Direkt zum Hauptbereich

Udaan (Vikramaditya Motwane, Indien 2010)

 
In einer industriellen Provinzstadt angesiedelt, bringt Udaan das notwendige Setting mit, um einen "ungeschminkten Blick" auf die nervenaufreibende coming-of-age-Geschichte des 17 Jahre jungen Rohan zu werfen. Einer, der gerne Schriftsteller werden will, dessen Vater aber besser weiß, was gut für ihn ist: nämlich das Ingenieurswesen. Kein Wunder scheitert der schüchterne Schöngeist prompt an der Hochschule und wird dann für kurze Zeit sogar empfänglich für das Laster Alkohol. Als sein jüngerer Bruder vom Vater mit dem Gürtel verdroschen wird und sogar ins Krankenhaus muss, spitzt sich die Lage weiter zu, und lange Arbeitstage in der Fabrik, zu denen er gezwungen wird, machen ihn auch nicht glücklicher. Da kommt ein Anruf seiner besten Kumpels - die haben ein Restaurant in Bombay übernommen und wollen unbedingt, dass sich Rohan ihnen anschließt. Doch kann er sich gegen den dominanten Vater durchsetzen?

Udaan kommt allgemein gut an in der Filmszene, hat er doch alles, um zu begeistern: Einen starken Hang zum Realismus (schmutzige Fabrikschlote, einsame und staubige Straßen, verschwitzte T-Shirts, kein Song & Dance weit und breit); eine bengalisch anmutende Verkannter-Künstler-Thematik; einen prügelnden Patriarchen, dessen Zeit offensichtlich abgelaufen ist; generell schwierige Familienkonstellationen und einen starken Hang zum Arthouse-Kino, das lange Einstellungen liebt und den Film in einen eher schleppenden Rhythmus versetzt. Allein: es ist von allem zu viel. Das sind zu viele Stereotype und Klischees, die sich hier anhäufen, und so wirkt der Film wie entschleunigtes, dabei tatsächlich sehr bemühtes Weltkino, das auf den internationalen Markt zugeschnitten ist. Auch Motwanes ziemlich toller Lootera (Review) spielt ja mit seinem Genre und seinen Klischees, schafft es dabei aber deutlich besser und souveräner, einen eigenen, authentischen Standpunkt zu beziehen. 

Udaan hingegen schwimmt sich niemals frei, man sieht in ihm immer viele andere Filme, die alle schon da waren und gezeigt haben, wie es stilsicherer funktioniert. Die tollen Schauspieler allerdings federn das alles etwas ab, schaffen einen Ausgleich, sodaß der Film von seinen Stereotypen nicht erdrückt wird. Wie auch die reduziert eingesetzte und gerade deswegen effektive Musik. Aber in solchen Momenten, wie ziemlich gegen Ende, als sich Rohan in das Auto seines Vaters setzt - über Fabrikschlote blickend und über sein Leben sinnierend - und dieses dann nicht anspringt, das sind zu schlichte Metaphern, zu einfache Bilder aus dem Baukasten für ein emotional angeschlagenes und aufgebrachtes Subjekt. Freilich war das noch nicht genug, also muss auch noch das Fahrzeug durch Rohan zerstört werden (und eigentlich prügelt er damit auf seinen Vater ein, ein hilfloser Akt der Rache). Also nimmt er eine Eisenstange und zerlegt den Wagen, wie man es aus James Dean-Tagen noch kennt. Erst die Fenster, dann die Frontscheinwerfer, und dann die Seitenspiegel. Am Ende auch noch die Motorhaube. Naja. Auf einer Brücke (!), über einem dreckigen Fluß (!), ach ich höre besser auf. Man sieht, wie konstruiert und überdeutlich das dann doch alles ist, wenn man genauer hinschaut. Letztlich ist der Film eben nicht viel mehr als sehr durchschnittliche Betroffenheitskost. Ein echter Täuscher, der - immerhin - mit einem Bein auf der guten Seite steht.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

shomingeki deluxe: Ein Gespräch über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu (Japan, 1958)

Heiraten, ja oder nein? Und wenn, dann wen? Und was sagt der Vater dazu, wenn der Schwiegersohn doch nicht ganz den Erwartungen entspricht? Ein weiteres Mal behandelt Yasujiro Ozu dieses Thema in einem seiner späten Filme, dieses mal erzählt aus der Sicht und Perspektive des Vaters.  Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hat mich eingeladen, mit ihm über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu zu sprechen. Wir haben fast eine ganze Stunde miteinander diskutiert und hätten noch viel mehr sagen können, glaube ich. Das Gespräch findet ihr hier: 
Link
 (original Poster)

Michael Schleeh
***

Drifting In and Out of Frames: YEAH (Suzuki Yohei, Japan 2018)

Das Mädchen Ako (Elisa Yanagi) ist so etwas wie ein Geist, ein Geist auf der Suche nach der Schwester, vielleicht auch ihrer Mutter - das ist lange nicht klar. Sie wandelt durch die Landschaften dieses ländlichen Vororts. Die Einwohner scheinen sie zu kennen, behandeln sie wie ein verwirrtes Mädchen. Der Film aber behandelt sie wie eine Geistererscheinung und blendet sie immer wieder aus dem aktuellen Filmbild langsam aus. Sie verschwindet nach und nach und entstofflicht sich. Was sie wirklich ist - lebendig oder tot - das weiß man lange Zeit nicht in Yohei Suzukis schönem Film.
 In einzelnen Miniaturen führt uns YEAH in die Welt der Anti-Heldin ein. Ein  Spielplatz, ein kleiner Imbiss, ein Parkplatz. Eine ranzige Junggesellenbude. Eine ziemlich statische Kamera gibt den einzelnen Szenen einen formal-ästhetischen Zusammenhang, wie auch die etwas ausgebleichten, pastellartigen Farbtöne. Dazu das Gemurmel von Ako, die ständig etwas vor sich hin brabbelt. Sie scheint offenbar ni…