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Posts mit dem Label "Buch" werden angezeigt.

Two famous female writers from Japan: Yû Miri's 'Tokyo Ueno Station' & Hiromi Kawakami's 'People from my Neighbourhood'

TOKYO UENO STATION is not a straight narrative, but rather a quite experimental novel. As "the plot" unravels in flashbacks - by an obscure, already seemingly dead medium floating around Ueno park, the story of a life of hardship  is slowly being revealed. Of heavy labor, broken families, financial troubles and finally: homelessness. This is not the exotistic Japan you will find on a successful youtuber's channel. The events get illustrated by those of "greater dimensions", like the historical events around Ueno park hill during the Tokugawa period, the Great Kanto earthquake, the fire bombings at the end of WW II or the life of the Emperor. Quite often, Yû Miri uses methods of association, of glueing scraps and bits of pieces together in order to abstractly poetize the narrative flow . There are passages where ideas or narrative structures dominate the text, which only slowly floats back to its central plot. TOKYO UENO STATION is rather complex and surely is n...

Der Heilige (Yoshikichi Furui, Insel Verlag / Japanische Bibliothek, 1993; Original: "Hijiri"『聖』Shinchôsha 1976)

 Auf Yoshikichi Furui ( 古井由吉,  *1937), der in Japan alle wichtigen Literaturpreise gewann und den man im Westen kaum kennt - auch weil sein Stil schwierig und komplex und deswegen schwer zu übersetzen ist, bin ich durch die Dokumentation BOOK PAPER SCISSORS des Nippon Connection Filmfestivals aufmerksam geworden, in der ein Graphiker in Handarbeit einzigartige Buchdesigns anfertigte. Ebendort wurde auch Furui interviewt. Der Roman DER HEILIGE war lange der einzige in eine westliche Sprache übersetzte Roman Furuis, und ich vermute, er war sicher kein Verkaufserfolg.   Sehr komplex wird hier eine psychologische Isolations-Erzählung mit Ähnlichkeit zu Abe Kobos mystischem Roman FRAU IN DEN DÜNEN entwickelt, eingebunden in japanische Volksmythen, den Buddhismus, Shinto- und Taoismus-Rituale. Der Heilige als Mittler zwischen Diesseits und Jenseits, im Spinnennetz einer erotischen Dorfschönheit, die mit Sake und körperlichen Zuwendungen einen jungen Mann becirct, um die Gr...

Buch-Podcast: Die Deutschen schreien (von Florian Coulmas, 2001)

Der Japanologe und Teilzeit-Tokio-Expat Jan Lukas Kuhn hat mich dazu eingeladen, mit ihm über Florian Coulmas Kulturschock - Buch Die Deutschen schreien zu sprechen. Das Besondere ist, dass es sich hierbei um einen reverse culture-shoc k handelt. Coulmas lebte 20 Jahre lang als Dozent in Tokio und tritt nun eine Stelle an einer deutschen Universität an - und muss mit der gesamten Familie umziehen. Zurück in die Heimat!, die unbekannt gewordene Heimat. Immer wieder legt er den Finger auf die Wunde, wenn es um deutsche Gepflogenheiten geht, die Ruppigkeit, die Einsilbigkeit, das Pochen auf festen Regeln, die keine Flexibilität erlauben. Mit Jan Lukas zu sprechen hat großen Spaß gemacht und in den zwei Stunden, in denen wir das Buch leider nur anreißen konnten, kommt viel zur Sprache. Auch das eigene Verhältnis, eigene Erfahrungen zu Japan und Deutschland drängen sich immer wieder auf und ins Gespräch hinein. Viel Spaß damit. Hier geht es zum Podcast mit dem passenden revers...

