Direkt zum Hauptbereich

The Bride of Rip Van Winkle (Shunji Iwai, Japan 2016)


 

Nachdem Shunji Iwai für zumindest europäische Kinobegeisterte eine knappe Dekade lang ziemlich von der Bildfläche verschwunden war (was zwar nicht ganz der Wirklichkeit entspricht, aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist, wenn man die reine Spielfilm-Produktion betrachtet), erscheinen nun in kurzem Abstand zwei neue Filme des Meisters von ALL ABOUT LILI CHOU-CHOU und LOVE LETTER (hier das Review zu THE CASE OF HANA & ALICE). RIP VAN WINKLE ist hier in Hong Kong gerade regulär mit einem kleinen, limitierten Start angelaufen. Aber dass starkes Interesse besteht, ist überdeutlich: die Vormittagsvorstellung, die ich besuchen konnte, war bis auf fünf Plätze ausverkauft - und der Film läuft schon seit knapp einer Woche mit mindestens zwei Vorstellungen am Tag. So sehr ich mich darüber gefreut habe, so sehr hat mich jedoch der Film wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Denn mit der Euphorie war es spätestens in der zweiten Spielfilmhälfte vorbei.

Die junge Nanami (Haru Kuroki) schlägt sich als Teilzeit-Lehrerin durch und ist ein von Natur aus ziemlich schüchternes Wesen. Das bereitet einige Probleme, etwa wenn die Schüler ihrer Klasse sich über sie lustig machen, sie nicht wirklich ernst genommen wird. Eines Tags spielen sie ihr einen Streich und legen ein Mikrofon aufs Lehrerpult: Sie solle bitte von nun an das Ding benutzen, man könne sie so schlecht verstehen. Was wohl irgendwie auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist, ganz verschüchtert flüstert sie mehr, als dass sie autoritär ihre Stimme gebrauchen würde. Nach kurzer Unsicherheit greift sie zum Mikrofon und beginnt die Stunde. Die Schüler brechen in schallendes Gelächter aus und verspotten die arme. Das alles hat auch ein folgenschweres Nachspiel, da sie nun erstmal zum Rektor darf und später dann sogar den Job verliert. Sie wäre nicht souverän genug als Lehrerin. Von da an setzt eine geradezu mysteriöse Abwärtsspirale in ihrem Leben ein, da sie nun ohne Anstellung ist. Zugleich allerdings hat sie über eine online-Dating-Webseite einen jungen Mann namens Tetsuya (Gô Jibiki) kennengelernt, der es ihr sehr angetan hat. Und sie ihm. Kurze Zeit später heiraten die beiden, allerdings ohne sich richtig zu kennen. Da Nanami aber ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern hat - welche beinahe schon geschieden sind-, und auch sonst mit wenig Standards dienen kann, die die japanische Gesellschaft von ihr verlangt, so wie etwa eine große Verwandtschaft, heuert sie beim windigen Unternehmer Amuro "Familienmitglieder" für die Hochzeit an, die eben diese für einen Tag lang spielen sollen. Nicht unüblich in Japan, wie man lernt. Was sich freilich schleichend etabliert, das ist ein Ebene der Täuschung, der Lüge, des Ungewissen und des Mysteriums im Leben der jungen Frau. Sie hatte natürlich immer aus einer gewissen Not heraus und nach bestem Wissen gehandelt, doch mit wem sie sich eingelassen hat, das kann sie unmöglich wissen. Das betrifft sowohl ihren Mann, als auch den zwielichtigen Unternehmer Amuro, der jede Dienstleistung anbietet (ein typischer "jack-of-all-trades"), die er stemmen kann.

Shunji Iwai zeichnet diesen Amuro als manipulative Karikatur, mit stets neuer Verkleidung, neuen Visitenkarten, mit mysteriöser abgedunkelter Brille, plötzlich wie aus dem Nichts auftauchend, Nanami immer zu etwas drängend, was "gut für sie" sei. Das ist mehrfach an der Grenze zur Übergriffigkeit, und freilich fragt man sich, was er mit ihr wohl anstellen will, wohin er sie lotst. Sie aber kann sich kaum wehren, ist tatsächlich manchmal ein ziemliches Schaf und lässt sich allzu leicht zu Dingen bringen, die gegen ihren Willen sind. Man befürchtet das Schlimmste. Und manchmal lässt einen Iwai dann auch hinter die Fassade dieses Amuro schauen, etwa wenn er sie vor einer vorgetäuschten Vergewaltigung rettet, ein abgekartetes, sehr grausames Spiel, dann steht Amuro als strahlender Retter da, auf den sich die junge Frau  verlassen könne. Und sie wird, tatsächlich immer stärker von ihm abhängig. So zerstört er alle verlässlichen Pfeiler ihres bürgerlichen Lebens: ihre Ehe, ihren Beruf, ihre Bleibe. Bis er sie schließlich dort hat, wo er sie haben möchte: in einem riesigen Anwesen an den Grenzen der Stadt - wie in einem Märchen. Mittlerweile hat sie auch eine mysteriöse Frau kennengelernt (die dürre Grazie Cocco, die man etwa aus Tsukamotos KOTOKO kennt), mit der sie sich anfreundet. Dann stellt sich wieder heraus, dass ihr das Anwesen gehört und Nanami deren Angestellte ist.

