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Ein ungewöhnlicher Krimi aus Korea: DEIN SCHATTEN IST EIN MONTAG von Jung-Hyuk Kim (2019)


Nachdem sich die koreanische Literatur in den letzten zwei Jahren mit der deutschen und englischen Übersetzung von Han Kangs tollem Roman Die Vegetarierin und Min Jin Lees Pachinko (dt.: Mein einfaches Leben) erneut auf unserer literarischen Landkarte etablieren konnte, erscheint nun ein weiterer koreanischer Roman, der der Gravitas der beiden künstlerisch ambitionierten Werke eine Leichtigkeit entgegensetzt, die erfrischend ist. Dein Schatten ist ein Montag  von Kim Jung-Hyuk ist ein Kriminalroman, und zwar ein ziemlich ungewöhnlicher.

Der Ermittler Gu Dongchi ist ein ehemaliger Polizeibeamter und Einzelgänger, nun aber ist er als Privatdetektiv unterwegs. Genauer: als "Deleter". Soll heißen, er vernichtet Hinterlassenschaften seiner Klienten. Briefe, Fotos, und vor allem auch digitale Spurenreste. Da gibt es häufig so einiges, was niemals an die Öffentlichkeit gelangen soll, und Gu kümmert sich gewissenhaft darum. Als einer seiner Klienten ums Leben kommt und verschiedene Parteien auf der Jagd nach seinem verschwundenen Tablet sind, wird er mit seinem Freund und ehemaligen Kollegen Inspektor Kim immer tiefer in den Fall hineingezogen.

Manchmal fühlt man sich als Leser mitunter genauso im Dickicht des Romans verloren, wie der ermittelnde Detektiv in seinem verworrenen Kriminalfall. Wie der eigentlich genau aussieht, ist lange Zeit gar nicht so klar. Man kennt die Figuren, man weiß wie und wo sie arbeiten und was die Interessen sein könnten - ein klares Bild der Zusammenhänge aber fehlt zunächst. Man hat lediglich eine Ahnung, wie das alles zusammenhängen könnte. Vielleicht auch eine Schwachstelle des Buches, da der rote Faden, der eigentlich Spannung generieren sollte, zumindest in der ersten Hälfte so gut wie fehlt.

Allerdings: die Vermutung liegt nahe, Autor Kim Jung-Hyuk geht es gar nicht so sehr um den Fall an sich. Da er seine Geschichte permanent mit kleinen Neben-Erzählsträngen sabotiert und sich in Schleifen und Ellipsen durch den Text bewegt, da er sofort mit Cliffhangern am Kapitelende arbeitet, sobald sich einmal ein konsistenter Erzählfluss einstellt, wird relativ früh deutlich, dass Dein Schatten ist ein Montag vielmehr ein Panorama des Alltags ist. Mit all seinen kleinen Verwicklungen und Fährnissen. Ein Einblick in die so verschiedenen Leben der Bewohner dieses ständig müffelnden "Crocodile-Buildings", die den Roman bevölkern. 

Denn um sie geht es. Eine handvoll Figuren, die ihren alltäglichen Dingen nachgehen. Ihren Berufen, Beschäftigungen und Leidenschaften. Alles fernab des Großstadtzentrums, in der Peripherie einer Vorstadt, die zwar irgendwie gesichtslos ist, die von ihren Bewohnern aber geliebt wird. Da ist der Koch im Souterrain des Hauses, der ein italienisches Restaurant betreibt; dann der Eisenwarenhändler im Erdgeschoss; der Betreiber einer Kampfkunstschule im ersten Stock; eine Aushilfe des Internet-Cafés im zweiten, und schließlich der Protagonist im dritten Stock, Privatdetektiv und "Deleter" Gu Dongchi. Der hat noch eine mysteriöse Nachbarin, die angeblich Drehbücher schreibt, und vielleicht ein alter ego des Autors sein könnte. 

Bestimmendes Merkmal der Bewohner des Crocodile-Buildings ist aber, dass sie bereit sind, einen Gestank zu ertragen, den das Gebäude auszuströmen scheint. Die Quelle des Geruchs ist unbekannt, aber jeder versucht, mit ihm irgendwie zurecht zu kommen. Möglicherweise ist eine Schlamperei beim Bau des Gebäudes schuld, man weiß es nicht und kann es auch nicht orten. Es ist skurril und stimmt das Thema des Romans an: dass hier irgendwas nicht stimmt.

Und das ist eigentlich mindestens genauso spannend wie alles andere im Roman: das Mysterium des Geruchs. Und wie dieser ein ständiger Begleiter ist, wachsen einem nach und nach die Figuren ans Herz. Die allesamt kein Blatt vor den Mund nehmen: die Dialoge sind generell eher derb. Das lässt sich sehr gut lesen, Kims Schreibstil ist äußerst flüssig und unterhaltend. Aber weil er darin so gut ist und so elegant mit den Details des Alltags umgehen kann, tritt der Kriminalfall in den Hintergrund. Und deswegen ist eigentlich der Alltag der Bewohner des Gebäudes bald interessanter, als der Kriminalfall um das verschwundene Tablet eines Medienproduzenten, der sich mit dem mächtigen Patriarchen von Noble Entertainment angelegt hat: Ilsu Chon.

Auch diesen Bösewicht charakterisiert Kim auf ungewöhnliche Weise: anstatt ihn in seinem glitzernden High-Tech-Büro einzuführen, was Autorität, Geld und Grandezza verströmen würde, zeigt er ihn auf dem Tennisplatz, wo er jeden Vormittag seine Gegner zum Frühstück verspeist. Und Ermittler Gu Dongchi fällt dann direkt aus der Ferne auf, dass der Herr sich einerseits die Zeit dazu nehmen kann - er kann es sich leisten -, zum anderen, dass die Gegner Chons so eingeschüchtert sind, dass sie die Bälle allzu gefällig retournieren. Er wird von seinen Kontrahenten nicht wirklich herausgefordert, denn alles wird in die Mitte des Platzes zurückgeschlagen. Deleter Gu hat ein gutes Auge und einen wachen Geist, der sich nicht einschüchtern lässt, was ihn zu einem intellektuellen Gegner Chons macht.

Aber um was es eigentlich geht: um Kim Jung-Hyuks subtile Weise, die Figuren des Romans zu charakterisieren. Er lässt sich solche Situationen einfallen, die auf originelle und genaue Art das Personal verorten. Eine Methode, die immer auch Nähe aufbaut. Es wird nicht behauptet, sondern gezeigt. Und deshalb ist man als Leser immer sehr dicht am Geschehen und an den Figuren dran, wenn sich in der zweiten Hälfte die Ereignisse verdichten und langsam aber unaufhaltsam auf einen Höhepunkt zusteuern.

Fazit: Dein Schatten ist ein Montag ist ein enorm unterhaltsamer Kriminalroman, dessen Autor ein genaues Auge für Details beweist. Sprachlich sehr flüssig geschrieben, fliegt man als Leser quasi durch die Seiten. Dass die Struktur etwas unübersichtlich ist, stört dabei wenig: denn die Nebenerzählstränge sind mindestens genauso interessant, wie der eigentliche Kriminalfall.

Michael Schleeh

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Der Roman ist im Februar 2019 im cass Verlag erschienen. Er hat 287 Seiten; Klappenbroschur mit Personenverzeichnis. Er ist großzügig gedruckt und das Buch hat eine ausgezeichnete Haptik. Aus dem Koreanischen übersetzt hat Paula Weber.

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