Requiem (Shizuko Gô, Japan 1973)

 Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs drohen in Yokohama täglich Brandbomben-Angriffe der feindlichen Amerikaner. Japan will das Unvermeidliche nicht wahrhaben - nämlich dass der Krieg schon längst verloren ist. Die verzweifelte Mobilisierung, das Entsenden der jüngsten Männer aus der Nachbarschaft, stellt eine Reise in den sicheren Tod dar. Doch die Moral ist - zunächst - noch gut. Bis zum letzten Mann wollen sie kämpfen, für das Vaterland und den gottgleichen "Emperor". Doch dann wird alles anders, als die ersten Bomber am Himmel erscheinen.  Der Text setzt direkt mit einer Szene ein, für die er berühmt geworden ist: das Mädchen Setsuko verbringt ihre letzten Tage schwerkrank in einem provisorischen Luftschutzbunker und im Fieberwahn rekapituliert sie ihr Leben; die Familie, der Nationalismus des Bruders, die Arbeit in der Fabrik, ihre Schulzeit, das Zusammensein mit der Freundin Naomi, der Tod der Mutter, die Absenz des Vaters. Ein Text in Ausrissen, Szenen, Frag...

Ein ungewöhnlicher Krimi aus Korea: DEIN SCHATTEN IST EIN MONTAG von Jung-Hyuk Kim (2019)

Nachdem sich die koreanische Literatur in den letzten zwei Jahren mit der deutschen und englischen Übersetzung von Han Kangs tollem Roman Die Vegetarierin  und Min Jin Lees Pachinko (dt.: Mein einfaches Leben ) erneut auf unserer literarischen Landkarte etablieren konnte, erscheint nun ein weiterer koreanischer Roman, der der Gravitas der beiden künstlerisch ambitionierten Werke eine Leichtigkeit entgegensetzt, die erfrischend ist. Dein Schatten ist ein Montag   von Kim Jung-Hyuk ist ein Kriminalroman, und zwar ein ziemlich ungewöhnlicher. Der Ermittler Gu Dongchi ist ein ehemaliger Polizeibeamter und Einzelgänger, nun aber ist er als Privatdetektiv unterwegs. Genauer: als "Deleter". Soll heißen, er vernichtet Hinterlassenschaften seiner Klienten. Briefe, Fotos, und vor allem auch digitale Spurenreste. Da gibt es häufig so einiges, was niemals an die Öffentlichkeit gelangen soll, und Gu kümmert sich gewissenhaft darum. Als einer seiner Klienten ums Leben kommt und vers...

Die zehn Lieben des Nishino (Hiromi Kawakami, 2019)

 In zehn recht knapp gehaltenen Kurzgeschichten wird aus der Perspektive von einigen ehemaligen Geliebten und Freundinnen Nishinos dessen Leben und Charakter beleuchtet. Eigentlich erfährt man dabei mehr über die Frauen und Mädchen selbst, als über den immer etwas mysteriös bleibenden, sexuell doch recht abenteuerlustigen Mann. Er scheint attraktiv zu sein, sanft und zurückhaltend - aber eben ganz und gar nicht schüchtern. Dennoch: Sein Profil bleibt nebulös. Es sind die Frauen, um die es hier geht.  Dabei werden verschiedene Lebensabschnitte abgehakt, von der Schulzeit über die Universitätsjahre bis hin zum reiferen Alter. Nishino selbst bleibt unverheiratet und unausgesprochen ahnt man, dass er sein Leben zwar genießt, so ausgefüllt es ist, dass er aber andererseits unfähig ist, sich wirklich zu binden. Letztlich nimmt er alles hin, was ihm zustößt. Was ihn freilich auch wieder sympathisch macht, da von ihm keinerlei Bedrängung oder gar Gewalt ausgeht. Die handeln...