Man sieht, es geht recht konfus zu in diesem Iwai. Immer noch eine Plotschleife, immer noch eine Manipulation, immer noch eine Unwahrscheinlichkeit mehr. Die Atmosphäre der subtilen Bedrohung, die in der ersten Filmhälfte sauber aufgebaut wird, zerstört sich durch die immer kurioseren Zusammenhänge sukzessive selbst. Der Film wird das Ungetüm eines märchenhaften "anything goes", bei dem man immer weniger gewillt ist, mitzugehen. Das Anhäufen gerät so zum Überhäufen, und die eigentlich schlanke Plotlinie des Anfangs wird durch den Erfindungsreichtum des Drehbuchs erstickt. Man gewinnt den Eindruck, dass in diesem Film viele Filme stecken. Dass hier jemand zu lange an einem Drehbuch gesessen und dabei das Gefühl für die richtigen Proportionen verloren hat (Iwai selbst). Es hat sich in mir verstärkt dann ein immer größer werdendes Gefühl des Unmuts geregt, das mir den Film beinahe verleidet hätte. Bevor er dann ganz am Ende mit einer absurden Szene endet - die allerdings auch deutlich macht, wie sehr die Anti-Heldin die Übersicht über ihr eigenes Leben verloren hat. Ganz so, scheint mir, wie der Regisseur die Übersicht über seinen eigenen Film.

Michael Schleeh

***

P.S.: Gesehen habe ich die zweistündige Fassung. Es gibt außerdem noch einen (um eine Stunde längeren) dreistündigen Director's Cut.

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Wenn die Festplatte raucht: GANTZ:0 - ein Computerspiel getarnt als Film (Yasushi Kawamura & Keiichi Sato, Japan 2016)

"We are stuck in an endless survival game!"
 Im Funkenflug löst sich das Ich auf: rausgebeamt aus dem Spielfeld, in diesem Fall die berühmte Shibuya-Kreuzung (weil: drunter geht's nicht), als das Monster mit dem Tentakelkopf erledigt ist. Der Tote bleibt zurück, die Überlebenden dürfen ins nächste Level vordringen. Nach dem Vorspann, der eigentlich keiner ist, weil nur der Filmtitel eingeblendet wird: next stop: Osaka! Dort sind weitere Monster gesichtet worden, dort muss man sie nun bekämpfen. Freilich auf der Brücke in der Fußgängerzone, in Dotonbori, vor dem Hintergrund der berühmten Werbetafelfeuerwerke (weil: drunter geht's nicht).
 Ein Film, der nicht mehr aussieht wie ein Film, sondern wie ein Computerspiel. Künstliche Charaktere mit Stimmen von Menschen. Alles präzise gesteuert, sogar das Wippen der Brüste im Kampfdress völlig CGI-verseucht. Alles designt, noch viel künstlicher als in den beiden GANTZ - Teilen zuvor. Die Kämpfe haben freilich auch nichts mit…

Nippon Connection 2017: Kohei Taniguchis Independent-Wrestling-Komödie DYNAMITE WOLF (Japan, 2017)

Der kleine Hiroto, oben links außen auf dem Bild, steckt in der Krise: er ist zwar erst in der Grundschule, doch kann er sich partout nicht dafür entscheiden, welchen Freizeit-Kurs er an der Schule belegen soll. Es versucht es mit Fußball, das endet aber dramatisch als Desaster. Da gerät er zufällig in ein Wrestling-Match mit dem berühmten Dynamite Wolf und ist wie elektrisiert: das Spektakel, die Inszenierung, das Toben der Leute vor Begeisterung - ja, da schlägt sein Herz höher und zum ersten Mal lächelt er dann im Film. Seinen Eltern und den Mitschülern erzählt er erstmal nichts von seiner neuen Leidenschaft, ist doch seine einzige Möglichkeit zu trainieren die Bekanntschaft mit einem merkwürdig abgerissenen Gesellen am Flußufer (oben rennend), der mit einer umgebauten Dummy-Sexpuppe als Sparringspartner trainiert. Ob das der richtige Umgang für einen Jungen ist, das darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.
 Aber natürlich, so will es das Gesetz des Films: es hätte ihm nichts Be…