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Requiem (Shizuko Gô, Japan 1973)


 Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs drohen in Yokohama täglich Brandbomben-Angriffe der feindlichen Amerikaner. Japan will das Unvermeidliche nicht wahrhaben - nämlich dass der Krieg schon längst verloren ist. Die verzweifelte Mobilisierung, das Entsenden der jüngsten Männer aus der Nachbarschaft, stellt eine Reise in den sicheren Tod dar. Doch die Moral ist - zunächst - noch gut. Bis zum letzten Mann wollen sie kämpfen, für das Vaterland und den gottgleichen "Emperor". Doch dann wird alles anders, als die ersten Bomber am Himmel erscheinen.

 Der Text setzt direkt mit einer Szene ein, für die er berühmt geworden ist: das Mädchen Setsuko verbringt ihre letzten Tage schwerkrank in einem provisorischen Luftschutzbunker und im Fieberwahn rekapituliert sie ihr Leben; die Familie, der Nationalismus des Bruders, die Arbeit in der Fabrik, ihre Schulzeit, das Zusammensein mit der Freundin Naomi, der Tod der Mutter, die Absenz des Vaters. Ein Text in Ausrissen, Szenen, Fragmenten und Briefen, die sie mit Naomi austauscht. Setsuko, ausgezehrt und todkrank, öffnet die Augen - und es ist schwärzer und dunkler und grausamer um sie herum, als wenn sie die Augen geschlossen ließe.

 Das Ausschnitthafte macht den "Roman", diesen Text, mitunter schwer zu lesen, da die vielen Sprünge den Leser unvermittelt in neue Ereignisse hinein katapultieren, die weder eingeführt noch erläutert werden. Erst im Laufe der Zeit ergibt sich so etwas wie eine kohärente Narration - allerdings setzt sich das der Leser aus den ganzen Bruchstücken zu großen Teilen selbst zusammen. Da Setsuko überhaupt kein Mädchen ist, das ihr Schicksal selbstmitleidig beklagen würde, sondern vielmehr sich selbst gegenüber hart ist und hohe Ansprüche hat, entbehrt der Text jeder Sentimentalität. Er ist demnach recht nüchtern gehalten, die Emotionen werden stets im "Dienst der großen Sache" zurückgedrängt. Sich selbst und sein Befinden ins Zentrum zu stellen ist Sache der Japaner nicht.

 Die Freundin Naomi ist dann auch die große Antagonistin zur Hauptfigur. Die Lebensumstände sind sich sehr ähnlich, sie gehen für kurze Zeit sogar in dieselbe Schulklasse. So patriotisch Setsuko ist, so kritisch hinterfragend ist jedoch Naomi. Sie kann mit dem ganzen Nationalismus und der Heldenverehrung nichts anfangen, was unweigerlich einen Konflikt in das Verhältnis der Mädchen treibt. Allerdings zerstört dieser die Beziehung nicht, sondern er stärkt sie. In der Auseinandersetzung kommen beide zu neuen Erkenntnissen und einem tieferen Verständnis der sozialen Verhältnisse.

 Ein anspruchsvoller Text ist Requiem also, der zudem an die Nieren geht. Trotz seiner Nüchternheit. Denn das Grauen und die Gräueltäten drängen ständig an die Oberfläche, wie der von dahintreibenden Leichen verseuchte Fluß. Requiem erinnert an andere Klassiker der japanischen Kriegsliteratur wie die "Letzten Glühwürmchen", "Barfuß durch Hiroshima" oder auch an Masuji Ibuses Meisterwerk "Schwarzer Regen" (kongenial verfilmt von Shohei Imamura). Der Text ist mit seinen 122 Seiten eher knapp gehalten. An seiner Intensivität ändert das aber nichts. Sehr lesenswert und antiquarisch noch gut erhältlich, sowohl auf deutsch wie auch in englisch.

Michael Schleeh

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