Direkt zum Hauptbereich

The Neighbors / 이웃사람 (Kim Hwi, Südkorea 2012)


Das Debut des koreanischen Regisseurs Kim Hwi verfolgt eine nur mäßig interessante Prämisse: was wäre, wenn in d(ein)er Nachbarschaft ein Serienmörder leben würde? Und auch wer der Übeltäter ist, weiß der Zuschauer folgerichtig schon von Beginn des Filmes an. Der Thriller lebt also nicht davon, wovon der klassische Kriminalroman seinen Stoff bekommt: dass eine Tat aufgeklärt und der unbekannte Täter gefasst wird. Ganz im Gegenteil: in THE NEIGHBORS sind diese Fakten bekannt. Hier geht es nun darum, weshalb der Täter so lange nicht überführt wird, obwohl alle merken, dass mit dieser Person etwas nicht stimmt. Mit jemandem, der mitten in der Gemeinschaft eines Appartmentkomplexes lebt. 

Obiges Plakat spricht also Bände - nicht umsonst ist der Täter inmitten der anderen Charaktere abgebildet. Womit der Regisseur natürlich einen Allgemeinplatz in Szene setzt, etwas, worüber in jedem Revolverblatt und jeder Enthüllungssendung im TV kollektiv der Kopf vor Entrüstung geschüttelt wird: wie konnte das nur unter aller Augen passieren! Nun, die Antwort ist so banal wie simpel: weil niemand die Konsequenzen aus seinen Entdeckungen zieht, weil keiner Ärger am Hals haben will. Exemplarisch ist der Fall des Händlers, bei dem der Täter die Koffer kauft, in denen er die Leichen abtransportiert. Der Händler erkennt diesen im Fernsehbericht, bewahrt dann aber Stillschweigen, als er von seiner Frau die zahlreichen negativen Aspekte einer eventuellen Einmischung in den Fall vorgehalten bekommt. Dass die Tote/Vermisste ein junges Mädchen ist, dem er jeden Tag begegnete, spielt plötzlich kaum eine Rolle mehr, wenn es um das persönlich zu erbringende Engagement geht.

THE NEIGHBORS ist ein Film, der in seiner gelackten Optik ganz gut, aber auch wohlbekannt aussieht: es ist eben das aseptische, gutbürgerlich-moderne Korea. Leider ist der Film bedauerlicherweise ziemlich dröge und bisweilen sehr banal - er trägt seine Message allzu deutlich vor sich her. Der Täter ist ein dermaßen herausfallender Asi mit allen Insignien der Verwahrlosung, dass man sich fragt, warum wirklich keiner mal sich traut, Maßnahmen zu ergreifen. So richtig plausibel ist das nicht. Und die Regie ist immer wieder eklatant unkreativ. Szenen werden linear runtergekurbelt ohne jede künstlerische Ambition. Kim Yunjin spielt die Mutter, die für verrückt erklärt wird, da ihr die Tochter immer wieder als Geist erscheint; sie ist eindeutig das schauspielerische Highlight des Films. Man kennt sie aus der Fernsehserie LOST, wo sie die koreanische Frau spielt, die sich vom autoritären Ehemann emanzipieren muss. Ein wirkliches Profil aber kann kaum eine der schablonenhaften Figuren gewinnen (abgesehen vielleicht vom schwertätowierten Gangster Ma Dong-seok, mit dem man sich lieber nicht anlegen möchte), zu sehr ist der Plot in seiner Anlage auf einen konzentrischen Kreis angelegt, in dessen Zentrum sich der Täter befindet. Ansonsten gibt es noch so einiges unglaubwürdig Überforciertes zum Stirnerunzeln: etwa die umgebaute Wohnung des Täters, die in ein Kellergeschoß hinabführt, wo er seine Opfer im slasherüblichen Ambiente der blutig-verschmierten Kacheln und kalten Neonröhren zerschnetzelt. Ich denke nicht, dass man so etwas zum hunderttausendsten Male wiederholen muss. Aber THE NEIGHBORS ist eben auch nur ein Film unter sehr vielen, sehr ähnlichen seiner Art.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)

Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cin...

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden. Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams. ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht ...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...