Direkt zum Hauptbereich

Arrietty - Die wundersame Welt der Borger / Karigurashi no Arietti (Hiromasa Yonebayashi, Japan 2010)


Arrietty gehört zu den Wesen der "Borger", kleinen Menschen (in etwa Senfglasgröße), die unter den Häusern in Miniaturpuppenstubenwohnungen leben und sich Nahrungsmittel und alles sonstige von den Menschen "borgen". Dazu stellen sie ausgeklügelte "Raubzüge" an und bleiben dabei aber stets aufrichtig: niemals würden sie etwas mitnehmen, was die Menschen je vermissen würden. Als ein herzkranker Junge eine Woche vor seiner Operation im Haus verweilt, lernt er zufällig Arrietty kennen und freundet sich mit ihr an. Doch sie hat unbewusst damit eine Katastrophe ausgelöst - denn ihre Familie muss nun weiterziehen, um einer Entdeckung durch bösartige Menschen zu entgehen.


ARRIETTY ist in einem wundersamen Haus vor der Stadt, inmitten eines üppigen und geheimnisvollen Gartens angesiedelt. Und fällt damit auch ein Stück weit aus der Zeit. Hier scheint alles magisch und somit möglich. Eine fette Katze streicht durchs Gras, eine Krähe attackiert mit lautem Geschrei. Erwachsene kommen nur am Rande vor - und wenn, dann sind es Großeltern, die bereits wieder für religiös-mystische Ungereimtheiten empfänglich sind. Die Hauptfiguren sind alle reinen Herzens und die Bösewichter ziehen Fratzen. Und die Spannung entsteht sowohl aus den schwindelerregenden Abenteuern als auch aus der angedeuteten, und dabei unmöglichen, Liebesgeschichte zwischen Arrietty und dem kranken Jungen Sho. Der Film findet immer die richtige Balance zwischen den Figuren und ist recht mitreissend inszeniert. Einzig die deutlich für den westlichen Markt penetrante Popmusik in der ersten Filmhälfte schlägt negativ zu Buche. Ein wahrlich schöner Film für alle Freunde von TOTORO und dergleichen Studio Ghibli-Sachen.


Überhaupt gibt es zu TOTORO einige Parallelen, wobei sich der Fokus in ARRIETTY gerade nicht bei den Menschen, sondern nun auf der anderen Seite, der mystischen Welt der "Borrowers" befindet. Dieser Perspektivenwechsel ist auch die bestimmende Prämisse des Filmes, die derart alles Erlebte gerade nicht als putziges Beiwerk inszeniert, sondern vielmehr strukturell und narrativ neu organisiert und veranschaulicht. Dass das kleine groß wird und das Normale übergroß, die Tiere zu Monstern und als Mittler zwichen Mensch und Mystik auftreten, der Mensch sogar als grobe Bedrohung auftritt, verändert die Perspektive des Zuschauers auf seinen eigenen Erfahrungsraum.


Der finanzielle Erfolg des Films ist atemberaubend - und wer sich dafür interessiert, der findet etliches im Netz dazu. Nicht nur der Film selbst (an der Kinokasse: US$ 126.368.084 weltweit), auch die Musik hat sich erfolgreich vermarkten lassen - und auch bei kritischen Instanzen wie Rotten Tomatoes erntet der Film nur lobende Worte. Kurioserweise ist der Film in Deutschland nur sehr kurz gelaufen, mit wenigen Kopien und kaum Presse. Was vermutlich daran lag, dass PONYO hinter den Erwartungen zurückblieb. Traurig, traurig. ARRIETTY ist bestes, intelligentes Unterhaltungskino.

Kommentare

  1. Sehr schöner Text, der mir diesen bereits vorgemerkten Film noch schmackhafter macht. Herzlichen Dank!
    Die Popmusik empfand ich bei allen Ghibli-Produktionen, die ich bislang gesehen habe, als störend.

