Direkt zum Hauptbereich

I don't want to Sleep Alone / Hei yan quan (Tsai Ming-liang, Malaysia 2006)


Lee Kang-sheng spielt in diesem Film, der vielerorts als romantisches Drama bezeichnet wird, eine Doppelrolle: einen hirntoten Patienten, der von einer Frau gepflegt wird, sowie einen den Film über stumm bleibenden Obdachlosen, der von einer Straßengang, die mit zweifelhaften Wahrsagereien ihr Geld macht, aufs Übelste zusammengeschlagen wird. Ein Immigrant aus Bangladesch, der auf einer Baustelle arbeitet, kümmert sich rührend um den Schwerverletzten und pflegt ihn gesund.


Finanziert wurde der Film vom New Crowned Hope-Projekt, das für das Vienna Filmfestival ("Wiener Festwochen") als Produzent fungierte, und das einen thematischen Bezug zu Mozart oder seinem Werk als Motiv im Film festlegte. So ist es vor allem die Verwendung einer kurzen Stelle aus der Zauberflöte (Arie der "Königin der Nacht"), die Tsai am Beginn des Films im Krankenhaus verwendet (als Musik, die aus dem Radio kommt). Außerdem betonte er in einem Gespräch mit Tony Rayns, Mozart sei wie der Protagonist des Films ein "Seelenwanderer" gewesen, der in Armut gestorben sei.

Zum ersten Mal kehrte Tsai, der in Taiwan lebt, in sein Heimatland Malaysia zurück, um den Film in Kuala Lumpur zu drehen. Nach Fertigstellung wurden ihm eine Unmenge Schnittauflagen von der Zensur auferlegt: der Film zeige das Land in einem zu negativen Licht, hieß es als Begründung. Für den Kinostart in Malaysia wurden dann auch entsprechende Stellen herausgenommen. Inwieweit dies auf die internationale Fassung zutrifft, ist mir nicht bekannt.

Auch in diesem Film nimmt sich Tsai dem Schicksal gesellschaftlicher Außenseiter an, in diesem Fall: den Hilfsarbeitern aus Bangladesch, die verarmt in völiig heruntergekommen Bruchbuden hausen. Sie sind aber eine der wenigen Personengruppen des Films, die mitmenschliche Gefühle zeigen. Ästhetisch läßt sich im Film kaum einen Unterschied zu seinen Filmen aus Taipeh feststellen: Bilder einer schmutzigen Großstadt, Schimmel an den Wänden, halbverfallene Wohnhäuser, Dreck in den Straßen, offene Rohrleitungen und Stromkabel, die wild in den Himmel ragen, und immer wieder: die Gerippe des bedrohlichen Rohbaus, der wie ein lebloses Insekt kalt im Film steht. In seiner Mitte ein See aus Brackwasserr, der abgepumpt werden muss. Als Gegenmodell wird der schutzgebende Raum eines Bettes eingeführt, über das ein Moskitonetz gespannt ist. Der Verletzte kann in diesem Rückzugsort der Sicherheit, in dieser temporären Geborgenheit genesen. So verwundert es auch nicht, dass über der Matratzenstatt ein kleines rotes Plakat mit den Worten "I Love You" hängt. Ein Wunder geradezu, dass dies der Zensur kein Dorn im Auge war, verweist es doch deutlich auf den homosexuellen Subtext des Filmes.