Chinesische Dystopie: PEKING FALTEN von Hao Jingfang (2018)

Lao Dao, ein Leben als Rundungsfehler. In der nahen Zukunft: Die Metropole Peking ist in drei Sektoren aufgeteilt, um den knapp bemessenen Raum möglichst effizient zu nutzen und um der Überbevölkerung Herr zu werden. Der Protagonist Lao Dao, ein älterer Herr, lebt im Dritten Sektor, dort wo das einfache Volk ohne Bildung, die Tagelöhner hausen. Er ist Mülltrenner und verwertet die Abfälle aus Sektor zwei und drei, um sie einem Recycling-System zuzuführen. Außerdem kümmert er sich um seine Tochter; ein Findelkind, das er einmal aus dem Abfall gezogen hat. Da er ihr eine bessere Zukunft sichern will, verdingt er sich als Bote zwischen den Sektoren - jeder Kontakt zwischen ihnen ist strengstens untersagt - um eine Nachricht an eine Frau in Sektor Eins zu übermitteln. Freilich, ein Job voller Gefahren. Da sich in einem gewissen Zeitabstand die Stadt Peking stetig neu "umfaltet", um einen anderen Stadtsektor an die Erdoberfläche gelangen zu lassen, muss er sich auf ein...

Und dann friert die Pfütze zu: Liebe am Papierrand (Yoko Ogawa, 1991/2005)

 Abgesehen vom obligatorisch esoterischen Asien-Coverbild auf dem Buchdeckel, das die Erwartungshaltung in eine völlig falsche Richtung lenkt, ist dieses Buch, eine Kranken- und Liebesgeschichte einer Frau zu einem mysteriösen Stenographen mit schönen Händen, vor allem aber eines für Ohrenfetischisten. Laut Wikipedia war dieses der erste große, erfolgreiche Roman der Autorin und vielleicht ja auch eine Hommage an Murakami Haruki, dessen Ohren-Obsession hinlänglich bekannt ist. Es hagelte jedenfalls Literaturpreise in Japan.  Es ist ein leises Buch, noch viel leiser als die Eulersche Formel , und ein präzises in der Beobachtung des Alltäglichen. Die Figuren sind noch behutsamer und rücksichtsvoller gegen sich selbst und die Umwelt. Hier wird viel in Erinnerungen geschwelgt und in Gefühlszuständen, die nur mit ständig eingeschaltetem Seismographen wahrgenommen werden können. So ziemlich das Gegenteil von einem Ryu Murakami-Roman, aber keinesfalls besser. Und dann fällt ...

Für alle sichtbar und dennoch weit weg: Die Ladenhüterin (Sayaka Murata, 2018)

Normalität setzt sich gewaltsam durch, Fremdkörper werden einfach beseitigt. Menschen, die nicht richtig funktionieren, werden entsorgt.  Nach gut der Hälfte dieses enorm sympathischen Romans findet die eigenbrötlerische Ich-Erzählerin Keiko Furukura zu diesen klaren und harten Worten, die gewissermaßen als Sentenz dem ganzen Roman zugrunde liegen. Und die zugleich eine gesellschaftliche Analyse darstellen, die ebendieser Gesellschaft ein äußerst negatives Zeugnis bescheinigen.  Keiko hatte sich schon als Kind als Außenseiterin gefühlt. Sie hat Ereignisse verstörend anders wahrgenommen, als die anderen Kinder um sie herum. Und sie hat nicht so reagiert, wie es sich gehört. Früh also war sie ein "auffälliges Kind" geworden, das man unter Beobachtung stellte, und für das sich die Eltern entschuldigen mussten. Um ihrem Umfeld weitere Konflikte zu ersparen, hatte sie sich daraufhin extrem in sich selbst zurückgezogen und jeden gesellschaftlichen Kontakt weitestgehe...