    AntwortenLöschen
  2. Danke Dir! Ich wünsche Dir eine schöne Sichtung! Und wie gesagt, ich empfand die Musik mit zunehmender Laufzeit erträglicher.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Nippon Connection 2017: Kohei Taniguchis Independent-Wrestling-Komödie DYNAMITE WOLF (Japan, 2017)

Der kleine Hiroto, oben links außen auf dem Bild, steckt in der Krise: er ist zwar erst in der Grundschule, doch kann er sich partout nicht dafür entscheiden, welchen Freizeit-Kurs er an der Schule belegen soll. Es versucht es mit Fußball, das endet aber dramatisch als Desaster. Da gerät er zufällig in ein Wrestling-Match mit dem berühmten Dynamite Wolf und ist wie elektrisiert: das Spektakel, die Inszenierung, das Toben der Leute vor Begeisterung - ja, da schlägt sein Herz höher und zum ersten Mal lächelt er dann im Film. Seinen Eltern und den Mitschülern erzählt er erstmal nichts von seiner neuen Leidenschaft, ist doch seine einzige Möglichkeit zu trainieren die Bekanntschaft mit einem merkwürdig abgerissenen Gesellen am Flußufer (oben rennend), der mit einer umgebauten Dummy-Sexpuppe als Sparringspartner trainiert. Ob das der richtige Umgang für einen Jungen ist, das darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.
 Aber natürlich, so will es das Gesetz des Films: es hätte ihm nichts Be…

Nippon Connection 2017 ~ Love lost and found in Hakodate: Over the Fence von Nobuhiro Yamashita (2016)

Eine Frau (Yu Aoi) rennt über die Straße, sie streitet sich mit ihrem Begleiter – er soll sich gefälligst mehr um die Kinder kümmern. Plötzlich führt sie einen abgehackten Stakkato-Tanz auf, der, wie man später erfährt, das Balzritual eines (Vogel) Straußes ist. Aus einiger Entfernung betrachtet Joe Odagiri diese absurde Szene und fragt sich  – wie der Zuschauer – ob diese Frau noch alle Tassen im Schrank hat. Er selbst hat Tokio vor ein paar Monaten den Rücken gekehrt, nachdem ihn seine Frau mitsamt der Tochter nach einem tragischen Vorfall bereits vor Jahren verlassen hatte. Nun ist er traumatisiert und arbeitslos und muss an einem Lehrgang zur Schreinerlehre teilnehmen, um weiter Arbeitslosengeld zu beziehen. Mit ihm eine ganze Reihe von Berufsjugendlichen, und diese gründen eine Softball-Mannschaft, da auch die sportliche Fitness vom Staate vorgeschrieben ist. Allerdings stehen sie lieber rauchend in der Ecke und unterhalten sich über alles mögliche, vor allem aber das Leben un…

Nippon Connection 2017: Festivaldiary, Ausrisse

Es ist ein warmer Abend. Wir sitzen zusammen vor der Naxoshalle, während es immer dunkler wird. Ein weiterer Tag der Nippon Connection liegt hinter uns mit all den Filmen, Veranstaltungen, dem Essen, den vielen Begegnungen und endlosen Gesprächen. Man wünscht sich immer den Austausch, während man als Einzelgänger durchs Jahr wandert, angeschlossen an die Gemeinschaft der Gleichgesinnten nur durchs Netz, Twitter und Facebook oder so – hier trifft man sich leibhaftig einmal im Jahr. Und da wird vieles nachgeholt, habe ich den Eindruck. Manche haben ein so großes Mitteilungsbedürfnis, dass der Schwall der Worte im Rauschen des Festivalsounds aufgeht. White Noise Nippon Connection. Man kann sich aber drin treiben lassen, es ist ein gutes Gefühl.

 Der Tag hatte in großer Runde angefangen, beim Bloggerfrühstück in der Naxoshalle. Dankenswerterweise von den Jungs von Schöner Denken organisiert, in Unterstützung durch die Presseabteilung des Festivals. Jeder stellt sich vor, gibt Tipps und …