Direkt zum Hauptbereich

That Girl in Yellow Boots (Anurag Kashyap, Indien 2010)


Das junge Mädchen Ruth aus England (Kalki Koechlin) reist nach Indien um ihren Vater zu finden. Der hatte ihr zum Abschied einen mysteriösen Brief hinterlassen, allerdings ohne seinen Aufenthaltsort mitzuteilen. In Mumbai findet sie Arbeit in einem Massagesalon und verdient sich dort das Geld, um weitere Nachforschungen über den Vermissten anzustellen. Dass sie dort auch sexuell ausgebeutet wird, versteht sich: für einen "Handshake" gibt es ein extra Taschengeld. Ihr zwielichtiger Freund ist ein kokainabhängiger Strauchdieb, der sie permanent bedrängt und natürlich dann auch in Schwierigkeiten bringt. Allein schon deswegen, weil er sich mit dem Boss einer Drogenbande anlegt.

THAT GIRL IN YELLOW BOOTS ist eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits lassen sich in diesem Film sehr viele bis zum Klischee erstarrten Motive finden - das dreckige, verkommene Mumbai, das Mädchen aus der Fremde in der Großstadt, das in die Prostitution rutscht, der Wahnsinn der Abhängigen, usw - und andererseits ist es schon erstaunlich, wie gut dieser Film eben mit genau jenen Klischees zu arbeiten versteht, ohne dass sie allzu abgegriffen erscheinen. Wie gut dieser Film dennoch funktioniert.

Vermutlich liegt das Gelingen in der Entscheidung, keine moralisch distanzierte Erzählung abzuliefern, sondern ein eher persönlich empfundenes, aus einer subjektiven Perspektive wahrgenommenes Erleben zu portraitieren. Eine Vorgehensweise, die der Erzählung den Raum gibt, sich in verschiedene Richtungen öffnen zu können. Etwa zum flirrenden, atmosphärischen Großstadtfilm, in dem nicht jede Einstellung einer Zweckmäßigkeit gehorcht und in dem nicht jeder Ton von der Tonspur zielgerichtet ist; oder zum coming of age-Film, in dem eine Frau auf sich alleine gestellt ist und gezwungen ist, Erwachsen zu werden; und auch zum exotischen "Ethno-Film", in dem eine fremde Kultur durch die Augen einer Europäerin dargestellt wird  - eine, die sich als gebürtige Halbinderin aber schon sehr gut assimiliert hat, Hindi spricht, und die die Gepflogenheiten des Landes kennt und mit ihnen umzugehen versteht. Eine, die oft erreicht, was sie will. Aber nicht immer.

Das zeigt sich vor allem in ihrem Kampf mit der alltäglichen Bürokratie, etwa wenn es um die Verlängerung eines Visums geht. Da werden korrupte Beamte gezeigt, die mit süffisantem Lächeln hinter dicken Papierstapeln hocken, und das Objekt der Begierde - die von ihnen abhängige hübsche Europäerin - mit scharfen Blicken über den Brillenrand ins Visir nehmen. Oder wenn die kleinen Momente der Bestechung gezeigt werden, wenn ein Bündel Geldscheine den Besitzer wechselt. Zuletzt ist sicherlich viel der Ausstrahlung und Aura der Hauptdarstellerin Kalki Koechlin zu verdanken (die auch am Drehbuch beteiligt war, und deren Gatte der Regisseur des Filmes ist - eine der Hauptfiguren der filmischen Independentbewegung in Indien), die sich wie ein verlorenes Enigma von innen leuchtend, durch die dreckigen Seitenstraßen Bombais bewegt. Das ist bisweilen magisch schön, wenn dann noch die hypnotische Tonspur einsetzt, die, jenseits aller Bollywoodklischees, mit perkussiv-hypnotischen Mitteln subjektive Bewußtseinszustände nachfühlbar macht.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Two famous female writers from Japan: Yû Miri's 'Tokyo Ueno Station' & Hiromi Kawakami's 'People from my Neighbourhood'

TOKYO UENO STATION is not a straight narrative, but rather a quite experimental novel. As "the plot" unravels in flashbacks - by an obscure, already seemingly dead medium floating around Ueno park, the story of a life of hardship  is slowly being revealed. Of heavy labor, broken families, financial troubles and finally: homelessness. This is not the exotistic Japan you will find on a successful youtuber's channel. The events get illustrated by those of "greater dimensions", like the historical events around Ueno park hill during the Tokugawa period, the Great Kanto earthquake, the fire bombings at the end of WW II or the life of the Emperor. Quite often, Yû Miri uses methods of association, of glueing scraps and bits of pieces together in order to abstractly poetize the narrative flow . There are passages where ideas or narrative structures dominate the text, which only slowly floats back to its central plot. TOKYO UENO STATION is rather complex and surely is n...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...