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Alptraum Arbeitsplatz: To Each His Own (Izuru Narushima, Japan 2017)

Es ist manchmal kaum zum Aushalten, wie der Protagonist Takashi Aoyama (gespielt von Asuka Kudo) von seinem Boss tyrannisiert wird. Yamagami (legendary Kotaro Yoshida) ist ein einziger Alptraum, ein sadistischer Menschenschleifer, der nichts anderes im Sinn hat, als die Angestellten in seiner Abteilung bis aufs letzte auszupressen. Das Regime ist das der Angst, das Mittel die totale Unterwerfung. Ob diese Verhältnisse nun überspitzt dargestellt werden oder beispielhaft für eine weitgehend übliche Praxis, ist schwer zu sagen. Film verdichtet. Der enorme Druck, unter dem die Salarymen und -women stehen und den sie erdulden müssen, ist jedenfalls Legende und nicht erst seit gestern bekannt.
 Die Lage spitzt sich zudem zu, als Aoyama den Auftrag eines wichtigen Kunden verpatzt. Vor dem beruflichen und auch sozialen Ruin stehend gerät er in einen Zustand völliger mentaler und körperlicher Erschöpfung, der einem Delirium gleicht und auf einen Burnout hinweist. Sich selbst das Leben zu neh…

J-Horror, Yakuza und Verlorene Jugend: Notizen zur Nippon Connection 2018: Capsule Reviews

  The Third Murder - Hirokazu Koreeda auf ungewohntem Territorium - diesmal mit einem investigativen Gerichtsthriller. Der Film ist ein typischer slow-burner, der seine Spannung auf kleiner Flamme hochköchelt, bis es kaum mehr auszuhalten ist. Nicht geringen Anteil daran hat der - einmal mehr - hervorragend spielende Koji Yakusho.

[Hirokazu Koreeda sidesteps the family drama business and pulls an awesome but ice-cold courtroom drama out of the bag. Featuring a devastatingly good Koji Yakusho.]
Bamy - Jun Tanakas Geisterfilm nimmt die Traditionen des Genres auf und macht daraus etwas Neues in seinem mit kleinem Geld realisierten Independent-Film. Das komplette Review kann man hier nachlesen.
Outrage: Coda - Takeshi Kitanos Abschlussfilm seiner dreiteiligen Yakuza-Reihe ist der schwächste Part der Trilogie. Obwohl die Szenen am Kai beim Angeln schön lakonisch sind und auch sonst wieder ausgiebig geredet und unvermittelt eruptiv geballert wird, scheint dem Film das Herz abhanden gek…

Umzug der Erinnerungen: Danchi Woman (Akiko Sugimoto, Japan 2017)

Wir sehen es an den Dokumentarfilmen über Fukushima, wie wichtig den Menschen ihre Heimat, ihr Zuhause ist. Man will offensichtlich, selbst bei den größten Katastrophen, nicht die Region verlassen müssen, die einem über Jahre oder Jahrzehnte ans Herz gewachsen ist. Akiko Sugimoto portraitiert in ihrem zweiten Dokumentarfilm eine ältere Dame von 85 Jahren, die aus einem public housing - Gebäudekomplex im Hafen von Yokohama, südlich von Tokyo, ausziehen muss. Nicht weit davon befindet sich das neue Gebäude mit Luxuswohnungen, die für die letzten Bewohner des alten baufälligen bereit stehen. Es stellt zwar eine deutliche Verbesserung ihrer Lebenssituation dar, doch möchte sie eigentlich nicht umziehen. Und den ganzen Plunder entsorgen, der sich angesammelt hat. Denn darin wohnen die Erinnerungen an ihr Leben.
 Sie hat ihr halbes Leben hier verbracht, und sehr viele Dinge um sich herum angesammelt - die Kamera von Akiko Sugimoto bewegt sich wie ein Höhlenforscher durch die Schluchten vo…

Überleben nach der Katastrophe: Trace of Breath (Haruka Komori, Japan 2017)