Der Film spiegelt zwei Welten bedürftiger und abhängiger Männer, die in ihre Körpern gefangen sind: der des Paralysierten im Krankenbett, und der des Verletzten Hsiao-Kang. So ist der Film vor allem ein körperlicher, einer, der sich auf die körperlichen Grundbedürfnisse nach Nahrung, Erholung und Sexualität konzentriert. Auf den Körper, der illegal im Land lebt, nun da man ihn nicht mehr braucht. Und auch hier wird I DON'T WANT TO SLEEP ALONE politisch. Wie in den Rohbauszenen angedeutet, inszeniert der Film das Drama der Immigranten und Gastarbeiter, die Anfang der 1990er Jahre von der Regierung nach Malaysia geholt wurden, um genug Fachkräfte für den Bauboom des Landes verfügbar zu haben. Sinnbild dafür sind die Petronas Twin Towers, die damals höchsten Gebäude der Welt. Durch die dann einsetzende Finanzkrise in Asien verloren viele aber erst ihren Job, dann ihre Aufenthaltsgenehmigung, und rutschten so in den Bereich der Illegalität ab. So ist dieser Film Tsai Ming-liangs vor allem einer, der sich an den Randzonen der Gesellschaft abspielt und der auch nichts von seiner Aktualität (siehe Globalisierung) verloren hat. Wenn alle Sicherheiten wegbrechen, dann reduziert sich das Leben auf seine Grundbedürfnisse, und in der Krisis ist man auf die Fürsorge seines Nächsten angewiesen.

Kommentare

  1. Schöner Text! Erinnert mich (wie schon einige deiner vorherigen Texte) daran, auch unbedingt noch mal was von Tsai Ming-Liang einzulegen...

    AntwortenLöschen
  2. Vielen Dank! Ich kann den Mann nur jedem empfehlen. :-)

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…

I Am a Hero (Shinsuke Sato, Japan 2016)

Hideo Suzuki ist der Protagonist dieses Films und sein Vorname lässt sich in Kanji geschrieben wohl auch als Held lesen. Eine Tatsache, die der schüchterne Hideo verlegen weit von sich weist. Das sei er nämlich ganz sicher nicht. Vielmehr ist er, wie seine langjährige Freundin stets betont, vor allem ein richtiggehender Loser, der immer noch einem jahrzehntealten, realitätsfernen Jugendtraum nachhängt, ein echter Mangaka, ein Mangazeichner, zu werden. Nicht nur ein namenloser Assistent, der er nämlich ist. Der Filmtitel darf also getrost ironisch gelesen werden - und deutet doch darauf hin, dass mit seinem Protagonisten etwas passieren wird: ein Reifeprozeß, als es eben nicht mehr anders geht, als er dazu gezwungen wird, "seinen Mann zu stehen". Das muss er für seine Ersatzfamilie, eine Krankenschwester und das Schulmädchen Harumi, das sich zur Hälfte in einen Zombie verwandelt hat. Aber eben nur halb, und da sie sich kaum mehr richtig bewegen kann - dabei aber schubweise …

Wenn die Festplatte raucht: GANTZ:0 - ein Computerspiel getarnt als Film (Yasushi Kawamura & Keiichi Sato, Japan 2016)

"We are stuck in an endless survival game!"
 Im Funkenflug löst sich das Ich auf: rausgebeamt aus dem Spielfeld, in diesem Fall die berühmte Shibuya-Kreuzung (weil: drunter geht's nicht), als das Monster mit dem Tentakelkopf erledigt ist. Der Tote bleibt zurück, die Überlebenden dürfen ins nächste Level vordringen. Nach dem Vorspann, der eigentlich keiner ist, weil nur der Filmtitel eingeblendet wird: next stop: Osaka! Dort sind weitere Monster gesichtet worden, dort muss man sie nun bekämpfen. Freilich auf der Brücke in der Fußgängerzone, in Dotonbori, vor dem Hintergrund der berühmten Werbetafelfeuerwerke (weil: drunter geht's nicht).
 Ein Film, der nicht mehr aussieht wie ein Film, sondern wie ein Computerspiel. Künstliche Charaktere mit Stimmen von Menschen. Alles präzise gesteuert, sogar das Wippen der Brüste im Kampfdress völlig CGI-verseucht. Alles designt, noch viel künstlicher als in den beiden GANTZ - Teilen zuvor. Die Kämpfe haben freilich auch nichts mit…