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Blind Beast / Môjû (Yasuzo Masumura, Japan 1969)



Ein blinder Bildhauer (Eiji Funakoshi) ertastet in den Räumen einer Photographieausstellung die Skulptur einer ‚perfekten Frau’, die er im Folgenden selbst als Kunstwerk gestalten möchte. In seinem Nebenberuf als Masseur ertastet er die Gesuchte (Mako Midori) mit seinen feinfühligen Händen, als sie nach einem Photoshooting Entspannung sucht. Er entführt sie mit Hilfe seiner Mutter (Noriko Sengoku) in sein Atlier, ein Fabrikgebäude am Rande der Stadt, wobei er die ehemalige Lagerhalle in ein riesiges Kunstwerk verwandelt hat: in der Mitte liegen zwei riesige Menschenkörper, Mann und Frau, in die Wänden sind Nachbildungen von weiblichen Gliedmaßen, Augen, Ohren und Brüsten eingearbeitet- eine Mischung aus Raumkunstwerk und Geisterbahn. Dort hält er die Schöne gefangen, bis sie einwilligt, Modell zu stehen. Die Gefangene versucht zu entkommen, und als dies mißlingt, beginnt sie zunächst als Täuschungsmanöver eine erotische Beziehung zum Künstler, um so einen Keil zwischen ihn und die eifersüchtige Mutter zu treiben. Dies gelingt ihr auch, doch als die Situation außer Kontrolle gerät, schlägt die zunächst nur vorgetäuschte Leidenschaft in ein sado-masochistisch sexuelles Begehren um.

Die Ablehnung und der Ekel wandelt sich zur Passion, dieser zur Obsession, in diesem theaterhaften Drei-Personen-Stück. Die Gestaltung des künstlich-künstlerischen Objekts wandelt sich gegen Ende in eine reale Deformierung des lebendigen Körpers, zunächst durch Bisse und Verwundungen, dann durch das gegenseitige Trinken des Blutes, schließlich durch die letztmögliche Steigerung der erlebbaren Ekstase in der Amputation der Körperteile. Die Abtrennung der Gliedmaßen wird parallel montiert mit dem Abfallen der Arme und Beine vom Rumpf der nachgestalteten Skulptur –jedoch ohne äußere Einwirkung. Die Auflösung des realen Raumes wurde zuvor durch eine wellenartige Verfremdung des Filmbildes eingeleitet, die jedoch keinen drogeninduzierten subjektiven Blick eines Protagonisten wiedergibt, sondern den einer übergeordneten Erzählinstanz. Die Welt „gerät aus den Fugen.“ Und so zerschmilzt auch die häufig postulierte Grenze zwischen Kunst und Leben, wird obsolet durch die Art, wie sich der Kunstwille des Schaffenden realisiert: nicht als Spinnerei, sonderrn als Gestaltungsprinzip eines destruktiven, performativen Aktes. Im Moment der gegenseitigen Tötung geschieht die letzte mögliche, große Vereinigung, die Verschmelzung der Leiber, und der Zusammenschluß von Kunst und Leben.

 Nicht umsonst spielt sich der letzte Akt auf dem gigantomanisch gestalteten Frauenkörper ab, den der Künstler zuvor in seiner isolierten Einsamkeit schuf, ein Altar und zwischen weiblicher Brust und Schoß ein Zeugnis für Fruchtbarkeit, Neugeburt und schlicht: des Wahns des Künstlers zugleich (die übergroße Frau korrespondiert mit seiner Mutter, der Über-Mutter, der einzigen Frau, die tatsächlich bisher als emotionales Wesen in seinem Leben einen Platz inne hatte) – umgeben von den Nachbildungen der Körperteile all der bewunderten (fernen) Frauen, die aus den Wänden ragen und so wie auf einer Guckkastenbühne den Rahmen für den Betrachter bilden. Das Leben, wie es als Bild in der Kunst erstarrt. Und überdauert, in der Erinnerung des Zuschauers, der dieses Bild durch die Rezeption von neuem belebt und –es ist zu hoffen- weitergibt, tradiert (Edogawa Rampo – Blind Beast – Martyrs).

