Direkt zum Hauptbereich

In Another Country (Hong Sang-soo, Südkorea 2012)


 Im Gegensatz zu Right Now, Wrong Then, bei dem alles am Ende seine Ordnung bekommt, ist es bei diesem Film so, dass in der letzten der drei Varianten die Geschichte in die Katastrophe kippt. Oder diese sich zumindest andeutet. Man denkt, gut, jetzt betrinkt sie sich, die sitzengelassene Frau mit ordentlich Soju und geht dann ins Wasser. Aber von wegen: aus dem Wasser heraus ersteigt ihr Retter: ein lifeguard. Leben gerettet, nun bereits schon wieder an Land. Aus Dankbarkeit und weil es halt plötzlich so kommt, da schaut sie mal in sein Zelt hinein: zwei, drei Flaschen später ist der Todestrieb passé. Vom Thanatos zum Eros. Isabelle Huppert spielt da eine leicht Derangierte, die emotional einiges sortieren muss, weil ihr Mann sie gerade für seine koreanische Assistentin verlassen hat. Andererseits sagt ihr ein Mönch auf den Kopf zu, sie habe sich seit ihrer Kindheit nie verändern müssen. Sie sei ein wenig zu sehr verwöhnt worden vom Leben und hat wohl oft das bekommen, was sie wollte.

 Hong also erzählt drei Geschichten, die weniger miteinander zusammenhängen, als dass sie Varianten von einander sind: einmal ist die Huppert eine Regisseurin, das alter ego Hongs oder der Regisseure aus seinen vorherigen Filmen, egal; und einmal ist sie die Geliebte eines älteren Arthouse-Regisseurs und sie treffen sich dort in Mohang am Meer auf ein Stelldichein. Und drittens ist sie eine frisch Geschiedene, die sich von ihrem untreuen Mann getrennt hat, und die nun am Meer mit einer Begleitung ein paar Tage verbringt. Problemfrei ist das nie, der Film ist wie das Leben. Und die Huppert spielt das alles sehr natürlich mit ihrem herben Huppert-Charme, auf den, scheint's, auch die koreanischen Männer fliegen, wie die Honigbienen zur Blütenstaude. Dreigeteilt also die Struktur, eingebunden zudem in den Film als fiktive Visualisierungen eines Drehbuchs, das in einer Rahmenhandlung in actu gerade erst verfasst wird. Denn so beginnt der Film: als Fantasie zwischen einer Mutter und Tochter, die ebendort in Mohang ein paar Tage verbringen. Die Mutter beginnt, um ihre Nerven zu beruhigen,  ein Drehbuch zu schreiben. Das sind die Geschichten, die der Film erzählt.

Dieser Entstehungsprozess dürfte auch eine Meta-Anspielung auf Hongs eigene Arbeitsweise sein, der bekanntlich recht spontan morgens am Frühstückstisch die nächste Szene seines Films skizziert. Welche dann semi-improvisiert gespielt und recht frei gesprochen wird. So findet der Film sich selbst, zu sich, im Moment des Entstehens. Die Filme Hongs sind suchende Filme, die vorher noch nicht wissen, wohin sie streben werden. Offenes Konzept, offene Struktur. Einfluss aller Beteiligten. Man mag es manchmal kaum glauben in einer Welt, in der Filme nicht als Kunst, sondern überwiegend als vermarktbare Produkte betrachtet werden, als Ware zum Verkauf. Aber so wird es berichtet.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Solang ich lebe / Jab Tak Hai Jaan (Yash Chopra, Indien 2012)

Der stille Eigenbrötler Samar (Shah Rukh Khan) arbeitet für das indische Militär als Bombenentschärfer, wo er sich einen legendären Ruf als "Mann, der nicht sterben kann" erworben hat. Im Gegensatz zu seinen Kollegen trägt er bei seinen Einsätzen nämlich keinen der dicken, unförmigen Schutzanzüge und Gesichtsmasken, sondern geht mit bloßen Händen und im Grünzeug an die Sache ran. Weshalb nun der schöne Unzugängliche so rücksictslos mit seinem Leben spielt, diese Geschichte erzählt JAB TAK HAI JAAN.
Es ist freilich die Geschichte einer unerfüllten Liebe, die hinter seinem persönlichen Unglück steht. Die eines Schwurs im Geiste der Religion, die seine Geliebte von ihm fernhält. In einem Rückblick blättert der Film die Geschichte der beiden ungleichen Liebenden auf: in London soll die schöne Meera (Katrina Kaif), Erbin eines Supermarkt-Tycoons (Anupam Kher), an einen erfolgreichen Karrieremenschen verheiratet werden. Da sie der Augapfel des Vaters ist, wagt sie nicht zu widers…

I Am a Hero (Shinsuke Sato, Japan 2016)

Hideo Suzuki ist der Protagonist dieses Films und sein Vorname lässt sich in Kanji geschrieben wohl auch als Held lesen. Eine Tatsache, die der schüchterne Hideo verlegen weit von sich weist. Das sei er nämlich ganz sicher nicht. Vielmehr ist er, wie seine langjährige Freundin stets betont, vor allem ein richtiggehender Loser, der immer noch einem jahrzehntealten, realitätsfernen Jugendtraum nachhängt, ein echter Mangaka, ein Mangazeichner, zu werden. Nicht nur ein namenloser Assistent, der er nämlich ist. Der Filmtitel darf also getrost ironisch gelesen werden - und deutet doch darauf hin, dass mit seinem Protagonisten etwas passieren wird: ein Reifeprozeß, als es eben nicht mehr anders geht, als er dazu gezwungen wird, "seinen Mann zu stehen". Das muss er für seine Ersatzfamilie, eine Krankenschwester und das Schulmädchen Harumi, das sich zur Hälfte in einen Zombie verwandelt hat. Aber eben nur halb, und da sie sich kaum mehr richtig bewegen kann - dabei aber schubweise …

Funeral Parade of Roses / Bara no soretsu (Toshio Matsumoto, Japan 1969)

Der Film ist ein Portrait der japanischen Gay-Szene Ende der bewegten Sechziger Jahre. Der Transvestit Eddie rivalisiert mit einer Drag-Queen um die Gunst des Nachtclubbesitzers Gonda (Kurosawa-regular Yoshio Tsuchiya), der sich auch im Drogenmilieu durchzusetzen weiß. Doch im Fokus steht Eddie: seine Leidenschaften, seine Vergangenheit, die Eltern, die Hoffnungen auf die Zukunft. Matsumotos Film (über dessen früheren Kurzfilm THE WEAVERS OF NISHIJIN ich hier etwas geschrieben habe) ist beachtlich in mehrer Hinsicht: nicht nur stellt er einen der sehr frühen, von der Art Theatre Guild produzierten Film dar, der somit unabhängig von der japanischen Filmindustrie produziert und realisiert werden konnte und darauf in den ATG-eigenen Kinos zu sehen war, sondern ist in seinem künstlerischen Anliegen deutlich dem Avantgarde-Film verpflichtet. Matsumoto, der sich zuerst auf dem Feld der Malerei versuchte und über die Photographie und den Dokumentarfilm zum Spielfilm kam, hatte sich in früh…