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Captive (Brillante Mendoza, Philippinen 2012)


In Brillante Mendozas diesjährigem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag wird eine Gruppe Touristen auf den Philippinen von der islamistischen Terrororganisation Abu Sajaf entführt und monatelang in einer Odyssee durch den Dschungel getrieben. Ihr Ziel ist es freilich, Lösegeld zu erpressen - was sich im Falle einiger Geiseln als schwierig erweist, etwa wenn kein privates Vermögen zur Verfügung steht. Denn die Regierungen der jeweiligen Länder der Entführten tun wenig bis nichts und verschanzen sich hinter ihrer problematischen Position, mit Terroristen nicht zu verhandeln. Insbesondere eine Entwicklungshelferin ist davon betroffen (Isabelle Huppert), die so auf keinerlei Freilassung hoffen kann. Mendoza spielt u.a. verschiedene Formen des Stockholm-Syndroms durch, um die komplexen emotionalen Verästelungen innerhalb der Gruppe darzustellen; wodurch es schließlich zu der absurden Situation kommt, in der ein endlich freigelassenes Opfer nicht gehen will, da es sich in einen Entführer verliebt hat. Aber auch die philippinische Regierung und das Militär kommen nicht gut weg: kopflose Befreiungsaktionen arten in wilde Schießereien aus, und es scheint völlig egal zu sein, wenn auch die Geiseln getroffen werden. Dass die Entführer auch die Geiseln töten könnten, scheint ihnen nicht in den Sinn zu kommen. Es geht vor allem offenkundig darum, das Problem aus der Welt zu schaffen, egal mit welchen Mitteln. Und dies sind dann auch die stärksten Szenen im Film: wie urplötzlich die Gewalt von außen über die Gruppe hereinbricht und zum totalen Terror wird, zu grauenhafter Todesangst führt (brillant gespielt von Huppert). Also über eine Gemeinschat von Leuten, die sich die ganze Zeit darum bemüht, Kontrolle zurück zu bekommen und mit der Situation zurecht zu kommen. Die froh ist um jeden Moment des Friedens. Dieser wird auch einmal gegönnt, als man für einen Tag Unterschlupf in einer Schule findet und in Verhaltensmuster der Menschlichkeit zurückfindet. Die Überlänge des Films macht die Ausweglosigkeit bisweilen auch für den Zuschauer spürbar, und die Huppert dominiert etwas zu sehr den Film (und ist ein deutlicher Verweis darauf, wie der hauptsächlich festivalfinanzierte Film kalkuliert ist). CAPTIVE ist ein sehenswerter, aber nicht herausragender Film.

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Shady Grove (Shinji Aoyama, Japan 1999)

You never think of anyone but yourself!
 Although quite far from Aoyama's meditations on guns & violence in his earlier work, SHADY GROVE as a romantic drama still feels weird and alien from minute one. It's one of those awkward films in colour and tone which make you really uncomfortable and clearly state that human interaction is deficient, because people from "the big city" are made from cement. Especially when they are company people working for big firms. They do have a life and loved ones at home, but that's just meaningless words in an environment of cold-hearted company politics and career decisions.
 But Aoyama's film is not really focussing on the salaryman's side, but has its female protagonist in the center of attention. It's an anti-romantic drama filled with troubles, silence, and angst. Which makes it even more devastating.
 Basically SHADY GROVE is about two love-stories that never come to realization because of the poor decisions …

Rajinikanth im Kugelhagel: Petta (Karthik Subbaraj, Indien 2019)

Karthik Subbaraj (Regisseur der Filme PIZZA und JIGARTHANDA, die weit mehr als Überraschungserfolge waren) ist ein großer Verehrer des in Indien über alle Maßen geschätzten Schauspielers Rajinikanth, der hier mit der Ikone des südindischen Tamil-Kinos einen Film realisieren durfte. Und was für einen! Eine hochpotente Crime-Ballade, eine wilde Revenge-Fantasie, die schon bald alle moralischen Vorstellungen über Bord wirft und das macht, was alle sehen wollen: der Meister übt Gerechtigkeit mit dem Schwert - nach alttestamentarischer Art und macht die Welt wieder ein bisschen besser. Auch wenn er selbst dafür zum Verbrecher werden muss. Tragisch, aber egal. Sonnenbrille aufgesetzt, passt.
 Pure Heldenverehrung also, ein Film mit einem hauchdünnen Plot als Alibi, und immer: extrem viel Rajini-Swag. Jede Bewegung des Thalaivar (des Bosses, des Anführers) wird zelebriert wie die Rückkehr des Jesuskinds auf Erden. Was braucht man mehr, um in Süd-Indien einen Kassenschlager zu produzieren! …

HKIFF 2019 ~ Three Husbands (Fruit Chan, Hongkong 2018)

Im dritten Teil seiner Prostitutions-Trilogie, achtzehn Jahre nach Durian Durian (2000) und dem großartigen Hollywood Hong Kong (2001), verknüpft Hongkongs Independent-Regielegende Fruit Chan mehrere bisweilen schwer erträgliche Erzählstränge zu einem allzu offensiven Missbrauchsdrama.

 Inhaltlich relativ komplex und stark verwoben mit seinem Handlungsort Hong Kong und den umliegenden chinesischen Provinzen, wird die Hauptfigur Ah Mui von der furchtlosen Chloe Maayan als geistig  leicht behindertes Tanka-Boot - Mädchen kongenial gespielt. Eine junge Frau, die von ihren drei Ehemännern an jeden dahergelaufenen Zahlungswilligen verkauft wird. Der Film ist allerdings ästhetisch unfassbar krude umgesetzt, vor allem wenn es um die Metaphorik für den Geschlechtsakt oder generell die weibliche Fruchtbarkeit geht, deren Bann sich "der Mann" wie schicksalshaft einfach nicht entziehen kann.
 Die Inszenierung des weiblichen Geschlechts in seinen verschiedenen metaphorisierten Darstell…