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HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)


Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kann auch der alte Kapuzenpulli aus dem Zeitalter des Aufbegehrens nicht mehr drüber hinwegtäuschen. Draußen dann auf der Straße wird er direkt vor dem Haus plötzlich von zwei vermummten Personen mit Elektroschockern überfallen und entführt. In einem unpersönlichen Raum erwacht er aus der Bewußtlosigkeit und findet sich - nackt - auf einen Holztisch geschnallt. Da tauchen zwei Frauen in weißen Latexanzügen auf...

Wenn man den Film gesehen hat, dann ist bald klar, dass man die Bilder nicht so schnell vergessen wird. So explizit er ist, so artifiziell und künstlerisch einprägsam ist er zugleich. In der Kühle seiner Versuchsanordnung, die aus Raum und Zeit herauszufallen scheint, und die prinzipiell ewig andauern könnte (man fühlt sich an die raumauflösenden, lichtdurchfluteten Bilder aus George Lucas' dystopischem Science-Fiction-Klassiker THX 1138 erinnert), widerspricht er auf souveräne Weise den auf Schimmelpilz getrimmten Folterporno-Vorlagen der nun nicht mehr ganz so neuen französischen harten Welle. Redas Bilder sind genau, reduziert und blitzblank, alles Barocke, Üppige, alles Ausschmückende fehlt ihnen - da scheint er sich einer asiatischen (etwa einer koreanischen) Ästhetik zur Reduktion, zur aseptischen Nüchternheit und Oberfläche näher zu fühlen als den vollgestellten, schimmlig-schmutzigen Kartoffelkellern unserer Nachbarn. Und das ist auch nicht verwunderlich - denn einerseits ist dies logisch und konsequent aus einer Geschichte heraus entwickelt, die offenkundig ein aus der Welt der Fantasie in die Realität überführter, gewalttätiger Racheakt einiger Aktivistinnen ist, durchgeführt in einem eigens dafür präparierten Raum (und der dann eben auch wie hergerichtet aussieht mit seinen frisch geweißten Wänden, den nagelneuen Karabinern und dem klaren kalten Licht). Und andererseits aus Redas bekannter Passion fürs asiatische, im speziellen japanische Genrekino, über das er seit Jahren in der Filmzeitschrift Splatting Image schreibt. HERRMANN wirkt da wie ein ins Gegenteil verkehrter japanischer Sexfilm, ein Anti-Pinku-Eiga made in Berlin. 

Reda holt diese fetischisierten Bilder, die sonst einer häufig misogynen Männerfantasie entsprungen sein mögen und die Bedürfnisse eines gewissen Klientels nach Allmachtsphantasien via cineastischem Druckablassens zu bedienen haben, wie in einem Salto Mortale aus den 70er Jahren Japans ins Hier und Heute, mitten nach Berlin - updatet und verkehrt sie in ihr Gegenteil. Auch durch die formalen Mittel, wie etwa einem Verbeugen vor den Schnittgewittern eines Shinya Tsukamoto, vor dessen TETSUO oder TOKYO FIST, und auf akustischer Ebene mit einem reduzierten, dafür aber umso effektiveren Soundtrack (im Vor- und Abspann zwei herrliche Songs von Xiu Xiu). Der Film ist ein stetig sich steigernder, dann völlig wegblasender Energieschub. Dann aber, am Ende, kommt der Schnitt - es folgt ein politisches Pamphlet, das der Gefangene (überzeugend gespielt übrigens von Andreas Berg) - mit quasi vorgehaltenem Dildo - zu verlesen hat. Um was es hier geht, ist nun vermutlich ziemlich deutlich geworden... alles soll dann aber doch nicht gespoilert werden. Nach gut 13 Minuten ist der ziemlich spannende, kontroverse, und auch immer wieder aufs Neue spannend gemachte Film leider schon vorbei. Da möchte man gerne mehr von sehen!



Stills aus den Teasern (1, 2), die man sich bei Vimeo anschauen kann. Der Film war und ist momentan auf verschiedenen Filmfestivals zu sehen, demnächst etwa beim Landshuter Kurzfilmfestival 2014 im März.

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