Direkt zum Hauptbereich

Occult / Okaruto (Koji Shiraishi, Japan 2009)


Nachdem Koji Shiraishi mit seinem Film "Noroi: The Curse" (2005) einen ziemlichen Achtungserfolg hinlegen konnte - sogar in Deutschland ist eine DVD des Films erschienen - bleibt der Regisseur, Screenwriter, Cutter und Cinematographer in Personalunion seinem Thema treu und lässt mit "Occult" einen ganz ähnlichen, vielleicht nicht ganz so dichten Film folgen. Dazwischen: der Horrorfilm "The Slit-mouthed Woman" (2007) und einige bei uns unbekannte TV-Produktionen. Seine Filme werden häufig dem Horrorgenre des "Found Footage" zugeordnet (in der Bugwelle des Erfolges der "Paranormal Activity"-Reihe), auch wenn das im Detail vielleicht gar nicht immer so stimmt.

In "Occult" nun geht es zunächst sehr realistisch-naturalistisch zur Sache: der mit Handkamera "zufällig" anwesende Regisseur Koji Shiraishi filmt den grausamen Mord an zwei Touristinnen an einem japanischen Erholungsort: über einer Schlucht sticht ein Amokläufer seine Opfer auf einer Hängebrücke nieder, bevor er einem dritten Opfer, einem jungen Mann, das Messer ansetzt und diesem sowohl ein Muster in den Rücken schnitzt, als auch ins Ohr flüstert, er sei jetzt an der Reihe. Eine Übergabe des Tötungsauftrags. Dann springt er von der Klippe ins Meer. Das Schnitzopfer ist dann in der Folge auch die eigentliche, ziemlich unsympathische Hauptfigur des Films von Koji Shiraishi, der selbst auch immer wieder ins Bild kommt, weil der Überlebende die Kamera übernimmt. Er ist ein arbeitsloser Tagedieb mit Hang zur psychischen Störung. Er sei empfindlich für übernatürliche Ereignisse, die er verspricht, für Shiraishi auf Film festzuhalten.

Der Film geht nun eigene Wege, mäandert weg von seiner eigentlichen Handlungshauptlinie, die Irrungen und Wirrungen des Freeita-Jobbers nehmen Überhand. Japanischer Alltag, Slackertum, Trinkgelage. Und tatsächlich drängt nun auch das Übernatürliche in den Film. Schwarze Schatten zeigen sich auf den Bildern, Geisterbilder. Oder sind die doch real? Übernatürliches? Vorahnungen? Diese schwarzen Ballungen zeigen jedenfalls an, wo etwas geschieht und wem gleich etwas zustoßen wird. Aber auch das Muster auf der Haut gibt Rätsel auf: Shiraishi holt sich Rat bei einem Experten, der nun ausgerechnet Regisseur Kiyoshi Kurosawa ist, und der das mythologische Mysterium zumindest teilweise lüften kann. Sehr hübscher Gedanke.

Da das Filmmaterial in jedem Moment explizit für "Okurato" hergestellt wird, kann man sicherlich nicht von klassischem "found footage" sprechen, auch wenn die Ästhetik quasi dieselbe ist. Handkamera, Unmittelbarkeit, das Versprechen des Authentischen. Zumindest aber kommt man um die leidige Frage der Montage herum. Sehr sehenswert, auch sehr understated insgesamt, dieser durchweg spannende und unterhaltsame, ja sehr angenehm unprätentiöse Film. Vor allem und gerade auch in seinen Seit- und Umwegen. Und ganz am Ende, da donnert diese Mockumentary doch noch richtig was auf den Bildschirm.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Two famous female writers from Japan: Yû Miri's 'Tokyo Ueno Station' & Hiromi Kawakami's 'People from my Neighbourhood'

TOKYO UENO STATION is not a straight narrative, but rather a quite experimental novel. As "the plot" unravels in flashbacks - by an obscure, already seemingly dead medium floating around Ueno park, the story of a life of hardship  is slowly being revealed. Of heavy labor, broken families, financial troubles and finally: homelessness. This is not the exotistic Japan you will find on a successful youtuber's channel. The events get illustrated by those of "greater dimensions", like the historical events around Ueno park hill during the Tokugawa period, the Great Kanto earthquake, the fire bombings at the end of WW II or the life of the Emperor. Quite often, Yû Miri uses methods of association, of glueing scraps and bits of pieces together in order to abstractly poetize the narrative flow . There are passages where ideas or narrative structures dominate the text, which only slowly floats back to its central plot. TOKYO UENO STATION is rather complex and surely is n...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...