Direkt zum Hauptbereich

Berlinale 2012: The Flowers of War / Jin Ling Shi San Chai (Zhang Yimou, China 2011)


In dieser Literaturvefilmung macht Zhang Yimou auf großes Propaganda-Epos: während des wegen seiner rücksichtslosen Brutalität in die Geschichte eingegangenen Nanjing-Massakers (durch die Japaner an der chinesischen Zivilbevölkerung) flüchtet sich eine Gruppe extrem gutaussehender Huren durch eine völlig zerstörte Stadt in eine Kirche, in der sich ein paar junge Novizinnen verschanzt haben. Dort befindet sich allerdings bereits ein Amerikaner (Christian Bale), ein Säufer und Taugenichts, von dem sich die völlig verstörten Mädchen Rettung erhoffen. Er soll als falscher Geistlicher, als Wolf im Schafspelz, die japanischen Soldaten von ihren Gräueltaten abhalten und der Gruppe zur Flucht aus der Stadt verhelfen.

Zhang Yimou, neben Chen Kaige einst Vorzeigeregisseur der "Fünften Generation", hat eine interessante filmische Entwicklung durchgemacht, die mit ihm als Regisseur der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele im Pekinger Eagle's Nest ihren Höhepunkt fand. Vom Regimekritiker zum gefeierten Liebling Pekings - ein Regisseur der Massen, und das innerhalb weniger Jahre. Auch FLOWERS OF WAR ist voll des chinesischen Heldenmuts: seien es die tapferen Soldaten, die ihr Leben für das Heimatland und die gerechte Sache hingeben - und die Yimou mit ballettartigen Zeitlupentoden zu adeln versucht (in einer besonders ekelhaften Szene werfen sich mehrere Soldaten, als menschliche Schutzschilde fungierend, todesmutig vor einen Panzer, um den Kameraden mit dem Sprengstoffgürtel möglichst nahe an das todbringende Gefährt des Feindes heranzubringen) - oder die zur Solidarität findenden Rivalen des Glaubens und der Moral: am Ende stirbt man sogar für den, der einen zu Beginn verachtete. Es ist die Solidarität der Chinesen, die sie zur wahren Stärke und zur moralischen Überlegenheit führt, die die heterogene Gruppe unter dem japanischen Terror zu ihrem Zusammenhalt finden lässt. Das ist alles freilich möglichst bedeutungsschwanger inszeniert, mit sakralen Chorälen und mit durch bunte Kirchenfenster hindurch flutenden Lichtkegeln ästhetisch beeindruckend drapiert und arrangiert.

Ein Film, der manchmal spannend ohnegleichen ist, der aber, und es ist nur eine Frage der Zeit, in die nächste sterbenslangweilige Ärgerlichkeit hineinstürzt. Ob das die schablonenhaften Figuren sind, die vorhersehbare Handlung, der mit dem Exotischen hausierende Soundtrack, der auf den Effekt und den Affekt abzielt, die offenkundige Huldigung des Starsystems, der teilweise entsetzlich hektische Schnitt, oder die unverhohlene Propaganda: THE FLOWERS OF WAR ist ein schlechtes, soßiges Melodrama, das seine grauenhaften Ereignisse instrumentalisiert um vor historischer Kulisse den Größenwahn eines im Niedergang befindlichen Systems zu beschwören, und für dessen Realisierung ein Mann gefunden wurde, der offenbar von allen guten Geistern verlassen wurde. Einen Regisseur, der Filme wie ROTES KORNFELD, LEBEN!, HEIMWEG, oder den einen, einen der schönsten Filme der Filmgeschichte gemacht hat: ROTE LATERNE.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

HKIFF 2013: A Story of Yonosuke (Shuichi Okita, Japan 2012)

Mitte der 80er kommt der junge Yonosuke nach Tokyo um dort zu studieren. Er ist eine ziemlich schräge Gestalt: groß gewachsen, Wuschelhaare, er hat einen ungewöhnlichen Humor und hat einen einnehmend, offenen Charakter. Einer der zugleich irgendwie schräg ist, rausfällt. 16 Jahre später erinnern sich verschiedene Personen, die alle seine Bekanntschaft gemacht hatten, an ihn, und in übergangslos montierten Rückblicken findet der Film - durch seine unterschiedlichen Perspektiven - neue Blickwinkel auf die Person Yonosukes. Hierfür gibt es auch einen Anlaß, der teilt sich aber erst ganz am Ende des Films mit. Dieser Film, eigentlich eine coming-of-age-Geschichte, ist voller origineller Einfälle, von lautem und leisem Witz, immer durchzogen von einer Spur Ironie und Humor. A STORY OF YONOSUKE ist trotz seiner 160 Minuten extrem kurzweilig, und hat eine völlig ungewöhnliche Narration. Beim ersten Einschub eines sozusagen "zukünftigen Flashbacks", denn die Zeit der Haupthan...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...