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Samstag, 29. April 2017

HKIFF 2017: VANITAS (Takuya Uchiyama, Japan 2016)


 Ein kleiner Independent-Film, der für den Fipresci-Preis nominiert war, ein Debüt-Film eines noch jungen, erst 24-jährigen Regisseurs. Ein dennoch souverän gemachtes, relativ stilles Alltagsdrama über vier neue Schüler an einem College in einer Provinzstadt. Man freundet sich an, erlebt gemeinsam ein paar Sachen, Krisen und den üblichen Alltagskram - nur um am Ende herauszufinden, dass man sich doch gar nicht so gut kannte, wie man zunächst vermutet hatte. Der Film endet dann auch in der Tragödie.

 Und so geht es in diesem Film mit seinen vier sympathischen Schauspielern letztendlich darum, wie einsam und zurückgezogen - trotz aller Freundschaft - jeder ist, wie diese individualisierte Gesellschaft heute funktioniert. Die japanische Gemeinschaft funktioniert deshalb so gut, da jeder seine eigene Individualität wegsperrt, niemals herauslässt. Denn wirklich kennen tut sich hier keiner, die vier Freunde sind sich fremde Freunde. Besonders markant ist das bei einem der Jungen, der in eklatanten Geldschwierigkeiten steckt, und sich mit mehreren Nebenjobs gerade so über Wasser halten kann. Man sieht es dann auch an seinen abgewetzten Klamotten, dass da was nicht stimmen kann.

 Nur einer der Freunde weiß darum, und dieser unterstützt ihn auch finanziell. Alle anderen ahnen vielleicht etwas, sagen aber nichts. Am Ende führt das in die Katastrophe. Eine wirkliche Gemeinschaft besteht nicht, und als dann auch noch ein zwielichtiger Geldeintreiber in Gestalt von Kiyohiko Shibukawa (LOVE & PEACE, LOWLIFE LOVE, YAKUZA APOCALYPSE) auftritt, der großmäulig und aggressiv in die Gruppe hineindrängt, dauert es nicht mehr lange, bis sie einer endgültigen Belastungsprobe ausgesetzt ist.

 Es gelingt Uchiyama sehr gut, eine Balance zwischen einem persönlichen, innerlichem Drama, das durch Rückzug in die Stille gekennzeichnet ist, und einer permanent darunterliegenden Spannung herzustellen. Man hat als Zuschauer ständig das Gefühl, dass bald etwas Gravierendes passieren wird. Dazu passen die relativ langen Einstellungen, die häufig leeren Bilder verlassener Räume (Klassenzimmer, Turnhallen, Pausenhöfe, Mensatische), die zurückhaltende Musik und die ständig zu Boden schauenden Darsteller. Wenn sie sich dann zum Basketball-Spielen in der Turnhalle treffen und etwas herumschreien, sich berühren und gegenseitig auch einmal angehen, dann wirkt das wie ein gewaltiger Einbruch in die Normen einer auf Distanzierung ausgerichteten Gesellschaft.

Michael Schleeh

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Freitag, 21. April 2017

HKIFF 2017: What a Wonderful Family! 2 (Yoji Yamada, Japan 2017)

 

 Yoji Yamada hat eigentlich schon längst das Rentenalter erreicht, aber er scheint nicht aufhören zu können. Zu unserem Glück muss man sagen, denn seine letzten Filme waren allesamt Höhepunkte eines routinierten Filmschaffens, wie es sich erst nach langen Jahren der Könnerschaft zeigt. Seine Ozu-Hommage TOKYO KAZOKU: fantastisch, THE LITTLE HOUSE: berührend leichtfüßig und zärtlich traurig zugleich, seine etwas ins Alberne driftende Komödie WHAT A WONDERFUL FAMILY!, wie schon der Titel als verzweifelter Ausruf und ironischer Kommentar suggeriert, eine ferne Neuauflage von Sogo Ishiis Klassiker der FAMILIE MIT DEM DÜSENANTRIEB. Man kennt also diese ganz normale Vorstadt-Familie bereits aus Teil 1, dieser – wie es scheint – sich zu einer Reihe auszuwachsenden Darstellung des ganz normalen Wahnsinns des Alltags.