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore I - Eine Idee erscheint (DuMont, 2018)

 Der namenlose Ich-Erzähler, ein in die künstlerische Krise geratener Portraitmaler, zieht sich nach gescheiterter Ehe in die Einsamkeit einer Berghütte zurück: es ist das ehemalige Häuschen des berühmten Malers Tomohiko Amada, der dort ungestört arbeiten wollte. Bald aber wird er von einem mysteriösen Nachbarn gestört, der sich ein Portrait anfertigen lassen will, wie von einem mysteriösen Glöckchenläuten, das nachts immer wieder erklingt und dessen Ursprung sich zunächst nicht erkunden lässt. Mehrere Frauengeschichten halten ihn ebenfalls auf Trab, wie auch ein Malkurs, den er im Städtchen Odawara am Fuß des Berges abhalten muss. Wie in einer Schauergeschichte findet er auch noch das titelgebende Gemälde auf dem Dachboden, das die Ermordung des Commendatore zeigt. Nach und nach macht sich der verhinderte Künstler, der eigentlich auf der Suche nach Ruhe und Einsamkeit war, an die Aufklärung der mysteriösen Ereignisse.  Ein typischer Plot für einen Murakami-Roman: ein...

Adolf Muschgs Roman 'Heimkehr nach Fukushima': von der Liebe im Schatten des Reaktors (C.H. Beck, 2018)

 Der gedankliche Sprung vom "Löschwasser zum Fruchtwasser", den der Architekt Paul Neuhaus in Adolf Muschgs neuem Roman Heimkehr nach Fukushima anstellt, ist ein gewaltiger. Und der Schritt über diesen semantischen Graben hinweg ist so groß, wie einer über die Gräber der toten Japaner des Unglücks vom März des Jahres 2011. Soll das nun lustig sein? Darf man das überhaupt? Was wird geboren aus dieser neuen "Ursuppe" (sic!), die Muschg hier heraufbeschwört? Man fühlt sich manchmal etwas unwohl mit solchen Vergleichen und wilden Assoziationen und befürchtet, dass es der Autor mit der augenzwinkernden Bildlichkeit mitunter etwas übertreibt. Denn das Buch arbeitet mit vielen Dopplungen und Spiegelungen, die den Adalbert Stifter-Narren Paul Neuhaus aus dem Rheintal auf Einladung eines befreundeten Ehepaars nach dem japanischen Fukushima führen.  Man will Neuhaus vom Gast zum Vermittler machen, denn der Bürgermeister eines verstrahlten Ortes in der Region um d...

Proletarische Literatur: DAS FABRIKSCHIFF von Takiji Kobayashi (1929)

 Takiji Kobayashis Klassiker der japanischen Arbeiterliteratur Das Fabrikschiff ist ein überwältigender Kurzroman von niederschmetternder sozialhistorischer Wucht, der den ausbeuterischen und rücksichtslosen japanischen Kapitalismus in seiner Extremform beschreibt - er schildert auf häufig derbe und drastische Weise die katastrophalen Zustände auf einem Krabbenfangschiff im ochotskischen Meer nördlich von Hokkaido. Der durchweg spannende Roman ist dabei kein politisches und agitatorisches Manifest, sondern ein geradezu saftiger und spektakulärer Erlebnisbericht von den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und Zuständen auf dem Kutter, "unter dem Kommando von Teufeln in Menschengestalt" . Das betrifft sowohl die Abläufe des Arbeitsalltags, wie auch das soziale Gefüge unter den Seemännern und deren Vorgesetzten. Jenseits eines sich stets vom Pöbel fernhaltenden Kapitäns, der sich stets in Völlerei ergeht und seiner Verantwortung nicht nachkommt, hat es vor allem der ...

Moju: The Blind Beast (Edogawa Rampo, 1932)

 Diese Erzählung Edogawa Rampos handelt von einem blinden Bildhauer und Masseur, dessen äußerliche Gestalt als häßlich und spinnenfingrig, gleichwohl aber als enorm faszinierend dargestellt wird, und der als Skulpturenkünstler einen abgeschiedenen, riesigen und unterirdischen Raum irgendwo in Tokyos Vororten mit einer obskuren Sammlung aus Gliedmaßen menschlicher Körper ausgestaltet hat. In allen Formen und Größen und Materialien, aber mit Liebe, ja Besessenheit zum Detail und einer großen ästhetischen Finesse. Nun gelingt es ihm, besonders schöne Frauen, die als Kundinnen während seiner legendären Massagen die Hemmungen verlieren, in ebendiesen Raum zu locken, dort gefangen zu halten bis sie gefügig werden, zu mißbrauchen und, wenn er ihnen schließlich überdrüssig wird, sie zu töten, zu zerstückeln, und anschließend zu entsorgen.  Bekannt ist diese grausame Geschichte sexueller Perversion auch durch die Verfilmung von Yasuzo Masumura geworden, der sich allerdin...