Kommentare

  1. Habe den Film eben zum ersten Mal gesehen und da ich einen Film auf meinem eigenen Blog normalerweise erst nach mindestens zweimaligem Sehen bespreche, verschaffe ich mir erstmal hier etwas Luft ;-)

    Ich muss ganz ehrlich sagen, nach allem was ich (auch hier) über Moju gelesen habe, bin ich maßlos enttäuscht. Sicher, der Film bietet viele fantastische, beeindruckende Bilder, das Studio ist wirklich ein einmaliges Setting! Aber sonst? Der Plot ist sowas von gestellt und unrealistisch, vor allem aber völlig vorhersehbar. Eine klischeehafte Entwicklung bzw. Szene reiht sich an die nächste. Mit defizitärem oder unrealistischem Plot habe ich kein Problem, wenn dafür die Charaktere vielschichtig und glaubwürdig sind und den Film tragen. Aber auch die sind stereotyp-schemenhaft gezeichnet, um nicht zu sagen langweilig und die "große" sado-masochistische Wende am Ende kommt völlig unmotiviert aus blauem Himmel. Auf mich wirkte das so, als hätte der Produzent gemerkt was für einen öden Käse sein Regisseur da fabriziert und hätte ihm gesagt "So und zum Schluss haust du jetzt noch ordentlich Sex und Gewalt rein, sonst kriegen wir keine drei Zuschauer".

    Besonders ärgerlich finde ich das, weil die Ausgangskonstellation eigentlich sehr vielversprechend war - der Moment im Museum, als es ihr vorkam als würden die Hände statt der Statue ihren eigenen Körper berühren, der hat was! Leider wurde dieses Motiv nicht weiter fortgeführt. Auch an psychologisch-emotionalen Duellen hätte die Konstellation einiges hergegeben.

    Alles in allem eine der größten Enttäuschungen, die ich in meiner Beschäftigung mit japanischen Filmen bisher erleben musste. Schade.

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  2. Hallo Klaus,
    zunächst einmal: es freut mich, dass Du nun (vorübergehend?) zu Masumura gefunden hast. Für mich war die ganze Latte offiziell erhältlicher Filme anzuschauen, ein sehr eindrückliches Erlebnis.

    Dass Dir BLIND BEAST nicht gut gefallen, bzw. Dich sogar scheinbar erbost zurückgelassen hat, das hat sicher mit der Erwartungshaltung zu tun, die um so einen Film herum aufgebaut wird. Da hat es, naturgemäß, jeder Film schwer, mitzuhalten.

    Aber konkret zu Deinen Kitikpunkten - ich versuche mal eine Antwort, auch wenn die Sichtung bei mir schon über 1 Jahr zurückliegt:

    "Sicher, der Film bietet viele fantastische, beeindruckende Bilder, das Studio ist wirklich ein einmaliges Setting!"

    -->Nun, das mag manchem schon genügen, um von einem Film begeistert zu sein - mir oft genug. Insbesondere, als dass das Setting hier ja nicht nur überwältigend ist, sondern auch starken Bühnencharakter hat. Bilder einer Ausstellung, Theater, Versuchsanordnung. Künstlichkeit (kein Realismus!--> eine Korrespondenz zum künstlich/ästhetisierten Plot).

    "Aber sonst? Der Plot ist sowas von gestellt und unrealistisch, vor allem aber völlig vorhersehbar. Eine klischeehafte Entwicklung bzw. Szene reiht sich an die nächste. Mit defizitärem oder unrealistischem Plot habe ich kein Problem, wenn dafür die Charaktere vielschichtig und glaubwürdig sind und den Film tragen. Aber auch die sind stereotyp-schemenhaft gezeichnet, um nicht zu sagen langweilig"

