Direkt zum Hauptbereich

Running in Madness, Dying in Love / Kyoso Joshi-ko (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)



Noch ein Film von '69, laut IMDb der elfte in diesem Jahr - da kann man nur Beifall klatschen, wie aktiv Wakamatsu in diesem Jahr, überhaupt in diesen Jahren war. Meine Sichtung des Filmes fiel traurigerweise auf seinen Todestag. Mittags las ich zum ersten Mal die Nachricht, dass der in Tokyo von einem Taxi angefahrene Regisseur im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen sei. Kurze Zeit später bestätigten das auf Facebook verschiedene verläßliche Stellen. Abends gab es bereits die ersten Nachrufe.

Auch in RUNNING IN MADNESS, DYING IN LOVE stirbt einer: nämlich ein Polizist. Der Film eröffnet mit dokumentarischen Szenen der Jugendrevolte, den Unruhen in Tokyo während der Anpo Proteste. Schwarz-weiße Dokumentarbilder jagen sich, blitzlichtartig werden Zeitungsmeldungen dazwischen geschnitten, atemlose Montage. Dann: plötzlich Farbe. Ein junger Mann rennt völlig erschöpft eine Straße entlang, es ist Nacht, er ist verletzt, Blut läuft über das Gesicht. In einer langen Einstellung fährt die Kamera neben dem Mann her, dessen Verzweiflung, dessen Todesangst, dessen Wut auf die Autoritäten, den Gegener, den Konflikt mit der Polizei durch die Kamerabilder spürbar wird. Angekommen in der Wohnung seines Bruders, stößt er mit diesem zusammen. Dieser ist Polizist, mit dem er direkt in Konflikt, in ein Handgemenge gerät. Der Bruder verprügelt den "Nichtsnutz", tritt ihn zusammen. Doch seine Frau, die Schwägerin, mischt sich ein, geht dazwischen, gerät ins Gerangel, währenddessen sich plötzlich ein Schuß aus der Dienstwaffe löst - sie hat geschossen - und ihr Mann bricht tot zusammen. Der schwerverletzte Student überredet sie zur Flucht und sie machen sich mit dem Zug auf nach Norden. Dort geraten sie in ein verschneites Japan, in die Einsamkeit, und bald lernen sie einander zu lieben. Doch die Schuld und die Vergangenheit holt sie allzubald ein.

Geskriptet wurde der Film einmal mehr von Masao Adachi, und die Nähe zu Nagisa Oshimas SHONEN / BOY (1969), der ebenfalls eine Familie in die winterlichen Gegenden von Hokkaido treibt, ist auffällig. Jasper Sharp verweist in seinem Buch Behind the Pink Curtain auf den Einfluss der Landscape Theory auf Adachis kunstästhetische Auffassung, in der, verkürzt gesagt, politische Zustände in Naturereignissen allegorisch wiedergegeben werden. So etwa der Schneesturm in Hokkaido, der den Figuren zusetzt.

Der Film ist recht geradlinig für einen Wakamatsu und überzeugt neben seinem "konventionellen Liebes-Drama-Plot", wie Alex Hypnosemaschine an anderer Stelle schrieb, vor allem durch seine abartig tollen Bilder, die immer wieder psychedelische Qualitäten annehmen. Die Sexszenen sind dabei kaum explizit oder exploitativ, vermitteln eher eine erotische Wärme, und sind sehr weit von den Gewaltbildern seiner anderen Filme entfernt. Stellvertretend sei die Szene in der Scheune erwähnt, in dem sich das nackte Paar in honigfarbenem Licht im Stroh liebt. Was kurz darauf unterbrochen wird durch die Auspeitschung einer Frau draußen im Schnee. Ein paar Männer verfolgen die Nackte am Rande des Sees entlang, werfen die Entkräftete in den Schnee und "züchtigen" sie, wie sie sagen, da sie gegen die Riten des Dorfes verstoßen habe. Die kalte Welt holt die Protagonisten also sehr schnell wieder ein.

