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Nippon Connection 2016: Ken and Kazu (Hiroshi Shoji, Japan 2015)


Der Konflikt, der in KEN TO KAZU das Leben der Hauptfiguren ruiniern wird, ist der Spagat zwischen dem Lebensentwurf des kriminellen Kleingangsters und dem einer bürgerlichen Existenz. Als Saki schließlich schwanger wird, setzt sie ihren Freund Ken mächtig unter Druck: endlich mit Kazu zu brechen und ein ordentliches Leben zu beginnen. Etwas, was Ken ihr wohl schon mehrfach versprochen hat, aber anscheinend nicht einhalten wollte. Die Spuren seines unsteten und kriminellen Lebenswandels werden ihm während des Films mehrfach entlarvend ins Gesicht geschrieben: Kratzer auf den Wangen, eine blutige Nase, Schwellungen und blaue Flecken von Prügeleien. Und so muss sich Ken entscheiden, ob er eine Familie gründen und es bei den Einkünften aus seiner Autowerkstatt belassen will, oder ob er dem ständigen Drängen des penetrant grenzüberschreitenden, brutalen Kazu nachgibt und weiterhin Drogen verhökert. Doch Ken kommt nicht gegen ihn an, er wirkt eingeschüchtert und scheint zuviel Angst vor seinem Kumpel zu haben, um auszusteigen. Wahrscheinlich ist Ken im tiefen Innern einfach nur ein zu netter Kerl für ein derartiges Gegenüber. Selbst dann, als Kazu den eigenen Boss hintergeht und Ken vor den harten Sanktionen Panik bekommt, die sie erwarten, falls die Sache auffliegen sollte. Sein schlechtes Gewissen gegenüber Saki verhindert allerdings auch in dieser Hinsicht, dass die Wahrheit ans Licht kommt - und so ist die Gefahr groß, dass Ken am Ende mit gar nichts dasteht.

KEN AND KAZU ist ein reiner, geradezu klassischer Indie-Genre-Film, wie man ihn sich schöner kaum vorstellen kann. Hervorgegangen aus einem Kurzfilmprojekt, geschossen mit wackliger Handkamera und in grobkörnigen Bildern, ist es ein Film, der die Kraft und Energie der frühen Filme Shiya Tsukamotos oder Takashi Miikes atmet. Der Film ist rauh, schnell, brutal und zärtlich zugleich. Die Schauspieler sind mit Herzblut bei der Sache, das ist offensichtlich. Er legt den Fokus auf die zwischenmenschlichen Konflikte und macht damit nur bedingt Neues. Das scheint aber auch nicht das Ansinnen zu sein, sondern er setzt eine der Traditionslinien im japanischen Gangsterfilm fort, die im Independent- und Direct-to-Video-Bereich fußt, und die seit gut 10 Jahren völlig vernachlässigt wurde; da die ehemaligen Heroen entweder zu respektierten Regisseuren mit mehr Budget aufgestiegen sind, oder sich anderen Themen zugewandt haben, die mehr in den künstlerischen Bereich hineingehen. KEN AND KAZU könnte man also sehr gut als Retro-Revival-Film bezeichnen, auf eine erfrischende Art sogar, da ihm die ironischen Meta-Witzeleien ähnlicher Filme völlig abgehen. Dieser Film ist erst gemeint und grimmig von vorne bis hinten. Wenige Momente der Idylle, etwa in einer imaginiert weichgezeichneten Familienszene, stehen im krassen Kontrast zur filmischen Realität, die sich in Nebenstraßen, Industriegebieten und Frachthäfen abspielt, bevorzugt bei schlechtem Wetter und in der Nacht. Dazu: bitte immer Zigaretten rauchen.

Der Film stellt der japanischen Gesellschaft kein gutes Zeugnis aus, gleichwohl wir uns hier in einem relativ abgeriegelten Genre-Kosmos befinden. Ein Ausbruch aus diesem Dilemma scheint völlig unmöglich. Das freilich schon lebensbedrohliche Züge angenommen hat. Die einzige Möglichkeit, gut aus der Sache wieder rauszukommen, dürfte nur über die vollkommene Vernichtung des Gegners funktionieren (welche die eigene Position noch zusätzlich kompromittiert). Anschlußstellen zu einem normalen Lebenweg scheinen kaum zu existieren, weshalb er sich auch von seiner Freundin so stark entfremdet hat. Und da fügt sich der Film dann wieder gut ins restliche Festivalprogramm ein, in dem sehr häufig der Abgesang auf eine erodierte japanische Gesellschaft angestimmt wurde. Bis hin zu ihrer völligen Auslöschung in Sion Sonos Dystopie THE WHISPERING STAR (Podcast). Und so hat KEN AND KAZU, dem die völlige Über-Stilisierung eines GONIN SAGA fehlt (Review), eine ästhetische Haftung im Realismus, die dann doch sehr viel mit der/unserer Gegenwart zu tun hat. Auch wenn die Gesellschaftskritik weniger explizit ausgesprochen wird, so ist sie doch das implizite Fundament, auf dem der gesamte Film ruht. Und an der er sich letztendlich reibt, bis der Beton knirscht oder der Wangenknochen birst. Ein toller Film in der Sektion Nippon Visions - und einer, nach dem sich die Augen offenzuhalten lohnt.

Michael Schleeh

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