 Diesmal geht es um die mittlerweile eingeschränkten Fähigkeiten des Großvaters, ein Auto lenken zu können. Ständig kommt er mit irgendwelchen Dellen in der Karosse zurück. Nur: wie ihm das beibringen, diesem herrischen Patriarchen, diesem zärtlichen Familiendrachen, der sich stets seiner Autorität als Familienvorstand versichern muss? Das kann keiner so richtig, das traut sich niemand. Also sucht man sich jemand, der zwar nah dran ist, aber der dennoch nicht zu sehr in der Schusslinie steht. Das ist wieder einmal die einsichtige Schwiegertochter, hinreißend gespielt von Yu Aoi, die mit dem Enkel verheiratet ist und als Krankenschwester sowieso über ein wie natürliches Einfühlungsvermögen verfügt.

 Hier ist also einiges an skurril witziger Situationskomödie geboten – und doch geht es im Kern um etwas ganz anderes. Nämlich um das Altwerden. Wie ist das mit der Würde, mit den eigenen Träumen und Sehnsüchten, wenn man realisiert, dass langsam die Zeit abläuft? Wenn der Körper nicht mehr so kann, wie man will? Die Großmutter jedenfalls lässt sich von dem Grummel nicht mehr an der Realisierung der eigenen Träume hindern und reist mit einer Seniorengruppe – ebenfalls alles Frauen, deren Männer grummelig sind – nach Norwegen, um das Polarlicht mit eigenen Augen zu sehen. Er bleibt freilich zu Hause, dazu hat er gar keine Lust. Nun zeigt sich auch, wofür er den Führerschein noch braucht: er hat sich nämlich auf seine alten Tage in die Wirtin seiner Lieblingskneipe verguckt, die er zum Essen ausführen möchte. Und wie es so kommt, trifft er auch noch auf einen alten Schulfreund, der allerdings in ganz anderen Familienverhältnissen steckt, als er selbst. Diese Figur fungiert als Spiegel der Lebenssituation des alten Mannes, und wirkt wie ein Katalysator. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf.

 Mit einem Hauch von Wehmut durchzogen, ganz so wie Yamadas legendäre Tora-san-Reihe über den herumziehenden Taugenichts Torajiro, kann man sich auch noch weitere Filme mit und über diese Familie gut vorstellen; denn weitermachen kann man hier eigentlich endlos. Das wirkliche Leben gibt genug Geschichten vor, die sich umsetzen ließen. Und man kann dem Regisseur nur alles erdenklich Gute wünschen, dass er noch lange so weitermachen möge, wie es die Gesundheit zulässt. Auch dieser Film fühlt sich wieder so an, wie ein kleines Meisterwerk.

Michael Schleeh

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Mittwoch, 19. April 2017

Hong Kong International Film Festival 2017: Beaten Black and Blue (Kim Soo-hyun, Südkorea 2016)

 

 Vor einem sozio-politischen Hintergrund entfaltet sich dieses sehr spezielle Independent-Drama, das nur so vor körperlicher Gewalt strotzt. Es wird jedoch sehr schnell deutlich, wie sehr der Film darum ringt, überhaupt erst einmal eine allgemein notwendige, politische Wissensbasis zu etablieren - denn im wilden Zitieren von Politikernamen und Ereignissen, Studentenprotesten, regionalen Konflikten und Machtverschiebungen in verschiedenen politischen wie konterrevolutionären Zusammenhängen ist der Zuschauer schnell verloren. Da nutzt es auch wenig, diese Verhältnisse erläuternd im obigen Bildkader als Texterklärung einzublenden, wenn am unteren Bildrand in rasender Schnelligkeit die Untertitel zum gerade stattfindenden Dialog vorbeihuschen. Möglicherweise ist das im Heimvideobereich stemmbar, ganz sicher aber nicht im Kino. Ich fühlte mich jedenfalls überfordert, und das, obwohl ich mich ganz gut in der koreanischen Geschichte, mit all ihren Verwicklungen der letzten Jahrzehnte, auskenne.

 Ein weiteres offensichtliches Problem des Films ist dann die konkrete Realisierung des Plots, der sich eben nur nebenher, sozusagen als Hintergrundfolie, mit diesen Ereignissen beschäftigt. Über den Umweg der Machenschaften eines Lokalpolitikers, der einen jungen Studenten, die eigentliche Hauptfigur des Films, in seine Fänge bekommt. Dieser Student, ein Loser vor dem Herrn, interessiert sich eigentlich nur für Alkohol und Mädels. Und darauf "versteift" sich dann auch der Film: die Erlebnisse eines jungen Mannes mit seiner Latte. Wie interessant das nun ist, im Jahr 2016/2017, muss jeder für sich selbst entscheiden - ich kann es eigentlich kaum mehr sehen. Ein typischer Topos des sich ach so radikal gebärdenden Indie-Kinos ist der Fokus auf die Unterhose. Das muss nun wirklich nicht mehr sein, auch wenn der Protagonist noch so toll aussieht.