Später wird man erfahren, dass sich das Paar unweit seines Heimatortes aufhält (eine Flucht hin zur Heimat also), und dann taucht auch plötzlich der totgeglaubte Gatte und Bruder wieder auf. Breitbeinig steht er da auf dem tiefverschneiten Weg. Und seine Rache wird sich freilich gegen die Frau richten, draußen auf dem Feld, während der Schnee fällt. Gegen die Schwachen, in einer ungerechten, psychotischen Welt, aus der es unmöglich scheint, auszubrechen. Und in der es nicht mehr möglich ist, sich zu wehren. Alle Kraft hat die Körper verlassen. Sie versinken machtlos im Schnee, wie die Bilder der Kamera.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Solang ich lebe / Jab Tak Hai Jaan (Yash Chopra, Indien 2012)

Der stille Eigenbrötler Samar (Shah Rukh Khan) arbeitet für das indische Militär als Bombenentschärfer, wo er sich einen legendären Ruf als "Mann, der nicht sterben kann" erworben hat. Im Gegensatz zu seinen Kollegen trägt er bei seinen Einsätzen nämlich keinen der dicken, unförmigen Schutzanzüge und Gesichtsmasken, sondern geht mit bloßen Händen und im Grünzeug an die Sache ran. Weshalb nun der schöne Unzugängliche so rücksictslos mit seinem Leben spielt, diese Geschichte erzählt JAB TAK HAI JAAN.
Es ist freilich die Geschichte einer unerfüllten Liebe, die hinter seinem persönlichen Unglück steht. Die eines Schwurs im Geiste der Religion, die seine Geliebte von ihm fernhält. In einem Rückblick blättert der Film die Geschichte der beiden ungleichen Liebenden auf: in London soll die schöne Meera (Katrina Kaif), Erbin eines Supermarkt-Tycoons (Anupam Kher), an einen erfolgreichen Karrieremenschen verheiratet werden. Da sie der Augapfel des Vaters ist, wagt sie nicht zu widers…

The Handmaiden / Die Taschendiebin (Park Chan-wook, Südkorea 2016)

Das ungute Gefühl, vom Regisseur an der Nase herum geführt zu werden, das kann man bei Filmen mit Twists sehr schnell bekommen. Wenn sich nun einer, der dafür bekannt ist, jeden Millimeter seiner filmischen Erzählung genau zu vermessen wie eine architektonische Zeichnung, dann wundert es nicht, dass sich dieser Mann einen Roman wie Sarah Waters' The Handmaiden zur Vorlage seines neuesten Filmes nimmt. Der Roman, der im viktorianischen London des 19. Jahrhunderts spielt (und dann auf einem Landgut draußen im Themsetal) wird von Park ins Korea des 20. Jahrhunderts versetzt, in eine Zeit in den 30ern, in der die japanischen Truppen sich im Land breit gemacht haben. Offensichtlichste Referenz ist das Gebäude, in dem The Handmaiden dann erstmal die erste Filmhälfte über spielt. Das Haupthaus ist ein westliches Herrschaftsgebäude, das durchaus auch in Europa stehen könnte oder in den Hammer Studios, die Anbauten aber sind koreanischer und japanischer Art. Besonders auffällig wird das …

The Ebb of Forgetting (Liryc Dela Cruz, Philippinen 2016)

Liryc de la Cruz is a young filmmaker from Mindanao, the Philippines, and was an assistant to Lav Diaz a couple of times (e.g. duringNorte, the End of History)."Like walking through an endless dream"is a line that preludes the opening scene and what follows is the meanderings of a woman through woods and brushland, until she finally arrives at some kind of seashore - in search of another person which might exist only in her own troubled mind. You can obviously see and feel the influence of Lav Diaz in the imagery and the pictures of the first half of this 17 minute short film. So, this starts like a tribute to him, a continuation maybe that might give the filmmaker its own place in cinematic history. 
It definitely is film about remembrance aswell, which is more obvious in the second half. It is very open in its structure and towards a possible meaning. I guess, you could read some political meaning into it, too, as the Philippines have got a heavily burdenend history of po…