Der weiße Tiger / The white Tiger (Aravind Adiga, Indien 2008)

 Ein indischer Zuckerbäcker aus der Provinz steigt sozial auf und wird der Fahrer eines reichen Industriellen in Delhi. Er beobachtet, lernt schnell und als sich ihm schließlich die Gelegenheit bietet, begeht er ein Verbrechen um selbst Unternehmer zu werden. Der Clou des Buches aber ist der, dass der Ich-Erzähler mitsamt seiner gewonnenen Souveränität aus der Rückschau auf seinen Werdegang einen Briefroman schreibt, nun als etabliertes Mitgleid der Gesellschaft. Das fügt der Erzählung eine weitere Reflektionsebene hinzu - genauso wie die etwas hanebüchene Prämisse, dass der Empfänger der Briefe der chinesische Ministerpräsident ist, welchem er sich bei dessen Indien-Besuch empfehlen will. Wen Jiabao möchte nämlich an das Geheimnis des "indischen Unternehmertums" gelangen, und Balram Halwai, der Erzähler, meint nun ganz selbstbewußt, er könne daraus Ruhm und Profit schlagen.    Der weiße Tiger ist ziemlich lustig erzählt und man bekommt eine Vielzahl ...

Das Jagdgewehr / Ryoju (Yasushi Inoue, Japan 1949)

 Der Herausgeber einer japanischen Jagdzeitschrift ("Der Jägerfreund") veröffentlicht ein extra für ihn verfasstes Gedicht eines ehemaligen Freundes, nun ein Schriftsteller. Obwohl sich das Gedicht gegen das Töten ausspricht, wird es an das Ende das Heftes gesetzt - der zuletzt erscheinenden Nummer zudem, bevor es eingestellt wird (ein durchaus interessanter Kommentar des Herausgebers). Aufgrund dieses Gedichtes bekommt der Schriftsteller von einem Mann, dem dieses Gedicht gefällt und das unter anderem die Einsamkeit des Jägers thematisiert, drei Briefe mit der Bitte um Lektüre zugesandt. Darin offenbart sich eine tragische Geschichte: der Absender, selbst ein Jäger, hinterging jahrelang seine Frau mit einer Geliebten (der Cousine seiner Gattin), welche er aufrichtig liebte. Diese Geschichte ergibt sich puzzle-artig und polyperspektivisch aus den Inhalten der drei Briefe der betroffenen Frauen (seiner Gattin, der Liebhaberin und deren Tochter). Höhepunkt des Romans ist si...

1Q84, Teil 1&2 (Haruki Murakami, 2010)

 In der Vergangenheit, der Schulzeit liegt das eindrücklichste Erlebnis ihrer Jugend für die beiden Außenseiter Tengo und Aomame: nach der hämischen Attacke eines Mitschülers ist Aomame der schüchterne Tengo beigesprungen. Zum Dank drückt sie ihm für einen kurzen Moment die Hand, ein Erlebnis, das sich dem Jungen für immer ins Gedächtnis einbrennen wird. Etwa zwanzig Jahre später spielt nun die Handlung des Buches 1Q84, das auf George Orwells dystopischen Roman verweist (Q kann in seiner japanischen Aussprache lautlich mit 9 verwechselt werden). Denn in dieser Welt hat sich etwas verändert - als Aomame in einem Stau auf der Autobahn aus dem Taxi steigt und über eine Treppe die Hochtrasse verlässt, ist es, als ob sie über eine Schwelle geht. Plötzlich erscheinen zwei Monde am Himmel, und auch sonst haben sich Details verändert, Verhältnisse verschoben. Minimal, aber unübersehbar. Aomame ist Auftragskillerin und auf dem Weg zu einem Job. Die verschobenen Verhältnisse lassen sie ...