    --> Die Handlung ist sicher nicht besonders originell, mich faszinierte das Pendeln der Bedrohungen zwischen den Charakteren aber schon (die Bedrohung der Mutter-Sohn-Idylle durch die Frau). Das (nur vorgespielte) "Stockholm-Syndrom" ist heute nicht mehr überraschend. Doch wie war das 1969? War da dieses Phänomen schon geläufig, überhaupt bekannt? Kann mir vorstellen, dass das schon für schockierte Reaktionen sorgte (selbst heute noch: siehe Gladbeck).
    Dass die Figuren stereotyp gez. sind ist auch meine Meinung - insofern "langweilig. Doch denke ich, es geht Masumura überhaupt nicht um Charaktere, sondern um Typen. Um Platzhalter. Es geht NICHT um Psychologie, sondern um das Gegenteil: Ästhetik. Kunst.
    Um eine Hypothese: Was passiert, wenn dem Künstler sein Kunstwerk (in Fleisch und Blut) gegenübertritt. Wie verhält er sich dann. Wie weit wird er gehen, um sich mit ihm zu vereinen? usw usf. Es ist eine abstrakte Annahme, die wie häufig in den Kurzgeschichten Edogawa Rampos m.E. sehr gut funktioniert und ein scheinbar Absurdes Thema spannend, als Kriminalfall, oder was auch immer, verhandelt. Hier als Kunstthriller (?) mit stark exploitativem Ende.

    ""So und zum Schluss haust du jetzt noch ordentlich Sex und Gewalt rein, sonst kriegen wir keine drei Zuschauer".

    --> Hehe, ich vermute, das sagt jeder Produzent zu seinem Regisseur: Kollege, wir brauchen MEHR SEX!

    "Auch an psychologisch-emotionalen Duellen hätte die Konstellation einiges hergegeben. "

    --> s.o. Das ist meiner Meinung nach nicht das Thema des Filmes.

    Ich hoffe, Du läßt Dich nicht abschrecken, sondern gibst dem Yasuzo noch mindestens eine weitere Chance. Ich würde es mir wünschen.

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  3. keine Sorge, so schnell verliere ich nicht das Interesse an einem Regisseur! ;-)

    Außerdem habe ich auch Masumuras Beitrag zur "Hanzo the Razor"-Reihe gesehen und fand ihn sehr geil!

    Was deine Antwort betrifft: Den Aspekt "Künstler und Kunstobjekt werden eins" fand ich auch sehr interessant, siehe meine Bemerkung zur Eingangsszene im Museum. Allerdings taucht dieses Motiv dann erst wieder ganz am Ende des Films auf, so dass ich es bestenfalls als Randmotiv bezeichnen würde. Wäre dies das dominante, große Motiv des Films geworden, das hätte wirklich spannend werden können!

    Dass der Film damals schockiert hat, davon bin ich überzeugt. Aber wenn keine Message dahinter steht, wozu ist das Schockelement dann gut? Welchen Zweck erfüllt es? Doch eigentlich nur den, Aufmerksamkeit zu erregen, "Saw" lässt grüßen. Und das ist mir zu billig.

    Aber mit etwas Abstand sehe ich Moju nicht als schlechten Film, die Visuals retten ihn davor! Wahrscheinlich würde ich ihm 4 von 10 Sternen geben. Die große Enttäuschung kam dann eher durch die gesteigerte Erwartungshaltung.

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  4. Ist Psychologie das Gegenteil von Ästhetik? ;)

    Im übrigen ist der Subplot um die Mutter, gerade nach ihrem Tod, alles andere als Kontrapunkt zur Psychologie zu lesen.

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  5. @Klaus: wozu das Schockelement gut sein soll? Nun ja, es ist eben kein Selbstzweck sondern zeigt einen neuen, damals sicher weniger als heute bekannten Möglichkeitsraum auf. Dass das Leben eben doch komplexer ist als es uns die bürgerliche Moral lehren möchte. Aber bevor ich mich jetzt weiter aus dem Fenster lehne, müßte man das Phänomen ordentlich nachrecherchieren.

    übrigens fein, dass du dich nicht verdriesen läßt!

    @tschill: du weißt schon, um was es mir geht!

    Wenn wir hier weiterreden wollen, dann muss ich mir den Film erst nochmal ansehen...(sonst sag ich jetzt so Sachen wie Gebärmutter und Ödipuskomplex).

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