Direkt zum Hauptbereich

Tamasha - Der Zauber in Dir (Imtiaz Ali, Indien 2015)

 

Warum immer dieselbe Geschichte erzählen? So steht es auf dem indischen Filmplakat dieser Romanze von Imtiaz Ali, und das gibt schon sehr schön vor, wohin es in Tamasha geht. Denn die Tagline ist zudem durchaus auf einer Meta-Ebene zu verstehen. Der Film erzählt eine Liebesgeschichte, so wie wir sie kennen und hunderte Male bereits gesehen haben – aber neu, er bricht sie auf, wiederum durch eine Geschichte, die -als fake- die eigentliche wahre Geschichte des Geschichtenerzählers ans Tageslicht bringt. Aber um weniger theoretisch zu bleiben: zwei Menschen begegnen sich auf Korsika – und aus einer Laune heraus, weil das ja langweilig wäre, beschließen sie, fiktive Biographien anzunehmen und alles zu tun, auf was sie Lust und Laune haben. Es soll auch ausdrücklich viel geschwindelt werden. Nur: die wirklichen Namen und die Biographie bleiben unbekannt, und das ist dann so wie beim Karneval: „was in Korsika geschieht, das bleibt in Korsika.“ Augenzwinkern. Ved, gespielt von Ranbir Kapoor, wird beispielsweise zu "Don", dem fiktiven, mega-coolen indischen Geheimagenten, dem Shah Rukh Khan in bereits drei Sequels ein Gesicht gegeben und ins kollektive indische Bewußtsein gehievt hat. Sie (als Tara, gespielt von Deepika Padukone) wird zu Mata Hari – und was soll man sagen: sie fühlen sich befreit von allem Ballast, den das konventionell-gesellschaftliche Dasein einem auferlegt. Mit allen überflüssigen Sprachhülsen und Abläufen. Sie verbringen glückliche (und auch hemmungslose) Tage miteinander, und als Tara ihren Pass wiederbekommt – sie hatte ihre „Identität“ sprichwörtlich verloren – reist sie wieder nach Kalkutta und zurück in ihr altes Leben. Allein, sie kann sich mit ihrem Dasein als Businesswoman nicht mehr anfreunden. Ved geht ihr nicht mehr aus dem Kopf, und also beschließt sie, ihn in Delhi aufzuspüren.

Imtiaz Ali hat nun nach einigen Liebesfilmen (z.B. auch in unseren Breiten bekannt: Jab We Met (2007)) gezeigt, dass er zu ungewöhnlichen Ausflügen bereit ist. Denn seine Filme haben immer etwas Ungewöhnliches, Brüche und neue Ansätze, die man mit klassischem Romantikkino aus Bollywood nicht unbedingt assoziieren würde. Oder man denke nur an den aus jedem Ruder laufenden Rockstar von 2011. Besonders augenfällig dann im gedämpfteren aber wirklich großartigen, verstörend schönen Entführungsdrama Highway (2014), der auch auf der Berlinale lief und international breite Anerkennung

Auch Tamasha beginnt bereits radikal: auf einer Theaterbühne wird ein futuristisch-retro-dilettantes Theaterstück aufgeführt, bei dem uns ein roboterhafter Pappmaché-Ranbir erzählt, dass das Leben ganz allgemein aus ausgelutschten Routinen besteht und wir alle zu Erfüllungsmaschinen einer entmenschlichten Gesellschaft geworden seien. Also wolle man das Leben einmal anders betrachten: was wäre, wenn die ganze Welt eine Bühne wäre, auf der sich alles abspielen könnte, nach dem sich die Menschen sehnen! Und einen Schnitt weiter sind wir bereits in der Jugend des Erzählers Ved angekommen, wo er als Junge zu einem Einsiedler hinauswandert, der ihm für kleines Geld immer wieder eine neue Geschichte erzählt. Dieses Geschichtenerzählen, das immer die Chance auf einen neuen Weg, eine (andere) Möglichkeit der geglückten Lebensführung beinhaltet, wird den Jungen niemals loslassen – und viel später dann, wenn er sich für alle verbogen haben wird (besonders für seinen Vater, der ihm stets ein ausgesucht schlechtes Gewissen zu machen versteht), da braucht es eine Mata Hari, die ihm zeigt, dass er mehr ist als nur ein durschnittlicher Typ mit einem durchschnittlichen Job und durchschnittlichen Bedürfnissen. Hier also die Romanze, und der Mechanismus dieses Genres verhindert dann natürlich erst einmal das Zusammenkommen und Glücklichsein der Protagonisten; bevor man über Umwege und Lektionen, die das Leben erteilt, bereit ist, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen und aufs gemeinsame Glück zuzumarschieren.

Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass Ranbir Kapoor und Deepika Padukone wunderbar zusammen harmonieren, wirklich großartig spielen und auch die Musik von Komponist und Multi-Instrumentalist A. R. Rahman wieder einmal unfassbar toll ist. Er hat schon mit allen Größen zusammen gearbeitet, von Mani Ratnam, über Deepa Mehta und Subhash Gai, Shyam Benegal und Ashutosh Gowariker bis eben hin zu neuen Hoffnungsträgern wie Imtiaz Ali. Dessen Filme, das wird mit jedem neuen Film deutlich, lassen sich nicht so einfach klassifizieren, sie entziehen sich einfachen Schubladen und wagen auch strukturell neue Wege im Hindi-Kino. Alis Helden sind dabei selbst Suchende, Träumer und Wanderer, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht gefunden haben und auch den nicht akzeptieren wollen, der ihnen vorgeschrieben wird. Imtiaz Alis Filme sind also sowohl von ihrer Handlung, als auch von ihrer Machart her, Grenzgänger des Mainstream-Kinos, die sich nicht vereinnahmen lassen und ins Neue, Offene und Freie streben. Schön, dass wir der Entwicklung dieses Regisseurs beiwohnen dürfen und herzzerreissend, dass dabei solche Filme wie Highway und Tamasha entstehen.

Zur DVD-Veröffentlichung:

Die DVD ist gerade bei Rapid Eye Movies erschienen und kommt in der Erstauflage mit beidseitigem Poster. Außerdem finden sich neben den Songs noch der Trailer und etwa 25 Minuten Deleted Scenes auf der Disk. Die deutschen Untertitel des Hindi-Original-Tons sind ausgezeichnet. Außerdem liegt der Film in deutscher Synchronisation vor. Eine Blu-ray-VÖ ist ebenfalls im Handel verfügbar. Alles in allem: eine rundum zufriedenstellende Veröffentlichung.



Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

shomingeki deluxe: Ein Gespräch über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu (Japan, 1958)

Heiraten, ja oder nein? Und wenn, dann wen? Und was sagt der Vater dazu, wenn der Schwiegersohn doch nicht ganz den Erwartungen entspricht? Ein weiteres Mal behandelt Yasujiro Ozu dieses Thema in einem seiner späten Filme, dieses mal erzählt aus der Sicht und Perspektive des Vaters.  Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hat mich eingeladen, mit ihm über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu zu sprechen. Wir haben fast eine ganze Stunde miteinander diskutiert und hätten noch viel mehr sagen können, glaube ich. Das Gespräch findet ihr hier: 
Link
 (original Poster)

Michael Schleeh
***

Drifting In and Out of Frames: YEAH (Suzuki Yohei, Japan 2018)

Das Mädchen Ako (Elisa Yanagi) ist so etwas wie ein Geist, ein Geist auf der Suche nach der Schwester, vielleicht auch ihrer Mutter - das ist lange nicht klar. Sie wandelt durch die Landschaften dieses ländlichen Vororts. Die Einwohner scheinen sie zu kennen, behandeln sie wie ein verwirrtes Mädchen. Der Film aber behandelt sie wie eine Geistererscheinung und blendet sie immer wieder aus dem aktuellen Filmbild langsam aus. Sie verschwindet nach und nach und entstofflicht sich. Was sie wirklich ist - lebendig oder tot - das weiß man lange Zeit nicht in Yohei Suzukis schönem Film.
 In einzelnen Miniaturen führt uns YEAH in die Welt der Anti-Heldin ein. Ein  Spielplatz, ein kleiner Imbiss, ein Parkplatz. Eine ranzige Junggesellenbude. Eine ziemlich statische Kamera gibt den einzelnen Szenen einen formal-ästhetischen Zusammenhang, wie auch die etwas ausgebleichten, pastellartigen Farbtöne. Dazu das Gemurmel von Ako, die ständig etwas vor sich hin brabbelt. Sie scheint offenbar ni…