 Trace of Breath ist ein Dokumentarfilm und der erste Langfilm der japanischen Regisseurin Haruka Komori, die nach dem Unglück von 2011 von Tokyo nach Rikuzentakata in der Präfektur Iwate gezogen ist, um das Leben der Menschen in der Region zu dokumentieren. Rikuzentakata wurde vom Erdbeben und vor allem durch den Tsunami völlig zerstört. Nach und nach wird das Städtchen nun aus den Überresten des Unglücks rekonstruiert, eignetlich neu gebaut. Viele Menschen verloren ihr Leben, die allermeisten Gebäude sind vernichtet, und alleine den Alltag zu bestreiten ist eine große Herausforderung. Da so viel aufgeräumt, rekonstruiert und gebaut wird in diesem Film, ist er geprägt von einem permanenten Soundtrack des Baustellenlärms. Ständig fahren LKWs vorbei, überall arbeiten Maschinen, einen Ausblick gibt es nicht.
 Aber im eigentlichen Zentrum des Films steht vor alleim ein Mann, der seine Gartenhandlung verloren hat. Genauer: er ist Saatguthändler, und hat, nach der völligen Zerstörung seine…

Stoischer Humor: Party 'round the Globe (Hirobumi Watanabe, Japan 2017)

Der Gewinner des letztjährigen Nippon Vision Awards kehrt zurück mit einem Film, der seinem Poolsideman (2016) formal sehr ähnlich ist. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: zwei junge Männer sitzen im Auto und fahren nach Tokyo zu einem Konzert von Paul McCartney. Da sich Watanabes Filme durch lange Einstellungen und eine statische Kamera auszeichnen, passiert hier nicht viel, außer dass einer der beiden permanent redet, und der andere nie. In amerikanischen Reviews würde man jetzt den Begriff deadpan humour lesen können - es ist subtil lustig, weil das so wahnsinnig trocken inszeniert ist. Knalleffekte gibt es hier nicht. In schwarz-weiß noch dazu. Minutenlang passiert einfach nichts, außer diesem Gequatsche und dem ruhigen, zen-buddhistischen Blick des Fahrers, der das alles irgendwie erträgt, ohne aggressiv zu werden.
 Der Film setzt sich aus einer ständige Aneinanderreihung von vielleicht sechs Einstellungen zusammen, die alle auch immer wiederkehren, um das gleichförmige Leb…

Nippon Connection 2018 - Das Programm.

Es ist für mich mittlerweile zur Tradition geworden, Ende Mai über Fronleichnam nach Frankfurt zu reisen und eine knappe Woche beim Nippon Connection Film Festival dem japanischen Film zu huldigen. Es gibt aber noch einen Grund, dies jedes Jahr zu wiederholen: die Atmosphäre des Festivals ist einzigartig. Das liegt nicht nur daran, dass eigentlich alle Anwesenden ausgesprochen gut gelaunt sind (ein großer Gegensatz zur Berlinale, zum Beispiel) - sondern dass ich dort enorm viele Leute treffen kann, die mir mittlerweile ans Herz gewachsen sind. Und neue Bekanntschaften zu machen, die das Potenzial dazu hätten, wenn man sich öfters sähe. Die Begeisterung für alles Japanische scheint eine tiefe, unausgesprochene Verbundenheit zwischen den Festivalteilnehmern zu stiften, die für einen kurzen Moment alles möglich erscheinen lässt.
Auch dieses Jahr ist das Film-Programm wieder sehr schön geworden. Neben dem tollen Rahmenprogramm, bei dem vor allem drei Veranstaltungen für mich herausstech…

Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs: Swaying Mariko (Koji Segawa, Japan 2017)

In Koji Segawas einstündigem Film Swaying Mariko wird direkt zu Beginn deutlich, was das Besondere an ihm ist: die Erzählperspektive ist ganz dicht an die Hauptfigur Mariko angelegt (sehr nuanciert gespielt von Chise Ushio). Wir sehen die Ereignisse durch ihre Augen, mit einer zusätzlichen Voice-Over-Kommentar-Tonspur, die ihren Gedankenfluss transportiert. Es ist also kein klassisch übergeordneter Erzähler-Kommentar, der hier abläuft und der Kontext wie Übersicht erschaffen würde, sondern eine subjektive Meinung, die sogar eher für zusätzliche Verunsicherung sorgt.
 Denn in Marikos Kopf herrscht eine ziemliche Verwirrung. Ein Chaos, da ihre angespannte Lebenssituation voller Einsamkeit und zugleich voller Verpflichtungen sie ziemlich unter Druck setzt. Immer wieder kippt die Situation in Momente schwarzen Humors, da die Gedanken völlig in Kontrast zu dem stehen, was man sieht. Zwischen Dargestelltem und Wahrgenommenem tut sich eine Schere auf. Generell aber findet eine zunehmende V…