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Labyrinth of Cinema (Nobuhiko Obayashi, Japan 2019) ~ im Rahmen der Nippon Connection 2020

Ein meisterlicher Schwanengesang des kürzlich verstorbenen, japanischen Ausnahmeregisseurs Nobuhiko Ôbayashi, der mit einer irren Plotkonstruktion das Ende des Kinos (aka. des letzten Kinos in seiner Heimatstadt Onomichi) mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs vor allem auf Okinawa kurzschließt - und der die japanischen Kriegsverbrechen thematisiert, die dort stattgefunden haben. Gräueltaten, die allzu häufig unter den Tisch gekehrt werden. Nur um dann im Finale mit der Schauspieltruppe nach Hiroshima zu springen, um seine Erzählung mit dem Atombombenabwurf zu beschließen.
Dazwischen packt er nicht weniger als so gut wie die gesamte japanische Filmgeschichte von der Stummfilmzeit bis zum Zweiten Weltkrieg. Sadao Yamanaka und Yasujiro Ozu sitzen im Lehnstuhl und unterhalten sich im Jenseits über ihre Filme und die "gescheiterten" Karrieren, wobei die berühmt gewordene Sentenz nicht fehlen darf, Ozu selbst sei nur ein "Tofu-maker" eines Alltagskinos, das sowieso…

A Life Turned Upside Down: My Dad's an Alcoholic (Kenji Katagiri, Japan 2020) ~ im Rahmen der Nippon Connection 2020

Was wie eine beschwingte Komödie beginnt, gerät allzubald zur Tragödie. Hätte man ahnen können, denn die Rollenwahl des Schauspielers Kiyohiko Shibukawa ist selten frei von gebrochenen Charakteren. 
So auch hier: ein Familienvater, der sich, wie in Japan üblich, viel zu wenig um seine Familie kümmert, dafür umso mehr um seinen Job, bringt eben diese an den Rand des Zusammenbruchs. Weshalb? Ganz einfach: die Gewohnheit, abends noch ein paar Gläser trinken zu gehen, wird irgendwann zur Sucht. So ist bald jede Ausrede recht, um sich total ins Orbit zu schießen.
Und am Anfang ist der Film auch inszeniert wie ein Sommerwind, der frisch durchs Fenster hereinweht. Wie sollte man diesem Charakterkopf mit dem Dauergrinsen und den hochgezogenen Augenbrauen auch böse sein! Doch er treibt seine Frau in den Wahnsinn, bzw. zunächst in den religiösen Fanatismus, und seine beiden Töchter in die innere Isolation. Hauptsache, er kann mit seinen Saufkumpanen die Mühen das Alltags mit ordentlich Sake u…

The Journalist (Michito Fujii, Japan 2019) - im Rahmen der Nippon Connection 2020

Wie japanische Kommunikation funktioniert. Das Unausgesprochene zwischen den Wörtern und das Lesen des leeren Raums, das ist etwas, was man sehr schön in diesem Film beobachten kann. Ein Film, in dem eine Reporterin mit einem regierungsinternen Mitarbeiter einen Skandal aufdeckt.
Beide Figuren, mit beschädigten Biographien, befinden sich an Schwellenmomenten in ihrem Leben. Sie merken, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Und so wird in diesem Film die Aufdeckung des Falls kurzgeschlossen mit dem Entwicklungsprozeß, der das eigene, persönliche Leben betrifft. Das ist ziemlich gut gemacht und steigert sich bis gegen Ende in ein tolles, sprachloses Finale.
Nicht so gut hingegen ist das aufdringlich entmenschlichte Color-Grading des Films, das jede Wärme in schattig kalten Blautönen erstickt. Auch die rasenden Untertitel, die nicht nur dem dialoglastigen Film folgen müssen (wenn mal geredet wird, dann atemlos und unter Druck), sondern auch den vielen eingespielten Textnachrichten, …

Nippon Connection vs. Corona ~ 1:0 fürs Japanische Kino!

