Direkt zum Hauptbereich

Drifting In and Out of Frames: YEAH (Suzuki Yohei, Japan 2018)


 Das Mädchen Ako (Elisa Yanagi) ist so etwas wie ein Geist, ein Geist auf der Suche nach der Schwester, vielleicht auch ihrer Mutter - das ist lange nicht klar. Sie wandelt durch die Landschaften dieses ländlichen Vororts. Die Einwohner scheinen sie zu kennen, behandeln sie wie ein verwirrtes Mädchen. Der Film aber behandelt sie wie eine Geistererscheinung und blendet sie immer wieder aus dem aktuellen Filmbild langsam aus. Sie verschwindet nach und nach und entstofflicht sich. Was sie wirklich ist - lebendig oder tot - das weiß man lange Zeit nicht in Yohei Suzukis schönem Film.

 In einzelnen Miniaturen führt uns YEAH in die Welt der Anti-Heldin ein. Ein  Spielplatz, ein kleiner Imbiss, ein Parkplatz. Eine ranzige Junggesellenbude. Eine ziemlich statische Kamera gibt den einzelnen Szenen einen formal-ästhetischen Zusammenhang, wie auch die etwas ausgebleichten, pastellartigen Farbtöne. Dazu das Gemurmel von Ako, die ständig etwas vor sich hin brabbelt. Sie scheint offenbar nicht zu wissen, wo sie sich aufhält, und driftet immer wieder in Halluzinationen ab. Einige Gespräche des plötzlich anwesenden Bruders mit zwei Ärzten deuten ohnehin an, dass sie sich die ganze Zeit in einem Hospital, eventuell sogar in einer Irrenanstalt, befindet. Der Film aber lässt das offen, er erzählt meist ganz aus der subjektiven Perspektive seiner Protagonistin. Diese Offenheit, das ist die Stärke dieses Independent-Films.

 Der Film verstört immer wieder und auf verschiedenen Ebenen. Aber vor allem sind es auch die Bild-Ton-Scheren, die das Verhältnis zu dem, was wir sehen, in Zweifel ziehen. Da hört man einen Schrei, obwohl die Szene schon gewechselt hat. Einen Hubschrauber, obwohl dieser in der vorherigen Szene nur vorhanden war. Das, was das narrative Kino mit einem Flow ausstattet, nämlich mit Verschleifungen zu arbeiten, verweigert Yohei Suzuki in YEAH. Er springt von Szene zu Szene und überführt das Stilmittel 'Ton' ins Extrem - und erschafft somit einen Verfremdungseffekt, der einem erst bei aufmerksamem Zu-sehen / Zu-hören auffällt.

 Immer wieder kehrt Ako zu einer Art Vogelscheuche mit Regenmantel zurück. Sie steht in einem Brachland, am Rand des Zuckerrohrfeldes. Dorthin bringt sie ihr einen Strauß Korianderblüten, wie ein Grabgebinde zum Friedhof. Und kein Wunder spricht auch die Figur mit ihr, die dort steht wie ein Grabstein aus Licht. Licht zweifellos das Element, das Leben spendet. Die Figur: wir hören sie nicht, aber es ist klar, dass Ako sie hören kann. Wessen Realität ist nun realer?

Michael Schleeh

***

Der Film lief im Rahmen des International Film Fest Rotterdam (IFFR) und war auf FestivalScope gegen Bezahlung für kurze Zeit im Stream zu sehen. 

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)

Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cin...

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden. Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams. ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht ...

Fire of Conscience / Fire Dragon / For lung (Dante Lam, Hongkong 2010)

Die beiden Cops Kee (Richie Ren) und Manfred (Leon Lai) beginnen zusammen zu arbeiten, als sich herausstellt, dass ihre Fälle einen gemeinsamen Hintergrund haben. Der Saubermann Kee überrascht dabei plötzlich mit radikalen Methoden, die ihm niemanden zugetraut hätte. Manfred ist sowieso ein harter Hund, seit die böse Unterwelt seine Frau samt ungeborenem Kind auf dem Gewissen hat. Dass Kee einen hinterlistigen Plan ausführt, stellt sich erst heraus, als schon so einiger Blutzoll entrichtet wurde. Dante THE BEAST STALKER Lams neuer Film ist ein verworrenes Etwas: das Skript geht in den ersten beiden Dritteln völlig drunter und drüber, es weiß Aktionen nicht zu gewichten, die gleichzeitigen Ermittlungen in den drei (!) Kriminalfällen bleiben über weite Strecken nicht nachvollziehbar. Stark wird der Film immer in seinen Actionszenen; und da kann man wohl sagen, dass es Lam wie kaum ein anderer schafft, diese von der ästhetischen als auch von der kreativen Seite her unvergleichlich zu insz...