Direkt zum Hauptbereich

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)


 The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit diesem Film hier.


 Aber nun zum grundsätzlichen Plotgeschehen (destilliert und etwas verkürzt, denn es geht ja ziemlich drunter und drüber): das Mädchen Mayen geht einen Deal mit der strengen chinesischen Heiratsvermittlerin Ms. Lao ein, die einen ganz speziellen Service anzubieten hat. Denn die Braut soll einen bereits verstorbenen Gatten heiraten. "Zum Schein", irgendwie, damit die Familie ihr Ansehen nicht verliert, damit jemand des Toten gedenkt und das Grab pflegt. Als aber plötzlich Geistererscheinungen auftauchen, sich Männer in blutrünstige Monster verwandeln und überhaupt ein paar der Nebenfiguren ausblutend auf dem Fußboden liegen, da wird es überdeutlich: Mayen muss raus aus diesem obskuren Vertrag mit der Chinesin, sonst ist sie auch bald geliefert.



 So ist es auch kein Wunder, dass wenig später bereits die ersten Geister auftauchen, die an die hüpfenden Vampire der HK-chinesischen Filme erinnern. Das ist immer wieder sehr gruslig inszeniert, da diese einfach plötzlich wie real und völlig überraschend im Raum stehen. Oder im Halbdunkel hinter einer Person. Genauso die zur Maske geschminkten Gesichter der chinesischen Oper, die von einer Theatertruppe performt wird. Urplötzlich taucht ein Gesicht im Spiegel auf, oder im Fenster. Der Zustand der Protagonistin verschlechtert sich zusehends, die Sicherheiten bröckeln weg. Gefilmt ist das alles recht ansprechend, mit guten Ideen und atmosphärischen Nachtfarben. Leider kann die Tonspur bei diesem Qualitätsniveau nicht mithalten - allzu häufig rummst es derart übertrieben heftig, dass sich ein Missverhältnis zum Dargestellten auftut. Weniger wäre mehr gewesen. Genauso das Drehbuch, das einige Schleifen zuviel dreht und ordentlich Verwirrung stiftet.



 Ganz am Ende, da vermischen sich in einem rotbrennenden Inferno auf spektakuläre Weise tibetanisch-buddhistisches Gebetsritual, chinesische Oper und transzendente Bewußtseinserweiterung zu einer Höllenfahrt, die Mayen an die Schwelle des Todes führt. In dieser irren Gemengelage findet der Film, der so Vieles bündelt, zu sich. Im Chaos die Einheit. Narration adé. Eine panische Frau rennt durch die Kreise der Hölle wie auf einem Jahrmarkt durch die Geisterbahn, nur ist diese Hölle so etwas wie die echte Hölle. Oder beinahe und doch nicht so ganz. Aber das ist ganz egal, die Dimensionen haben sich hier schon längst in Richtung Spiritualität verschoben. Und es ist noch nicht abzusehen, ob Mayen am Ende mit einem roten Blutfleck, der sich langsam ausbreitet, auf dem Boden liegen wird. Inmitten von Mönchen, die in Ekstase singen und beten.



 THE GHOST BRIDE ~ ein visuell immer wieder überraschender und atmosphärischer Film, dem aber ein stringenteres Drehbuch mit mehr Zug gut getan hätte. Und eine kürzere Laufzeit.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Für alle sichtbar und dennoch weit weg: Die Ladenhüterin (Sayaka Murata, 2018)

Normalität setzt sich gewaltsam durch, Fremdkörper werden einfach beseitigt. Menschen, die nicht richtig funktionieren, werden entsorgt.
 Nach gut der Hälfte dieses enorm sympathischen Romans findet die eigenbrötlerische Ich-Erzählerin Keiko Furukura zu diesen klaren und harten Worten, die gewissermaßen als Sentenz dem ganzen Roman zugrunde liegen. Und die zugleich eine gesellschaftliche Analyse darstellen, die ebendieser Gesellschaft ein äußerst negatives Zeugnis bescheinigen.
 Keiko hatte sich schon als Kind als Außenseiterin gefühlt. Sie hat Ereignisse verstörend anders wahrgenommen, als die anderen Kinder um sie herum. Und sie hat nicht so reagiert, wie es sich gehört. Früh also war sie ein "auffälliges Kind" geworden, das man unter Beobachtung stellte, und für das sich die Eltern entschuldigen mussten. Um ihrem Umfeld weitere Konflikte zu ersparen, hatte sie sich daraufhin extrem in sich selbst zurückgezogen und jeden gesellschaftlichen Kontakt weitestgehend vermieden. U…

Our Little Sister / Umimachi Diary / Unsere kleine Schwester (Hirokazu Kore-eda, Japan 2015)

Ganz am Anfang dieses wundervollen Filmes gibt es eine Szene, die Referenz an den japanischen Großmeister des Familiendramas erweist: an Yasujiro Ozu. Die erwachsenen Frauen, die hier im Film beinahe ganz ohne Eltern sind und wie in einem "Mädcheninternat" zusammen leben, sitzen um einen großen Tisch herum beim Essen. Die Kamera befindet dich draußen vor der Veranda und senkt sich auf die Höhe des Tisches herab. Dort verharrt sie, wie in einer klassischen tiefen Einstellung bei Ozu, für die er so berühmt geworden ist. Aber nicht zu lange, es ist nur eine ehrerbietende Verbeugung, die Kore-eda hier einfügt. Gleich darauf löst er die Szene wieder auf im freien Spiel der Einstellungen, Nahaufnahmen, sanften Schwenks und liebevollen Blicke. Kurz darauf, eine weitere Anspielung auf Ozus Noriko-Filme (mit der großen Setsuko Hara in der Hauptrolle), wenn es um die Verheiratung der ältesten Tochter geht. Die steht immer noch aus, da sie eigentlich gar nicht heiraten will (sie liebt…

A Pool without Water / Mizu no nai puuru (Kôji Wakamatsu, 1982)

Überdeutlich ein Film der 80er Jahre: körnige Farbflächen, Neonlicht, Großstadt. Melancholische Synthieflächen zu den Gesichtern von Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Da ist ein Familienvater, der den Alltag nicht mehr erträgt: er arbeitet bei den Verkehrsbetrieben, steht den ganzen Tag am Eingang zur U-Bahn und muss Fahrscheine entwerten. Auf dem Screenshot oben sieht man seine Hand mit dem Locher, den er in rasender Geschwindigkeit und in panischen Rhythmen zusammenklackert, ein Stakkato zur elegischen Hintergrundmusik. Ein sprechendes Bild ist das: äußerlich scheint er völlig ruhig zu sein und abgetaucht in die Monotonie seiner endlos öden Arbeit - dieses Detail aber offenbart, wie sehr er innerlich aufgeladen ist.
Diese Spannung überträgt sich bald auf die Handlung und findet ein Ventil - mehrfach wird er Zeuge, wie verschiedene Menschen, meist Frauen, Opfer von Rücksichtslosigkeiten, rüpelhaftem Benehmen oder gar körperlicher Gewalt werden. Da ist er dann de…