Direkt zum Hauptbereich

I Am a Hero (Shinsuke Sato, Japan 2016)


 Hideo Suzuki ist der Protagonist dieses Films und sein Vorname lässt sich in Kanji geschrieben wohl auch als Held lesen. Eine Tatsache, die der schüchterne Hideo verlegen weit von sich weist. Das sei er nämlich ganz sicher nicht. Vielmehr ist er, wie seine langjährige Freundin stets betont, vor allem ein richtiggehender Loser, der immer noch einem jahrzehntealten, realitätsfernen Jugendtraum nachhängt, ein echter Mangaka, ein Mangazeichner, zu werden. Nicht nur ein namenloser Assistent, der er nämlich ist. Der Filmtitel darf also getrost ironisch gelesen werden - und deutet doch darauf hin, dass mit seinem Protagonisten etwas passieren wird: ein Reifeprozeß, als es eben nicht mehr anders geht, als er dazu gezwungen wird, "seinen Mann zu stehen". Das muss er für seine Ersatzfamilie, eine Krankenschwester und das Schulmädchen Harumi, das sich zur Hälfte in einen Zombie verwandelt hat. Aber eben nur halb, und da sie sich kaum mehr richtig bewegen kann - dabei aber schubweise enorme Kräfte mobilisieren kann -, ist sie auf ihn angewiesen.

 I Am a Hero ist ziemlich gut fotografiert, immer wieder interessante Perspektiven, auch poetische Bilder der Ruhe und Kontemplation zwischendurch. Und wenn der zweistündige Film dem einen oder anderen zu lange vorkommen mag, dem sei versichert: nein, das ist er nicht. Er nimmt sich Zeit für eine tolle Einführung in die Welt der Charaktere, ins Manga-Studio, wo Hideo Tage und Nächte lang für seinen erfolgreichen sensei schuftet. Oder in sein Zuhause, wo er von seiner Freundin terrorisiert wird, die seit knapp 20 Jahren darauf wartet, dass ihr Freund endlich mal Geld verdient und sie ihn nicht immer mit durchschleppen muss. Überhaupt wieder einmal eine Auffälligkeit: auch in diesem japanischen Film sind die Männer ausgesuchte Trottel und die Frauen das, was die Welt zusammenhält. Kurz darauf beginnt dann die Apokalypse mit einer schönen Straßenszene, zunehmendem Radau, ganz entlang der üblichen Genremuster. Als sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es das mit der Welt wohl erstmal war, ziehen sich Hideo und Harumi in Richtung Fuji zurück, da die Höhenluft angeblich die Ausbreitung des Virus verhindern soll. Bald kommen sie im Fuji-Outlet-Center an, und dort findet dann der Rest der Handlung statt, mit einer Truppe Überlebender auf dem Dach und einem Finale in der Tiefgarage.

 Diese Ereignisse im Outlet erinnern natürlich an  Romeros legendären konsumkritischen Kaufhauszombie (aka. Dawn of the Dead) und Shinsuke Sato referenziert das liebevoll in der zweiten Hälfte des Films. Auch gibt es einen Zombie, der verzweifelt an den Türen einer Boutique rüttelt und immer wieder schreit: Ich will shoppen! Und wie es dann die Genremuster so wollen, kollidiert das stetig wachsende Selbstbewußtsein Hideos mit der Autorität des Anführers auf dem Dach, bei dem Anstand, Sitte und Moral durch seine Machtposition korrumpiert worden sind. Auch dort muss er lernen, sich durchzusetzen - nur möchte er das möglichst ohne tote Kollateralschäden. Wer würde da nicht an The Walking Dead denken, wo wir es seit mehreren Staffeln immer wieder auch mit diesem Thema zu tun haben. I Am a Hero ist letztlich nichts Besonderes, er erfindet das Rad nicht neu. Er ist aber liebevoll gemacht, toll gefilmt, hat eine ganze Handvoll sympathischer Schauspieler zu bieten, atmosphärische Waldszenen (ähnlich wie in Wood Job!) und ist letztlich enorm unterhaltsam. Dass es freilich eine Mangavorlage gab, merkt man ihm nicht an. I Am a Hero ist ein sehenswerter Mainstream-Film.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…

Wenn die Festplatte raucht: GANTZ:0 - ein Computerspiel getarnt als Film (Yasushi Kawamura & Keiichi Sato, Japan 2016)

"We are stuck in an endless survival game!"
 Im Funkenflug löst sich das Ich auf: rausgebeamt aus dem Spielfeld, in diesem Fall die berühmte Shibuya-Kreuzung (weil: drunter geht's nicht), als das Monster mit dem Tentakelkopf erledigt ist. Der Tote bleibt zurück, die Überlebenden dürfen ins nächste Level vordringen. Nach dem Vorspann, der eigentlich keiner ist, weil nur der Filmtitel eingeblendet wird: next stop: Osaka! Dort sind weitere Monster gesichtet worden, dort muss man sie nun bekämpfen. Freilich auf der Brücke in der Fußgängerzone, in Dotonbori, vor dem Hintergrund der berühmten Werbetafelfeuerwerke (weil: drunter geht's nicht).
 Ein Film, der nicht mehr aussieht wie ein Film, sondern wie ein Computerspiel. Künstliche Charaktere mit Stimmen von Menschen. Alles präzise gesteuert, sogar das Wippen der Brüste im Kampfdress völlig CGI-verseucht. Alles designt, noch viel künstlicher als in den beiden GANTZ - Teilen zuvor. Die Kämpfe haben freilich auch nichts mit…