Direkt zum Hauptbereich

Pieta / 피에타 (Kim Ki-duk, Südkorea 2012)


Im heruntergekommenen Industrieviertel Cheonggyecheon inmitten Seouls arbeitet Lee Kang-do als Geldeintreiber für einen Kredithai. Kang-do gilt bei den Schuldnern als "Der Teufel", da er äußerst skrupellose Methoden anwendet, um an das ausstehende Geld zu kommen: er bricht ihnen rücksichtslos die Gliedmaßen oder verstümmelt sie - meist vor Augen der Angehörigen. Dazu nutzt er häufig deren Werkstatt-Maschinen, Stanzgeräte, Industriebohrer, Blechschneider, Walzen, usw. Oder geht mit ihnen auf eine Bauruine und stößt sie vom dritten Stock hinab. So kann Kang-dos Chef die Invaliditätsversicherung kassieren. Die Schuldner werden jedoch meist lebenslang zu Krüppeln. Und Kang-do zum meistgehassten Mann des Viertels. Plötzlich jedoch taucht eine Frau namens Min-sun auf, die vorgibt, Kang-dos Mutter zu sein - der glaubt ihr nicht, und reagiert mit aggressivster Brutalität auf die Kontaktversuche. Doch dann beginnt er sich zu öffnen, und plötzlich ist da jemand in seinem Leben. Kang-do wird verwundbar...

PIETA, der bei den Internationalen Festspielen von Venedig den Goldenen Löwen gewann, steckt voller christlicher Symbolik. Auf einer nüchterneren Ebene lässt er sich aber auch als Kapitalismuskritik lesen - nämlich als Schwundstufe der gesellschaftlichen Übereinkünfte, in der die Verbindungen ausschließlich über das monätere Zahlungsmittel geregelt werden. Alle Beziehungen zwischen den Menschen sind hier folglich unglückliche, gescheiterte. Von jeder Armenhausromantik könnte man jedoch nicht weiter weg sein, als in Kims Realismus. Eine Lösung zeigt sich nirgends. Sie wäre nur als Utopie zu finden, als Erlösung, wie sie sich auf dem Filmplakat darstellt. Dort, wo der Film hinstrebt, aber freilich niemals ankommen kann. Auf dem Plakat wird also keine Szene des Films abgebildet, sondern dessen nicht erreichbares Sehnsuchtsziel, das sich als psychologisches Movens herauskristallisiert und schließlich als Ursache des Scheiterns etabliert. Denn hier in PIETA endet alles in Scherben, so wie dann einmal Kang-do auf den ausgenommenen Eingeweiden eines Hasen in der Wohnung ausrutscht und das Messer versehentlich durch das geschlossene Fenster wirft - welches mit einem Knall zu Scherben zerbirst, die anschließend im Teppenhaus in Myriaden auf den Stufen liegen. Kang-do kümmert das wenig, er zertritt sie nochmals in Tausend Stücke. Dieses Bild, eine Allegorie auf die Scherben der Existenz.

PIETA ist jedoch für Kim als Regisseur ein Film der Krisenbewältigung. Nach der selbstgewählten, jahrelangen Einsiedelei in einem koreanischen Bergdorf, wo er unter schweren Depressionen litt und aus der der großartige dokumentarische Film ARIRANG entstanden war, legt Kim hier einen Film nach, der ihn auf dem Gipfel seines Könnens zeigt (den zwischenzeitlich realisierten Film AMEN übergeht der Regisseur geflissentlich). PIETA ist ein gewaltiges Monster, hart und brutal, mit Blick für das Detail, die Kleinigkeit, dabei extrem stimmungsvoll und nihilistisch. Manchmal etwas zu forciert allerdings und in einigen wenigen Szenen überdeutlich; aber das sind Kleinigkeiten, die von der enormen Energie des Films geschluckt werden. PIETA ist faszinierend und abstoßend zugleich, PIETA tut weh. Der Film bietet überhaupt keine (Er-)Lösung(-soptionen) aus dem Jammertal des irdischen Daseins an, und ist somit, so verschieden sie auch sind, wie Im Sang-soos TASTE OF MONEY, ein Film, der die dunkle Seite Koreas zeigt. Die Seite der Verlierer, die im Kapitalismus unter die Räder gekommen sind. Der Graben zwischen arm und reich ist riesig in diesem Land: eine vernichtende Bilanz von zwei der wichtigsten zeitgenössischen Filmemacher. PIETA jedoch, und das ist auch eine Stärke des Films, kulminiert in ein großartiges, poetisch-schreckliches, ästhetisches Ende. PIETA ist niederschmetternd schön.

***

PIETA kann hier erstanden werden: [Blu-ray] [DVD]

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

shomingeki deluxe: Ein Gespräch über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu (Japan, 1958)

Heiraten, ja oder nein? Und wenn, dann wen? Und was sagt der Vater dazu, wenn der Schwiegersohn doch nicht ganz den Erwartungen entspricht? Ein weiteres Mal behandelt Yasujiro Ozu dieses Thema in einem seiner späten Filme, dieses mal erzählt aus der Sicht und Perspektive des Vaters.  Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hat mich eingeladen, mit ihm über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu zu sprechen. Wir haben fast eine ganze Stunde miteinander diskutiert und hätten noch viel mehr sagen können, glaube ich. Das Gespräch findet ihr hier: 
Link
 (original Poster)

Michael Schleeh
***

Drifting In and Out of Frames: YEAH (Suzuki Yohei, Japan 2018)

Das Mädchen Ako (Elisa Yanagi) ist so etwas wie ein Geist, ein Geist auf der Suche nach der Schwester, vielleicht auch ihrer Mutter - das ist lange nicht klar. Sie wandelt durch die Landschaften dieses ländlichen Vororts. Die Einwohner scheinen sie zu kennen, behandeln sie wie ein verwirrtes Mädchen. Der Film aber behandelt sie wie eine Geistererscheinung und blendet sie immer wieder aus dem aktuellen Filmbild langsam aus. Sie verschwindet nach und nach und entstofflicht sich. Was sie wirklich ist - lebendig oder tot - das weiß man lange Zeit nicht in Yohei Suzukis schönem Film.
 In einzelnen Miniaturen führt uns YEAH in die Welt der Anti-Heldin ein. Ein  Spielplatz, ein kleiner Imbiss, ein Parkplatz. Eine ranzige Junggesellenbude. Eine ziemlich statische Kamera gibt den einzelnen Szenen einen formal-ästhetischen Zusammenhang, wie auch die etwas ausgebleichten, pastellartigen Farbtöne. Dazu das Gemurmel von Ako, die ständig etwas vor sich hin brabbelt. Sie scheint offenbar ni…