Direkt zum Hauptbereich

Pink and Gray (Isao Yukisada, Japan 2015)



Eine Besprechung von Yavuz Say

 Rengo (Yuto Nakajima) und Daiki (Masaki Suda) sind seit Teenagerzeiten beste Freunde und vergleichen sich sogar mit John und Paul von den Beatles. Als Dritte im Bunde werden sie begleitet von Sari (Kaho), für die Daiki Gefühle hegt, die sie jedoch (zunächst) nicht erwidert. Als Rengo und Daiki von einem Talentscout entdeckt werden, steht ihre Freundschaft am Scheideweg. Jahre später, als der mittlerweile erfolgreiche Filmstar Rengo unerwartet Selbstmord begeht, hinterlässt er Daiki sechs verschiedene Abschiedsbriefe, von denen er den „richtigen“ wählen soll. An dieser Stelle setzt auch der Plot von Isao Yukisadas Pink and Gray ein.

 Der Film kehrt eine typische Konvention um und zeigt die Rückblenden in Farbe, während die Gegenwart in Schwarz-Weiß inszeniert ist. Trotzdem bleibt dies nur eines von mehreren Indizien, ob diese Ereignisse bloß nostalgisch gefärbte Interpretationen sind. In einer doppelbödigen Wendung in der Mitte des Filmes verwischen die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion schließlich endgültig.

 Interessant sind vor allem die Frauenfiguren, obwohl diese zu sehr am Rande auftreten, wo sie aber doch einige wichtige Schlüsselrollen spielen. Eine davon ist Sari, die durch ein eher harmloses Valentinstagsgeschenk an Rengo für Spannungen zwischen ihm und Daiki sorgt. Ein Vorbote für Daikis Befürchtungen, immer im Schatten seines Freundes zu stehen, dem später auch der Durchbruch gelingt. Sie festigen sich schließlich, als Daiki vor lauter Lampenfieber seine Takes und damit seine Chancen auf eine große Karriere ruiniert. Als Rengo bemerkt, wie besessen Daiki davon ist, seinem Freund nachzueifern, zieht er aus der gemeinsamen Wohnung der beiden aus. Auch Rengos Schwester, die ebenfalls früh Selbstmord begeht, liefert eine wichtige Motivation für ihn. Doch für den größten Teil der Handlung bleiben die Frauen eher passiv.

 Nur kurz gelingt es Regisseur Yukisada, diese wieder näher ins Zentrum zu rücken. Daiki, der in einer Art Rollenumkehrung in der zentralen Wendung des Films mittlerweile in Rengos Fußstapfen getreten ist, wird von einem Schauspielkollegen unerwartet in ein exklusives Bordell geführt. Dort umgarnen ihn Frauen, die durch das Schwarzlicht innerhalb der Schwarz-Weiß-Ästhetik wie Negativbilder erscheinen. Bis auf den Einsatz der Farbe Pink bleibt dies die einzige fast allegorische Farbsymbolik. Und als Daiki kurz danach von einer anderen Kollegin verführt wird, entlädt sich schließlich das angedeutete erotische Verhältnis zwischen den beiden in der einzigen Sexszene des Filmes, die einen negativen Kontrast zu seinem plumpen Anmachversuch gegenüber Sari bildet.

 Die restliche Struktur des Filmes bietet jedoch leider zu wenig (außer einem mit Doppelkodierungen und Selbstreflexion zu überladenen Plot), um über eine Fingerübung mit Elementen des unzuverlässigen Erzählens hinauszugehen. Und die Figuren bleiben letztendlich etwas zu naiv und oberflächlich gezeichnet, um eine psychologisch tiefergehende Komplexität zu erreichen. Dennoch gelingt es Isao Yukisada, durch Match Cuts und die Verschachtelung von Zeitebenen zumindest teilweise, ein durchaus kritisches Statement über Performance und Identifikation zu machen. Das ist auch der Besetzung der Hauptrolle durch J-Pop Idol Yuto Nakajima zu verdanken. Die Rollenbesetzung verleiht dem Film dadurch nochmal wenigstens ein leicht subversives Element. 


***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

shomingeki deluxe: Ein Gespräch über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu (Japan, 1958)

Heiraten, ja oder nein? Und wenn, dann wen? Und was sagt der Vater dazu, wenn der Schwiegersohn doch nicht ganz den Erwartungen entspricht? Ein weiteres Mal behandelt Yasujiro Ozu dieses Thema in einem seiner späten Filme, dieses mal erzählt aus der Sicht und Perspektive des Vaters.  Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hat mich eingeladen, mit ihm über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu zu sprechen. Wir haben fast eine ganze Stunde miteinander diskutiert und hätten noch viel mehr sagen können, glaube ich. Das Gespräch findet ihr hier: 
Link
 (original Poster)

Michael Schleeh
***

Drifting In and Out of Frames: YEAH (Suzuki Yohei, Japan 2018)

Das Mädchen Ako (Elisa Yanagi) ist so etwas wie ein Geist, ein Geist auf der Suche nach der Schwester, vielleicht auch ihrer Mutter - das ist lange nicht klar. Sie wandelt durch die Landschaften dieses ländlichen Vororts. Die Einwohner scheinen sie zu kennen, behandeln sie wie ein verwirrtes Mädchen. Der Film aber behandelt sie wie eine Geistererscheinung und blendet sie immer wieder aus dem aktuellen Filmbild langsam aus. Sie verschwindet nach und nach und entstofflicht sich. Was sie wirklich ist - lebendig oder tot - das weiß man lange Zeit nicht in Yohei Suzukis schönem Film.
 In einzelnen Miniaturen führt uns YEAH in die Welt der Anti-Heldin ein. Ein  Spielplatz, ein kleiner Imbiss, ein Parkplatz. Eine ranzige Junggesellenbude. Eine ziemlich statische Kamera gibt den einzelnen Szenen einen formal-ästhetischen Zusammenhang, wie auch die etwas ausgebleichten, pastellartigen Farbtöne. Dazu das Gemurmel von Ako, die ständig etwas vor sich hin brabbelt. Sie scheint offenbar ni…