasanz, seine technische Perfektion und die campigen Mädcheninternatszitate. Ein wenig coming-of-age, ein wenig japanische Provinz, ein wenig katastrophale globale Weltpolitik. Wie menschliche Zuneigung Verbindungen schafft und doch auf ein völlig rücksichtsloses, wenn auch noch so süßes, tödliches Gegenüber trifft. Eine ziemlich unfassbare Manga-Quirkyness ist das, und am Ende gilt eben immer noch: 

KILL YOUR TEACHER!!!

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…