DVD BluRay

Donnerstag, 23. Februar 2017

The Ebb of Forgetting (Liryc Dela Cruz, Philippinen 2016)



Liryc de la Cruz is a young filmmaker from Mindanao, the Philippines, and was an assistant to Lav Diaz a couple of times (e.g. during Norte, the End of History). "Like walking through an endless dream" is a line that preludes the opening scene and what follows is the meanderings of a woman through woods and brushland, until she finally arrives at some kind of seashore - in search of another person which might exist only in her own troubled mind. You can obviously see and feel the influence of Lav Diaz in the imagery and the pictures of the first half of this 17 minute short film. So, this starts like a tribute to him, a continuation maybe that might give the filmmaker its own place in cinematic history. 

It definitely is film about remembrance aswell, which is more obvious in the second half. It is very open in its structure and towards a possible meaning. I guess, you could read some political meaning into it, too, as the Philippines have got a heavily burdenend history of political oppression through Spanish colonization. Especially in the final sequence of the film, located now in an airplane, where a woman watches out through the windows, might be an implication of leaving the home country behind - aswell as an elopement from personal memories and things lying in le passé of that person's biography. The Ebb of Forgetting - which is a somehow awkward wordplay with the opposite term Flut der Erinnerung / flood of memory was being screened in Locarno - is quite beautifully shot, though I don't really know what to do with and what to think about it. It left me a bit clueless, but nevertheless awakened my interest in the works of the filmmaker. Maybe a second viewing will clear some things up.

Michael Schleeh

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You can watch the film on newly launched Tao Films VoD-platform that focuses on independent slow cinema in general. You can see films here that are very hard to come by anywhere else.

If you want to support Schneeland you could buy some Lav Diaz-Blu-ray via amazon through this link. Thanks.

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Samstag, 11. Februar 2017

Raees (Rahul Dholakia, Indien 2017)


 Die Geschichte des Gangsters und Spirituosenschmugglers Raees (Shah Rukh Khan) im Gujarat der 80er und 90er-Jahre, und wie er mit seiner Unerschrockenheit ganz an die Spitze der Macht gelangt. Doch dann der Fall: zur Strecke gebracht durch die Hartnäckigkeit eines einzigen Polizisten namens Majmudar (gespielt von Nawazuddin Siddiqui). Ein Epos, das sogleich mindestens drei Assoziationen und Verbindungslinien aufscheinen lässt: eine, die zu Coppolas Epos Der Pate reicht, eine weitere zu den aktuellen Serienproduktionen wie Narcos, und eine zu den Anfängen von Shah Rukh Khans Karriere, noch vor seiner Zeit als er den hanswurstigen Schwiegermutterliebling zu verkörpern wusste, wie kaum ein anderer. Als er die Bösewichte spielte, die zu Sympathiefiguren wurden, obwohl sie drastische Gewaltverbrechen begingen.

 Das ist hier in Raees nicht viel anders: immer wieder schockiert der Film geradezu, etwa in den Faustkampfszenen, die von einer Härte sind, die man eher mit südkoreanischen oder thailändischen Martial-Arts-Filmen assoziieren würde, Szenen, bei denen man schon den Schnitt weg von der Bluttat erwarten würde. Aber nein, die Kamera hält drauf, die Gewalt wird in Raees explizit ausgestellt. Somit ist auch der Charakter von Raees selbst etwas ambivalenter, als man zunächst denken würde. Doch andererseits ist es wieder so, dass man sich kaum einen Film vorstellen könnte, der weniger auf seine Hauptfigur, seinen Helden, seinen indischen Nationalhelden zugeschnitten wäre, wie Raees auf Shah Rukh Khan. Der Mann besticht in jeder Szene durch seinen Charme, durch sein extrem gutes Aussehen, durch seine irre tollen Klamotten. Er ist die lebendige Personifizierung von Style schlechthin. Zudem federt der Film Raees' Gräueltaten moralisch auch etwas ab, da sich dieser explizit auf die "mitmenschliche" Versorgung seines Viertels mit Alkohol beschränkt - sozusagen eine semi-soziale Straftat begeht (in Gujarat herrscht Prohibition). Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten, die zudem mit viel übleren Lastern handeln, etwa mit Drogen oder der Prostitution. Der Film will uns glauben machen: Raees ist eigentlich ein Guter unter den Bösen.

 Der Film besticht außerdem durch seine wie hochroutiniert ablaufende Entertainment-Struktur, die ihn trotz seiner Länge extrem kurzweilig macht. Es ist - zumindest bis zur Intermission - kein Moment der Langeweile auch nur zu erahnen. Auch mit den Song & Dance-Szenen wird sich merklich zurückgehalten: vollständig choreographiert sind es lediglich zwei Szenen, die also auch nur bedingt Spielzeit einnehmen im Film - und eine wird sogar zwischenmontiert mit einem weiteren Handlungsstrang: der Ermordung eines Kontrahenten von und durch Raees. Früher hätte man das vielleicht noch mit Split-Screens gemacht, heute funktioniert das auditiv über den Sound, der als Verbindungsglied zwischen den beiden filmischen Ebenen dient.