 Was sonst noch alles passiert, verliert sich in Bildern der Kälte, des beginnenden Schneefalls in der Großstadt Seoul; auch im Zusammenspiel mit den Erlebnissen einer alternden Prostituierten, die "mit ihrer Muschi das neue Korea aufgebaut" habe - sie musste sich den amerikanischen Besatzungssoldaten verkaufen, um überleben zu können. Heute dankt ihr das freilich keiner mehr. Und diese wirklich bedrückende Erzählung, die in diesem Film drinsteckt, die wird leider nur angerissen. Stattdessen verbleibt er bei dem jungen Wilden, bei Erlebnissen, die wirklich keinen mehr hinterm Ofen hervorlocken. Der Mann schaut sich Yoga-Videos im Netz an, um dadurch zu lernen, wie man sich selbst einen blasen könnte. Naja, auf diesem Niveau eben. Wenn er dann auch noch eine Frau auf brutale Weise zusammenschlägt, ist es endlich Zeit, das Kino zu verlassen.

Michael Schleeh

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Montag, 17. April 2017

Hong Kong International Film Festival 2017


  Bereits zum vierten Mal werde ich dieses Jahr am Festival teilnehmen, und da verwundert es mich nicht, wenn ich dem Ereignis mit viel Vorfreude, aber auch mit einer gewissen Gelassenheit entgegensehe. Es ist einfach gut zu wissen, dass man hier so viel erleben kann, selbst wenn man mal überhaupt keine Lust mehr auf Kino haben sollte. In diesem unwirklichen Szenario ist man gut aufgehoben: zum Beispiel könnte man sich auch die kleineren Attraktionen der Stadt einmal gönnen, die sonst gerne hinten runter fallen. Zum Beispiel mal nach Whampoa fahren, das liegt hinter Hung Hom, denn dort liegt inmitten der Hochhaussiedlungen ein Kreuzfahrtschiff herum. In diesem ist freilich eine Mall untergebracht, in der man - wie überall in Hongkong - alles kaufen kann, was das Herz begehrt. Gegenüber liegt noch ein Einkaufszentrum mit dem "Golden Harvest-Cinema", das aber irgendwie nur so heißt, dass man das Herzflattern bekommt - es ist ein ganz normales Multiplex. Von klassischem Kampfkunstfilm der goldenen Ära ist hier nichts zu verspüren. Hier schauen sich Eltern mit ihren Sprößlingen die Smurfs an und schmatzen Popcorn dazu.

 Das Festival fährt dick auf dieses Jahr: mit den tollsten Filmen der Berlinale ausgestattet, sowie einer - wie es scheint - komplett ausverkauften Edward Yang-Retrospektive (teilweise restauriert). Besonders toll auch die Reihe Paradigm Shift: post-97 Hong Kong Cinema, die eine Überwindung der Krise nach dem Handover an China suggeriert, und in der besonders charakteristische Filme dieser Zeit laufen: von Shaolin Soccer, Running on Karma, Full Alert und Infernal Affairs kann man hier so etliches (wieder-) sehen und neu entdecken, was mittlerweile schon wieder als klassisches Kino gilt. Aber auch andere supertolle Sachen aus dem Bereich Weltkino lassen sich über die Sektionen verstreut finden: etwa Brillante Mendozas Ma' Rosa, Kleber Mendoza Filhos Aquarius, Safari von Ulrich Seidl, Sieranevada von Cristi Puiu, Daguerrotype von Kiyoshi Kurosawa oder auch Revenger (aka. The Assignment) von Walter Hill. Und bevor man's vergisst: wer etwas mehr Sitzfleisch hat, der darf sich Lav Diaz' The Woman who Left gönnen.

 Unmöglich das alles unterzubringen in einer Woche oder zehn Tagen, und da es noch nicht genug ist, so läuft im regulären Kino zum Beispiel an: Mad World von Wong Chun (mit Eric Tsang und Shawn Yue), On the Beach at Night Alone von Hong Sang-soo, Antiporno von Sion Sono, und schließlich auch noch Herman Yaus Shock Wave mit Andy Lau, der in der Stadt beworben wird wie ein neuer James Bond. Auf dem Festival läuft zeitgleich ein ebenso neuer Film von ihm: 77 Heartbreaks. Da bleibt nur eines: sich entspannen, vielleicht zur Chi Lin Nunnery rauszufahren, und ein wenig beten. Das ist alles nur mit buddhistischem Gleichmut auszuhalten. Nach dem Sushi und vor dem Bibimbap, eh klar.

Michael Schleeh

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