Direkt zum Hauptbereich

Spectrum of Nostalgia (Chen Yi-chu, Taiwan 2017)



 Spectrum of Nostalgia is an experimental and autobiographical short-film of Taiwanese female director Chen Yi-chu (or -zu) with a running time of 24 minutes. Chen's approach is - by using old VHS-Tapes of her childhood - artistical: she cuts the tapes into small fragments of her past that seem to narrate a story which describe a problematic time in her youth. Rearranged, and softened by her own voice as a narrator, she comments on the developments from being the center of attention of the family to a horrible scenario in which her father loses his job and falls into depression. 

She never accuses anyone or anything, but describes - formally aswell by arranging the cinematic snippets - the destructive energy that disrupts her family ties. She, too, poses the question what 'reality' is, and how it may be unconsciously translated into something different by our own memories. Chen Yi-chun basically asks, what is true and what is false, even if it is something that we, ourselves, experienced closely. The film does not have a real ending and comes to no definite conclusion, and it does not want to have one.

*

 Spectrum of Nostalgia ist ein experimenteller und autobiographischer Film der taiwanesischen Regisseurin Chen Yi-chu, der aus einer Montage von VHS-Tape-Ausschnitten besteht, um die sich ein möglicherweise dunkles Geheimnis rankt. Dieses wird aber nie genauer ausgeführt, sondern eher angedeutet. Einmal etwa wird eine Krankheit thematisiert, dann ein andermal der Absturz des Vaters in Arbeitslosigkeit und Depression. 

Vor allem aber wird das Verhältnis von der Wahrhaftigkeit der Erinnerung ausgelotet. Was war eigentlich Realität, und was ist modifizierende Erinnerung? Was echt, was gefälscht? Chen nutzt dazu immer wieder die Mittel der Montage, mit der sie den Filmfluss unterbricht, zerhackt, und zu anderen Einstellungen springt. Dadurch reisst sie den Zuschauer aus der Immersion heraus und zwingt ihn dazu, sich mit dem Gesehenen auseinander zu setzen. Ein "Genießen" des Filmes ist kaum möglich, dazu fordert der Film die Sehgewohnheiten zu sehr heraus.

Ungewöhnlich ist dann, dass der Film in seiner Aussage letztlich unklar bleibt, wenig prägnant, und mit seiner Offenheit am Ende eher zum Rätseln einlädt, als mit einem Paukenschlag zu enden, der einen Standpunkt vertritt. Man versteht am Ende zunächst nicht so recht, worauf die Regisseurin hinaus wollte. Oder wollte sie gerade das? Offenes Projekt: Leben. Was bleibt, ist der Eindruck eines fragmentierten Daseins, das sich selbst noch nicht sicher oder gewiß ist. Vielleicht: niemals sicher sein kann.


Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

The Journalist (Michito Fujii, Japan 2019) - im Rahmen der Nippon Connection 2020

Wie japanische Kommunikation funktioniert. Das Unausgesprochene zwischen den Wörtern und das Lesen des leeren Raums, das ist etwas, was man sehr schön in diesem Film beobachten kann. Ein Film, in dem eine Reporterin mit einem regierungsinternen Mitarbeiter einen Skandal aufdeckt.
Beide Figuren, mit beschädigten Biographien, befinden sich an Schwellenmomenten in ihrem Leben. Sie merken, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Und so wird in diesem Film die Aufdeckung des Falls kurzgeschlossen mit dem Entwicklungsprozeß, der das eigene, persönliche Leben betrifft. Das ist ziemlich gut gemacht und steigert sich bis gegen Ende in ein tolles, sprachloses Finale.
Nicht so gut hingegen ist das aufdringlich entmenschlichte Color-Grading des Films, das jede Wärme in schattig kalten Blautönen erstickt. Auch die rasenden Untertitel, die nicht nur dem dialoglastigen Film folgen müssen (wenn mal geredet wird, dann atemlos und unter Druck), sondern auch den vielen eingespielten Textnachrichten, …

Labyrinth of Cinema (Nobuhiko Obayashi, Japan 2019) ~ im Rahmen der Nippon Connection 2020

Ein meisterlicher Schwanengesang des kürzlich verstorbenen, japanischen Ausnahmeregisseurs Nobuhiko Ôbayashi, der mit einer irren Plotkonstruktion das Ende des Kinos (aka. des letzten Kinos in seiner Heimatstadt Onomichi) mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs vor allem auf Okinawa kurzschließt - und der die japanischen Kriegsverbrechen thematisiert, die dort stattgefunden haben. Gräueltaten, die allzu häufig unter den Tisch gekehrt werden. Nur um dann im Finale mit der Schauspieltruppe nach Hiroshima zu springen, um seine Erzählung mit dem Atombombenabwurf zu beschließen.
Dazwischen packt er nicht weniger als so gut wie die gesamte japanische Filmgeschichte von der Stummfilmzeit bis zum Zweiten Weltkrieg. Sadao Yamanaka und Yasujiro Ozu sitzen im Lehnstuhl und unterhalten sich im Jenseits über ihre Filme und die "gescheiterten" Karrieren, wobei die berühmt gewordene Sentenz nicht fehlen darf, Ozu selbst sei nur ein "Tofu-maker" eines Alltagskinos, das sowieso…

A Life Turned Upside Down: My Dad's an Alcoholic (Kenji Katagiri, Japan 2020) ~ im Rahmen der Nippon Connection 2020

Was wie eine beschwingte Komödie beginnt, gerät allzubald zur Tragödie. Hätte man ahnen können, denn die Rollenwahl des Schauspielers Kiyohiko Shibukawa ist selten frei von gebrochenen Charakteren. 
So auch hier: ein Familienvater, der sich, wie in Japan üblich, viel zu wenig um seine Familie kümmert, dafür umso mehr um seinen Job, bringt eben diese an den Rand des Zusammenbruchs. Weshalb? Ganz einfach: die Gewohnheit, abends noch ein paar Gläser trinken zu gehen, wird irgendwann zur Sucht. So ist bald jede Ausrede recht, um sich total ins Orbit zu schießen.
Und am Anfang ist der Film auch inszeniert wie ein Sommerwind, der frisch durchs Fenster hereinweht. Wie sollte man diesem Charakterkopf mit dem Dauergrinsen und den hochgezogenen Augenbrauen auch böse sein! Doch er treibt seine Frau in den Wahnsinn, bzw. zunächst in den religiösen Fanatismus, und seine beiden Töchter in die innere Isolation. Hauptsache, er kann mit seinen Saufkumpanen die Mühen das Alltags mit ordentlich Sake u…