River Town - Two Years on the Yangtze (David Hessler, 2001)

 1996: Die Stadt Fuling am Yangtze während des Baus des Drei-Schluchten-Staudamms. Der junge Amerikaner David Hessler kommt als Englischlehrer im Rahmen des US-Peacecorps-Programms in diese Stadt, in die sich sonst kaum ein Ausländer verirrt, in der sich aber vor allem noch nie ein Amerikaner wirklich längere Zeit aufgehalten hat. Es ist ein Kulturschock für beiden Seiten. Im Laufe der zwei Jahre, in der Hessler sich weitmöglichst versucht, auf Land und Leute, Sprache und Essgewohnheiten, Menschen, Rituale und Traditionen einzulassen, erkennt er bis zum Schluß immer wieder, stetig frustrierter werdend, daß er immer der Fremde bleiben wird. Trotz der Freundschaften, die geknüpft werden, der Bindungen die entstehen, und all der persönlichen Entbehrungen, die er im Dienst seines Anspruchs erträgt.  Das Tolle am Buch, das sich in Kapitel zwischen dem "aktuellen" Erzählstrang der erlebten Ereignisse und essayartigen Einwürfen über Land und Leute, Traditionen und Religion...

Haruki Murakami : Afterdark (2007).

 Der letzte von mir gelesene Roman Haruki Murakamis war Kafka am Strand . Der hatte streckenweise noch durchaus gefallen können mit seinem ansprechenden Themenmix aus Roadmovie, Adoleszenzthematik und Bibliotheksmystik. Doch starke Abnutzungserscheinungen machten sich breit: man kannte das alles mittlerweile aus zahlreichen Vorgängern. Und das Gefühl, weshalb man einen Murakami liest –also genau dieses ich-will-einen-Murakami-lesen-Gefühl- fühlte sich schon bald taub und leblos an während des Lesens; in etwa so, als ob man Weihnachten feiert und sich auch darauf gefreut hat, aber plötzlich ist doch alles wieder total langweilig und die Geschenke sind so unoriginell, daß man sich fragt, was sich die Leute dabei eigentlich gedacht haben. Schlechte Ausbeute. So ging es mir mit Kafka .  Murakamis Kurzgeschichten habe ich gelernt zu boykottieren - außer denen aus After the Quake bündeln sie das, was ich an Murakami schlecht finde. Schnell hingerotzte Teeniegeschichten für das...

Buchrezension: Florian Coulmas, Die Kultur Japans - Tradition und Moderne

 Der 1949 geborene Coulmas ist Professor für Kultur, Geschichte und Sprache des modernen Japans an der Uni Duisburg und hat 17 Jahre in Japan gelebt. Er versteht es sehr gut, Kulturgeschichte anschaulich zu vermitteln und gliedert das Buch in vier Kapitel: Verhalten und soziale Beziehungen (Übergangsriten, Verwandtschaft, Etikette), Werte und Überzeugungen (Religionen und Glauben), Institutionen (Schule, Firma) und die sog. Materielle Kultur (Körper, Kleidung, Mode, Architektur, Kunst). Das Buch zeichnet sich vor allem durch eine unglaubliche Materialfülle und einen großen Detailreichtum aus, was es einerseits sehr informativ, es andererseits aber auch oft zäh erscheinen läßt, da scheinbar aus Gründen der Vollständigkeit eben noch dieser und jener Punkt abgehandelt werden muß. Überhaupt gibt es einige Überschneidungen im Text, und auch stilistisch gibt es Gegensätze: Zu einem nüchternen, universitär-wissenschaftlichen Stil gesellt sich eine Mündlichkeit, die vermuten läßt, hier w...