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That Girl from Nobuhiko Obayashi's TABETA HITO (1963)

Sie ist eine stille, junge Frau, die hier als Kellnerin die vorwiegend männlichen Gäste bedient. Die essen Nudelsuppe, schlingen sie runter wie die Tiere und auf der Tonspur hört man das Schmatzen und Grunzen der offenen Mäuler - so laut muss es in ihren Ohren dröhnen, das Tagein-, Tagaus-Immergleiche, ihr eklig werdender Soundtrack des Alltags. Diese ganzen Männer, die sich kurz den Magen vollfressen, bevor sie wieder verschwinden in ihre wichtigen Büros zu ihren wichtigen Jobs mit ihrer wichtigen Unersetzbarkeit. Sie aber stellt nur die Teller hin. Man schaut kaum hoch, wenn sie bedient. Wer ist sie schon. Sie scheint der Aufmerksamkeit nicht wert zu sein, im busy business life mitten in Tokyo - allenfalls die schrill lachenden Mädchen, die affektiert zu rauchen versuchen als wären die Amerikaner immer noch da im Jazzclub ums Eck, werden von den Sararyman wahrgenommen. Eingeladen, wer weiß, vielleicht für ein schnelles Nümmerchen in einem naheliegenden Love Hotel. Doch ihr ist das alles egal und zuwider zugleich. Bis sie dann schließlich doch umkippt, vor Ohnmacht, vielleicht aus Respekt vor dem eigenen Leben, das hier verschwendet wird. Als sie erwacht, jedoch, befindet sie sich noch tiefer drin in Obayashis surrealem Kurzfilm, da werden Nudeln aus ihrer geöffneten Lende gelöffelt und ein hungriger Mann lebt in ihrem Bauch. Aber hier sehen wir sie noch, wie sie noch ganz aufrecht steht, ein bisschen gelangweilt, auf einem Bein balancierend. Kurz vor dem Entsetzen und dem Dahinsinken, wie ein Filmstar in einem großen Hollywoodfilm. Und am Ende bleibt nichts als leere Melancholie.








Michael Schleeh

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Kommentare

  1. Interessant. TABETA HITO habe ich auf die Schnelle nicht gefunden, dafür habe ich einige andere Filme von Obayashi angesehen. DANDAKO, KATAMI, COMPLEXE, EMOTION und CONFESSION sind alle interessant, letzterer aber aufgrund seiner Länge und fehlender Untertitel auch anstrengend. Insgesamt fällt eine gewisse stilistische Ähnlichkeit zu Terayama auf (monochrom, v.a. grün, viragierte Sequenzen, Weißblenden und andere stilistische Eigenheiten, auch inhaltliche Überschneidungen), mit dem Obayashi befreundet war, wie ich gelesen habe. Jetzt muss ich mir vielleicht doch mal eine DVD von HAUSU zulegen.

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    1. Ja, da gab es mal eine Veröffentlichung von Obayashis experimentellen, kürzeren Filmen. Ob die noch erhältlich ist, weiß ich nicht - ich kann es mir aber nicht vorstellen. TABETA HITO habe ich vor längerer Zeit mal im Netz aufgetrieben, ich weiß aber nicht mehr, wo. Wenn Du ihn noch sehen möchtest, kann ich ihn Dir gerne zukommen lassen.

      HAUSU ist - von dieser Warte aus gesehen - eine Verlängerung des durchgedrehten Experimentalfilmers in den kommerziellen Genrefilm hinein. Soll heißen, die generische Struktur einer wohlbekannten Geschichte wird übernommen um in ihr allerhand Schabernack zu treiben. Und so wird man auch an allen Ecken und Enden durch groteske Regieeinfälle überrascht. Ich habe mir schon seit längerem die beiden viel versprechenden Filme SUMMER AMONG THE ZOMBIES und THE DRIFTING CLASSROOM zurecht gelegt, aber noch nicht die Zeit oder den rechten Moment gefunden, sie anzuschauen.

      Es ist shön, mal wieder von Dir zu hören, Manfred!

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    2. TABETA HITO brauchst Du mir nicht zukommen lassen, denn nach zwei grüßeren Runden an DVD-Bestellungen kurz hintereinander sitze ich jetzt auf einem ziemlichen Berg an ungesehenen Filmen, den es abzutragen gilt. Die von mir genannten Filme von Obayashi gibt es momentan alle auf YouTube, teils in guter und teils weniger guter Qualität. Bis auf CONFESSION haben sie entweder engl. Untertitel, oder sie brauchen keine. Das Logo, mit dem alle diese Filme beginnen ("un film de NOBUHIKO OBAYASHI" in ansprechender grafischer Gestaltung) ist aber merkwürdigerweise auf Französisch.

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