Direkt zum Hauptbereich

Troubleshooter / Haegyeolsa (Kwon Hyeok-jae, Südkorea 2010)

 
Der koreanische Actionthriller ist für mich eine besonders angenehme Angelegenheit, denn zumeist weiß man, was man bekommt (und wird dennoch oft genug überrascht): nämlich handwerklich hochwertiges, oft mitreissendes Actionkino, das mit einer Plotline gesegnet ist, die irgendwie auch immer gleich ist. Manchmal gibt es einen Ausreisser - nach unten wie mit SECTOR 7, aber auch nach oben wie zuletzt mit dem überragenden THE YELLOW SEA. Üblicherweise aber bleibt alles auf nicht gerade originellem, dafür dennoch ansprechendem Niveau. Dass mir solche Filme in der Regel mehr Spaß machen als ihre Pendants aus USA, liegt nicht nur daran, dass die koreanische Kultur letztlich doch fremder ist als die amerikanische (und es so mehr zu entdecken gibt), sondern auch daran, dass selbst im Mainstreamkino immer noch Elemente durchschlagen, von denen man das nicht erwarten würde. Die eine oder andere künstlerische Radikalität etwa, unerhörte Ruppigkeiten, die im Westen nicht denkbar wären, oder die Hingabe an die Geschwindigkeit. Eine Überraschung in die eine oder andere Richtung eben. TROUBLESHOOTER jedoch bleibt über weite Strecken leider ziemlich enttäuschend.

Flashback-Biographie im Blitzlichtgewitter: Verkürzungsstrategien des Mainstreamkinos.

Regieneuling Kwon legt gut los mit seinem Film über einen Privatdetektiv (= ex-Cop), der sich zum Spezialist für pikante Fälle entwickelt hat, und der bei einem Auftrag in einen Mordfall hineingezogen wird, dabei zum Hauptverdächtigen wird und immer tiefer in den Schlamassel gerät. Je mehr er strampelt, desto tiefer versinkt er im Morast der Verwicklungen, der Korruption, der Unübersichtlichkeit. Dem Zuschauer geht es ganz ähnlich, der erst gegen Ende, als sich der Plot zu klären beginnt, wieder in die Erzählung einsteigt. Dass der Film aber aufgrund seiner allzu extensiven Ausreizung von Genrestandards bald sehr zu langweilen beginnt, ist unentschuldbar. Denn die Verwicklungen reichen freilich bis hinein in die obersten Politikspitzen und der Chef-Bösewicht kann natürlich nur, wer hätte es gedacht, die schöne, reservierte Dame im Kostüm sein. Sie hält die Fäden zusammen und spinnt ihr Netz aus Intrigen, das der "einfache" Mann unter Beschuss schließlich unter Aufbietung aller Kräfte zu zerreissen weiß.

Die Dame hinter diesem Netz (einem Vorhang) ist allerdings tot.

Besonders unangenehm aber ist TROUBLESHOOTER immer dann, wenn er versucht, Atmosphäre zu erschaffen. Normalerweise eine Stärke der Koreaner, die durch die Technik des Weglassens häufig große Wirkung erzielen, kommt dieser Film wie einer aus Hollywood daher: hier ist ständig Beschallung angesagt. Die Musik macht tatsächlich den ganzen Film kaputt. Besonders schlimm ist das in den Actionszenen und vor allem in den Momenten, wo man sich für diese warmläuft: ein wie an amerikanischen Polizeiserien geschultes Orchester bläsert sich in dramatisierende Crescendi hinein, die völlig deplatziert wirken in einem hochmodernen Thriller, der völlig ästhetisiert und oberflächenlackiert ist. Eine weitere Auswirkung: das Geschehen wird so seiner Ernsthaftigkeit beraubt. "Es passieren zwar üble Dinge, aber so schlimm wird es wohl nicht werden", denkt man sich unwillkürlich. Der Film demontiert sich in diesen Momenten selbst. Nichts mehr von der beinharten Qualität koreanischer Magengrubenschläge, die einen so richtig ausknocken. Hier wird alles gemildert zu etwas, das nicht wirklich ernstzunehmen ist. Was natürlich schade ist, und bald darauf auch vom Film selbst widerlegt wird. Denn Konsequenzen haben die Aktionen hier schon, nur werden sie ihrer Ernsthaftigkeit beraubt. Letztlich bleibt eine überstrapazierte Handlung in einem missglückten Arrangement - lediglich der sympathische und völlig überzeugend agierende Hauptdarsteller Kang Tae-sik (Sol Kyung-gu) ist ein Grund, sich diesen TROUBLESHOOTER anzuschauen. Ob das ausreicht, muss jeder selbst entscheiden - denn völlig missraten ist der Film sicherlich nicht.