In NRW machen jetzt bald die Freibäder auf, aber das interessiert mich herzlich wenig, seit die nette Yvonne von Gegenüber, damal vor gut 35 Jahren, meine Einladung ausschlug auf ein Dolomiti-Eis mit mir ins Freibad zu kommen. Freibäder sind seitdem nicht mehr mein Ding.
 Umso erfreulicher ist es, dass das Festivalteam der Nippon Connection auch in Zeiten der Corona-Pandemie nicht alles "auf Pause" gestellt hat, sondern weiterhin an die Notwendigkeit guter Filme glaubt und uns Japanophilen das Festivalprogramm per Internet zur Verfügung stellen wird. Eine großartige Entscheidung, denn wie hätten wir Dürstende sonst durchs Jahr kommen sollen? Und: so war auch die ganze Arbeit nicht vergeblich. Auch nicht schlecht.
 Also: Nippon Connection Online. Wir sind gespannt auf die Umsetzung. Und ein bisschen ein Wermutstropfen ist freilich auch dabei, denn gerade die Nippon Connection ist ein Festival, das sich durch seine Location, die charaktervolle Spielstätte, das Zusammengehöri…

Im Gefängnis der Bilder: HEROIC PURGATORY von Yoshishige Yoshida (Japan, 1970)

Die Japanese New Wave als faszinierendes Mirakulum: wir rätselten viel, enträtselten einiges - doch längst nicht alles. Heroic Purgatory ist ein Film, der schnell überfordert, der den Zuschauer aber auch wegen seiner magischen Bilder in den Bann zieht. Bilder, die man nicht so schnell vergißt. Oder auch: nie wieder. Einstellungen, die sich einprägen.

 Weniger einprägsam ist die Handlung, die sich auf mehreren Zeitebenen erstreckt und die keineswegs darauf angelegt ist, dem Zuschauer eine "Geschichte" zu erzählen. Das macht der Film zwar schon, aber eher unfreiwillig, nach und nach, auf Umwegen wie ein Pastiche, das sich sukzessive zusammensetzt. Also: ein schöner Film, aber auch eine bittere Pille.
 Eingeladen zum Podcast-Gespräch wurde ich von Johannes von Untersicht / Sammelsurium, und der Dritte im Bunde ist Japan-Experte Michael vom Kompendium des Unbehagens. Wir gaben uns Mühe und hatten trotzdem großen Spaß beim Versuch, uns diesem filmischen Monster zu nähern. Hier …

The Dancing Girl of Izu (Heinosuke Gosho, Japan 1933)

Is that what you mean by happiness?
 Soweit ich weiß, ist Heinosuke Goshos Adaption von 1933 die erste der vielen filmischen Annäherungen an Yasunari Kawabatas berühmte Novelle. Hier als Stummfilm realisiert, mit sehr vielen Texttafeln im zweiten Teil, entschied er sich dazu, die eigentliche Handlung, die bei Kawabata doch recht konzise ausfällt, deutlich auszuweiten - durch etliche zusätzliche Figuren und auch durch mehrere neue Erzählstränge.

 Ein riskantes Unterfangen, waren doch die literarischen Adaptionen, genannt bungei eiga, gerade deswegen bei den Filmstudios so beliebt, da die Romane bereits die Zensurstelle durchlaufen hatten und man als Filmgesellschaft sich dadurch ausreichend abgesichert fühlte. Man konnte immer auf den Ursprungstext verweisen - und für dessen Inhalt könne ein Film natürlich nicht verantwortlich sein:
Literary works soon followed, and these literary films were particularly popular during the 1930s since, as adaptations of established, well-known works, th…

The Blocked Vagina / Closed Vagina / 鎖陰 (Masao Adachi, Japan 1963)

Überbelichtete Bilder einer Frauenbiographie reihen sich hier aneinander, die in der Abstraktion und Deutungsoffenheit den Schritt zum Kunst- oder Experimentalfilm wagen. Spätere Eindrücke einer Beerdigung aus dem Krematorium, in dem die Knochen der Verstorbenen mit Stäbchen paarweise in die Urne gehoben werden. Eine letzte sanfte Geste zur Verabschiedung der Toten aus der Welt der Lebenden.
 Anschließend wieder die jungen Wilden zwischen  Sexabenteuer und Revolutionsdrang, wilden Haaren, herumrennend in Unterwäsche und close-ups auf ekstatische Gesichter; dann aber abgleitend in Bilder aus einem Krankenhaus, zu toten Körpern (ANPO-Aufstände in Tokyo?) und klinischen Treppenhausfluchten. Man dreht sich wie in einer endlosen Spirale um sich selbst (die politische Vergeblichkeit der gescheiterten Linken?), unnachgiebig die wie immer stärkere Gesellschaft.
 Das letzte, wunderschöne Bild: das Auge einer Frau, halbgeöffnet, in der Überbelichtung. Man weiß nicht, ob es nach einem Akt des …