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Bajirao Mastani (Sanjay Leela Bhansali, Indien 2015)


Ein Historienepos, angesiedelt im 17. Jahrhundert, ein Kostümfilm, der durch seinen Detailreichtum begeistert und der alles, was da ist, in jedem Moment überhöht: Bajirao Mastani erzählt die unglückliche Liebesgeschichte vom Peshwa und Kriegsherren Bajirao aus dem Marathen-Reich (Ranveer Singh) und seiner zweiten Frau Mastani (Deepika Padukone), die aus religiösen Gründen nicht zueinander finden können. Während in der ersten Filmhälfte der Fokus auf imposanten Schlachten liegt, verlagert sich die Handlung in der zweiten immer mehr in die Innenräume der Festungen und Tempelanlagen – und somit auch in die Innenwelten der Charaktere. Dort dann auch eindrücklichste Song & Dance-Szenen, die sowohl durch ihre visuelle Opulenz als auch durch die tollen Songs zu überzeugen wissen. Aber auch Bajiraos Kriegstanz „Malhari“ im Zelt auf weiter Steppe ist ein grandioser Einblick in die Fähigkeiten dieser Regie und ihrer Akteure. Freilich, es wird alles bis in die Karikatur hinein verzerrt. Man sieht aber direkt, wie dieser Film funktioniert.

Der religiöse Graben, der sich bald als tiefer Riss durch das Glück der Protagonisten zieht – auch, verständlicherweise, verstärkt durch die Eifersucht von Bajiraos erster Frau Kashibai (Priyanka Chopra) - läßt schon früh erahnen, dass diese Heldengeschichte nur mit dem Exil oder dem Tod der Helden enden kann. Zu unvereinbar scheinen die religiösen Positionen zu sein, die um die jeweilige Gewaltenhoheit fürchten. Am Ende ist Bajirao Mastani wohl so etwas wie eine Romeo & Julia-Variation mit Schlachtfeldern und Glaspalästen und Boudoirs, bei der ein familiärer Konflikt auf Nationen und Glaubensgemeinschaften ausgeweitet wurde. Ein hauchdünner Plot, der nicht von den visuellen Reizen des Filmes ablenkt. Mughal-e-Azam, anyone?

Wenn ein Film viele Jahre in der Planung ist und dann immer wieder aus verschiedensten Gründen verschoben wird, dann tut ihm das in der Regel nicht gut. Bajirao Mastani merkt man davon nichts an. Ganz im Gegenteil, alle Energie scheint in die Perfektioniereung der Bilder geflossen zu sein, die zwar – im besten Sinne – Überwältigungskino bieten, aber dennoch nie das Auge für das richtige Maß vermissen lassen. Dass der Film dann doch nicht ganz so hohe emotionale Wellen geschlagen hat, wie zum Beispiel zuletzt der völlig euphorisch gefeierte Baahubali, das könnte zum einen am allzu bekannten Plot, zum anderen an der autoritären Reserviertheit von Ranveer Singhs Filmfigur Bajirao liegen. Diesem Herrscher und Krieger, der selbst ein zerrissener ist, kann man mitunter nur schwer nahe kommen. Viel eher sind es die Frauenrollen, die einen empathischen Zugang ermöglichen. Ein Rest der Distanz aber bleibt. Dennoch: Bajirao Mastani ist ein überwältigendes Meisterstück, dessen größtes Verdienst sicherlich das Einfordern von religiöser Toleranz darstellt, und das dabei spannend ist, unterhaltend und durchkomponiert bis ins letzte funkelnde Filmdetail.

Bajirao Mastani, Indien 2015; Regie: Sanjay Leela Bhansali.

Die DVD ist bei Rapid Eye Movies erschienen und kann mit einem ausgezeichneten Bild glänzen. Und auch die Tonspur ist auffällig brillant. Neben dem Hauptfilm in deutscher Synchro und Original Hindi mit deutscher Untertitelspur finden sich noch vier kleine Schauspielerportraits mit Szenen aus dem Film und Snippets von Interviews. Neben den üblichen Shortcuts zu den Songs im Film ist noch eine Trailershow der jüngsten REM-VÖs vorhanden, die eindrücklich vor Augen führt, wer hier in Deutschland immer noch die Nase vorn hat, wenn es um indisches Mainstream-Kino geht. Eine rundum gelungene Veröffentlichung.


Michael Schleeh


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