 Zur persona Raees gehört aber auch das alter ego auf der anderen Seite des Gesetzes, so will es die Genrestruktur, so will es die Schablone: Majmudar, der Polizist, der einzige, der ihm die Stirn bietet. Der irgendwie auch wahnsinnig ist wie Raees, aber der nicht ganz so spiegelbildlich angelegt ist, wie zuletzt etwa Vicky Kaushal als Raghavan in Anurag Kashyaps Psycho Raman. Wo dort bereits die Grenzen verfließen, ist man hier immer sicher, wer gut und wer böse ist. Denkt man zumindest, denn Raees fordert Majmudar heraus: jedesmal, wenn er ihn hinter Gittern hat, befreit er sich wieder mit einem noch klügeren Schachzug. Das treibt Majmudar dazu, ganz am Ende eine unkonventionelle Lösung zu suchen, und für den Kinozuschauer bedeutet das: seht her, verrottet sind sie alle, Werte gibt es keine mehr. Die Moralfrage also stellt der Film nur indirekt. Es wird nicht ausformuliert, wie man sich zum Ende zu positionieren hat, da die Verunsicherungen sogar zugelegt haben, nicht geklärt worden sind. Die Figuren gehen noch ambivalenter aus dem Film hinaus, als sie hereingetreten sind. Und das ist auch gut so, etwas Offenheit in diesem dichten Actionfeuerwerk zu gestatten, etwas, das dieser Film nämlich auch ist: ekstatisches Bewegungskino.

Michael Schleeh

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RAEES läuft seit 5. Februar in den deutschen Kinos.

Der Film erscheint als Blu-ray via Rapid Eye Movies und kann hier schon vorbestellt werden.



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Sonntag, 5. Februar 2017

The Oil-Hell Murder (Hideo Gosha, Japan 1992)


 In diesem allerletzten Film von Hideo Gosha, der zwar von Shochiku - aber auch von Fuji TV - produziert wurde und vielleicht auch deswegen manchmal artifizell wirkt und ausschaut wie ein TV-Film (vor allem wegen der ziemlich sterilen Kulissen), wird die Geschichte einer Leidenschaft, dann eines Untergangs und schließlich eines Mordes erzählt. Fantastisch dabei die beiden Hauptdarstellerinnen Kanako Higuchi (Ronin Gai, Zatoichi, Achilles and the Tortoise) und Miwako Fujitani (aus Ryu Murakamis Raffles Hotel), in einer Nebenrolle auch ein bekannteres männliches Gesicht wie Renji Ishibashi (Outrage, Gozu, Audition).

 Die Ehefrau eines etwas tumben Ölhändlers kann ihre Blicke nicht mehr von ihrem nun erwachsenen Neffen fernhalten und ist bald bereit, jedes Tabu für ihre wachsende Leidenschaft zu ignorieren. Dumm nur, dass dieser sich mit der Tochter seines Bosses eingelassen hat. Das fliegt aber bald auf und weil hier Klassenschranken missachtet wurden, gibt es Schläge: und nur noch die Hoffnung auf einen gemeinsamen Doppelselbstmord aus Liebe. Ein berühmter kultureller Topos in den japanischen Künsten, auf der Bühne, wie im Film oder der Literatur, kann so die "glückliche Vereinigung" der Liebenden nur im Tode gefunden werden.

 Doch leider hält die junge Geliebte dann doch gar nicht so viel davon, diesem Dasein zu entfliehen und vergnügt sich bald mit anderen Herren, die ihr das Leben kommod machen. Yokichi, der am Boden zerstörte Neffe, ist nun todtraurig - aber frei. Bald ist die Tante wieder zur Stelle und es entbrennt eine heiße Leidenschaft zwischen der älteren Dame und dem Jüngling. Der hat allerdings kein Glück: denn ihre Ehe will auch sie nicht unbedingt ruinieren und so gerät der Jungspund bald in rage und zieht den Dolch.

 Die Schlußszene, die zum Beginn des Filmes zurückführt und so einen geschlossenen Rahmen setzt, zeigt uns den Zweikampf in Zeitlupe, totenstill, wie sie vor ihm fliehend die Ölfässer zu Boden wirft und sich beide dann im öligen Schlamm bekämpfen. Hier ist alles Heroische verabschiedet, es ist ein nackter Kampf ums Dasein, ein Krieg, der in den Köpfen entstand. Sie wird nicht davonkommen, man weiß es ja schon, und das ist also die Tragödie in diesem Film, dessen interessante Figuren eigentlich nur die Frauen waren. Die Männer sind - wieder einmal - allesamt ziemliche Versager. Aber es bleibt eben keine wirkliche Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Nicht solange die patriarchalen Strukturen die Gesellschaft bestimmen. Tot zurück bleibt also die Frau. Und mit ihr ihre Welt.

