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The Kirishima Thing (Daihachi Yoshida, Japan 2012)


Es hat mich zunächst verwundert, wie erstaunlich viele positive Kommentare man im Netz zu diesem Film finden kann: wie authentisch er den japanischen Schulalltag abbilde, wie verstanden sich viele von diesem Film fühlen. Identifikationsangebote liefert THE KIRISHIMA THING tatsächlich zuhauf, entsprechend groß ist das Figurenarsenal. Man muss sich zurecht finden in zwei Gruppen Jungs (dem Volleyballclub und dem Filmclub), sowie einer Gruppe Mädchen um die schöne Lisa, die wiederum mit dem Volleyballstar Kirishima zusammen ist (und auch vorher schon mal, psst!, einen Freund hatte).

Die Pointe des Films ist nun die, dass besagter Kirishima, um den sich alles zu drehen scheint, verschwunden ist - und überhaupt nicht im Film auftaucht. Er ist ein klassischer MacGuffin. Auch die Gründe, weshalb er verschwunden ist, bieten viel Anlass zu Spekulationen, doch keiner weiß genaues, selbst Lisa nicht. Doch der Alltag geht weiter, Schule und Clubs von früh bis spät, und wie die Figuren dann ohne ihren Kirishima zurecht kommen und weiter machen, darum geht es in diesem Film.

Formal ist der Film ebenfalls interessant: im Ablauf von einer Woche, deren Tage in schwarzen Schrifttafeln eingeblendet werden, wählt Daihachi Yoshida verschiedene Perspektiven für seine Figuren, die dieselben Ereignisse aus ihren jeweils eigenen Blickwinkeln sehen. Da erscheint dann also viermal "Freitag", wenn dieser Freitag aus vier subjektiven Perspektiven heraus betrachtet wird. Natürlich mit den entsprechenden Bedeutungsverschiebungen, die sich durch die unterschiedlichen Betrachtungsrichtungen einstellen. Montiert ist das in lakonischen Szenen, die kommentarlos aufeinander folgen. Geradezu nüchtern, ohne Überdramatisierungen, Pomp oder Kitsch. Beinahe ganz ohne extradiegetische Musik. Die Spannung erwächst einzig aus dem Verhalten der jeweiligen Figur zum Geschehen. Oder beinahe. Viele Details am Wegesrand hat Yoshida eingebaut, die es zu entdecken gilt.

Und obwohl der Film ernstzunehmen ist, ist er doch zugleich sehr unterhaltsam und auch lustig - und viel weniger durchgeknallt als etwa Yoshidas schon im Titel punkig anhebender FUNUKE, SHOW SOME LOVE YOU LOSERS! Zwei Beispiele: zum einen wären da die Meta-Ironien des Filmclub-Debakels. Anstatt einen weiteren RomCom-Heuler nach Vorlage des betreuenden Lehrers zu drehen, beschließen die Filmnerds einen nach dem großen Vorbild George A. Romero gesinnten Zombie-Reisser zu schießen. Anarchie und Auflehnung auf dem Campus, also. Auf der Suche nach den geeigneten Drehorten dringen sie allerdings immer wieder in bereits von anderen Schülern besetzte Reservate vor, und müssen mit diesen ihre Anwesenheit aushandeln. Hier wächst der schüchterne Protagonist - der Regisseur mit Super 8-Kamera - über sich selbst hinaus, nimmt das Schicksal in die eigene Hand und reift nach und nach zum Helden heran (und gewinnt auch die Beachtung der begehrten Mitschülerin). Die er, Beispiel zwei, zufällig im Kino bei einem Screening von Shinya Tsukamotos Independent-Klassiker TETSUO - THE IRON MAN trifft. Der Traum aller Film-Nerds geht in Erfüllung! Daraufhin ist es natürlich um ihn geschehen.

Dabei belässt es Yoshida nun schönerweise nicht, spinnt den Tetsuo-Joke noch etwas weiter, greift ihn später wieder auf, spielt noch ein wenig mit ihm herum. Wie auch mit dem Angriff der Meteoriten-Zombies. Aber auch der Titel des Films hält eine Anspielung bereit, wenn man sich eine etwas wortgetreuere Übersetzung anschaut - die in etwa lautet: "Kirishima rät, verlasst die Clubs und beginnt euer Leben zu leben!" Eine deutliche Referenz zum Art Theatre Guild-Klassiker "Throw Away Your Books And Rally In The Streets". Und auch wenn die Gerüchte besagen, dass Kirishima sich für eine Aufnahmeprüfung der Universität vorbereitet, dann darf das mit Kenntnis des Originaltitels mit Fug und Recht bezweifelt werden. Ein großartiger Film, der leider, abgesehen von einigen Festivalauswertungen, zumindest in unseren Breiten etwas untergegangen ist. 

Michael Schleeh

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