Der verständnisvolle Blick des Polizisten: das Netz ist entwirrt, die Ordnung wiederhergestellt.


Beliebte Posts aus diesem Blog

The Woman who wanted to Die / Segura magura: shinitai onna (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Ein wahnsinnig schöner Film von Wakamatsu mit einem etwas verwickelten Plot: in einem tief verschneiten Provinznest verbringt ein beinah schon vermähltes Liebespaar ein paar gemeinsame Tage, doch reist ihnen der ehemalige Geliebte der Frau, ein heißblütiger Student, hinterher. Der befreundet sich, dort angekommen - überraschend und auch sexuell - mit einer älteren, reifen Frau, der Wirtin seines Gasthofes. Diese aber ist die ehemalige Geliebte seines Rivalen, des Mannes seiner Freundin. Damals liebten sich die beiden innig, aber ihre Liebe hatte keine Zukunft. Sie hatten sich dazu entschieden, den Doppelselbstmord aus Liebe   durchzuführen, was aber an der Willensstärke des Mannes gescheitert war, der sich, nachdem er die Frau mit einem Schwerthieb niedergestreckt hatte, nicht selbst töten konnte. Fortan quälte ihn die Gewissheit, seine große Liebe emordet zu haben, aber selbst zu feige gewesen zu sein. Die Frau jedoch überlebte schwerverletzt, zu einem Leben im Leid fern des Ge...

Wenn Kunst und Qual und Lust zusammen kommen ~ IREZUMI - The Spirit of Tattoo (Yoichi Takabayashi, Japan, 1982)

  Yuki no hana , Blumen des Schnees sind es, die auf perfekte Haut tätowiert werden; Abbildungen, die besonders gelingen, wenn beim Akt des Stechens die körperliche Ekstase einhergeht. In diesem Erotik-Drama, das die Kunst des Tätowierens vor allem auf seinen spirituellen Überbau hin abklopft, gerät das Leben einer Frau aus den Fugen. Die Erfahrungen, die sie macht, verändern sie über die Zeit völlig und so weiß am Anfang niemand, wo das enden wird - jedenfalls nicht dort, wo es die dominante Männergesellschaft vorgesehen hatte. Im Hintergrund lauert aber ein größeres Drama, das sich später enthüllt - und auch hier ist das Motiv der Schneeflocke zentral.  Hideo Fujii, ehemals Technik-Assistent bei Hideo Gosha und Nagisa Oshima ist Kameramann bei Yoichi Takabayashis IREZUMI (aus dem Jahr 1982 - nicht mit dem gleichnamigen Film von Yasuzo Masumura verwechseln), ist in IREZUMI für die Kamera verantwortlich. Die Bilder sind gelungen in ihrem manchmal etwas biederen Vers...

Black Rose Mansion / Kuro bara no yakata (Kinji Fukasaku, Japan 1969)

Der gut situierte Geschäftsmann Kyohei (Eitaro Ozawa) führt in seiner Freizeit einen elitären Herrenclub, in dem nur ausgewählte Gäste Zutritt haben. Eines abends steht ein besonderes Highlight an: die bekannt-berüchtigte Sängerin Ryuko Fujio (Akihiko Maruyama), die perfekte Personifikation einer exotischen Femme Fatale, ist zu Gast, und weiß in wenigen Momenten und mit nur einem Lied die Herren des Clubs zu betören. Da stürmt urplötzlich ein verzweifelter Geschäftsmann herein, stürzt sich auf Ryuko und fleht um ihre Liebe, bettelt um ihre Rückkehr, droht sich umzubringen. Alle sind schockiert: doch die Zeichen sind gesetzt. Hinter dieser seltsamen Frau verbirgt sich ein Geheimnis, und Kyohei selbst, erfolgreich und verheiratet mit einer liebenden Gattin, verfällt der exzentrischen Unbekannten. Fukasaku gelingt mit BLACK ROSE MANSION ein echter Augenschmaus, der sich recht eindeutig bei Film Noir-Motiven bedient. Stilistisch aber gleicht er einem bis ins Psychedelische reichende ...