Michael Schleeh

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Freitag, 3. Februar 2017

Exzesse in der Hölle: Alipato – The Brief Life of an Ember (KHAVN, Philippinen 2016)


 Mondomanila im Jahr 2031: in einem philippinischen Slum leben die Ärmsten der Armen und verdienen ihr Geld mit der Gewinnung von Kohle. Die „Kostkas“, eine Bande von Straßenkindern, ziehen marodierend und mordend durch die „Schwarze Stadt“. Irgendwann wird es dem Anführer aber zu doof, dieses ewige Klein-Klein: er fasst den Plan, die Zentralbank auszurauben. Was freilich schief geht, und so muss er für 28 Jahre in den Knast. Als er schließlich wieder herauskommt, ist er ein alter Mann. Aber nicht weniger brutal. Und dann ist da noch die Frage, wo eigentlich die Beute hingekommen ist.

 Die Filme des philippinischen Independent-Regisseurs und Punkpoeten KHAVN de la Cruz waren schon immer keine leichte Kost. Die südostasiatische Metropole wird hier als erbarmungsloser Moloch dargestellt, in dem Raub, Vergewaltigung, das Morden auf der Tagesordnung steht, und wo zudem der ohrenbetäubende Soundtrack der Stadt mit der viel zu heiß herabbrennenden Sonne den Schauplatz in eine Variation des danteschen Infernos gerinnen lässt. Mit technisch einfachen Mitteln aufgenommen, dafür aber kreativ und ungewöhnlich, wird der Zuschauer seit jeher mit seinen eigenen Sehgewohnheiten konfrontiert und vor den Kopf gestoßen. Das war schon immer so bei KHAVN: Mondomanila, The Vampire of Quezon City, Misericordia – The Last Mystery of Kristo Vampiro, The Family that Eats Soil, oder der großartige Ruined Heart (2014) mit Tadanobu Asano in der Hauptrolle – alle diese Filme gehen weit über jeden „guten Geschmack“ hinaus, befinden sich jenseits allem, was man landläufig unter Arthousekino versteht. Am ehesten lassen sich seine Filme als groteske Varianten eines Weltkinos begreifen, die völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Dass ein KHAVN mal auf einem arrivierten Festival liefe, kann man sich kaum vorstellen. Auf einem Genrefilm-Festival hingegen schon. Aber auch da dürfte es dem Publikum schwer fallen, sich auf die offenen Strukturen der Filme einzulassen, in denen sich immer erst sehr spät die narrativen Erzählfäden herauslesen lassen.

 Es ist ein Kino, das zunächst mit Bildern, Stimmungen, der Musik (wichtig!), dem Wechsel von Schönheit und Hässlichkeit spielt, das Szenen von einem Chaos aneinander reiht, dessen Zerrissenheit sich so sehr in den Film hinein drängt, dass auch die Filme selbst chaotisch werden. Dass man aber KHAVNs Werk nicht auf eine Ansammlung von Schimpfwörtern und Gewalttaten im Gossenslang reduzieren sollte, das wird deutlich, wenn sich dann doch, so wie hier: erst nach einer halben Stunde, eine „Geschichte“ herauskristallisiert, wenn kritische und soziale Themen eine Rolle spielen, die immer wieder in den Filmen an die Oberfläche kommen. Diese werden dem Zuschauer auch direkt und ohne Umwege ins Gesicht gespien: das Durchbrechen der Vierten Wand geht KHAVN so leicht von der Hand, wie einem bereits Schwerbehinderten auch noch die Beine abzuhacken.

 KHAVNS Kino, das durchaus etwas Barockes hat in all seiner hässlichen Üppigkeit, mit all dem Pomp, der Gewalt, den Grenzüberschreitungen, den ständigen technischen Verfremdungen, das kann natürlich auch ins Gegenteil umschlagen. So hat sich mittlerweile (bei mir) eine gewisse Sättigung breit gemacht, was KHAVNs dann irgendwann doch sehr redundante Stilistik anbetrifft. Bisweilen schien mir Alipato wie eine durchgeknallte Zirkusnummer vorzukommen. Vielleicht sollte er in Zukunft auch einmal mit sich selber brechen, alles umkrempeln, etwas Anderes, Neues versuchen. Sein Stil, seine Ästhetik sind bereits zu einem Markenzeichen geworden. Das sollte aber natürlich niemanden davon abhalten, in diese verrückte Welt einzutauchen und sich kräftig mit Blut überkübeln zu lassen. Vor allem dann, wenn man noch nichts von ihm gesehen hat.

 Alipato wird von Rapid Eye Movies ins Kino gebracht (die auch diesen Film co-produziert haben), und das im Rahmen der Reihe „Freie Radikale.“ Eine Filmreihe, die sich dezidiert darauf verschrieben hat, Sehgewohnheiten zu brechen und den Zuschauer mit neuen, frischen Produktionen ins Kino zu locken. Das ist freilich mit das Beste, was einem passieren kann. Da darf man kräftig die Daumen drücken.

Alipato läuft ab dem 24. November in den deutschen Kinos.

Michael Schleeh


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