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9413*, Hongkong/Seoul-Tagebuch, Teil 3

Es scheint, als habe die mediale Propaganda-Maschinerie ihr Ziel erreicht: Während sich für einen Flug nach Okinawa am Schalter nebenan früh eine beachtliche Warteschlange bildet, sind wir auf dem Flug nach Seoul insgesamt zu fünfzehnt - 10 maskierte Passagiere, 5 unmaskierte Crew-Mitglieder. Nun ist es ein früher Flug einer regionalen Hongkonger Billig-Airline, voll wäre das Flugzeug auch unter normalen Umständen wohl nicht gewesen. Dennoch hat die Situation etwas Gespenstisches.

Am Flughafen in Incheon dann ist davon wenig zu spüren. Eine Schleuse zum Temperaturmessen, ein paar Maskierte hier und da, aber sonst business as usual, so scheint es. Mein erster Eindruck von Seoul nach der knapp vierzigminütigen Fahrt in die Stadt: größer, weitläufiger als Hongkong und auch gemächlicher, einschließlich der wahrscheinlich langsamsten Rolltreppen, die es irgendwo auf der Welt gibt. Und was die nächsten Tage immer wieder zum Hindernis wird: fehlende Sprachkenntnisse allenthalben, hier Koreanisch, dort Englisch. Seoul als mein ganz persönliches 'Reich der Zeichen'. Das erschwert nicht zuletzt die Nahrungszufuhr erheblich, denn jenseits der 7-11-Shops (und lokaler Varianten, die es tatsächlich noch häufiger zu geben scheint als in Hongkong) und Coffee Shops, die, scheinbar einem aktuellen Trend folgend, wie hiesige DM-Drogerien aus dem Boden geschossen sind, fällt die Auswahl alles als andere als leicht. Restaurants gibt es genug, nur ist es selten klar, was es dort zu essen gibt und ob ich das dann auch bekommen würde. Überhaupt ist es von vielem zu viel. Ich gönne mir einen Tag Pause und arbeite im Hotelzimmer.

Am Mittwoch der erste Gang zum Korean Film Archive; Filmsichtungen, die ausschließlich dort möglich sind: GOLDEN OPERATION 70 IN HONG KONG, OPERATION TOKYO EXPO '70 (beide 1970, beide Choe In-hyeon), CORRESPONDENT IN TOKYO (1968, Kim Soo-yong), MAN AND WOMAN FROM HONG KONG (1970, Shin Kyeong-gyun) und viele andere - anti-kommunistische Propaganda-Melodramen im Gewand eines Bond-Abenteuers. Alles in ordentlichen Kopien als Video-on-Demand zur Verfügung gestellt, ohne Termine oder Reservierungen, wie das in Hongkong notwendig ist, weil RentnerInnen nicht auf ihre Kanton(opern)klassiker verzichten möchten (und gerne bei den Liedern mitsingen). Nicht übel. Tatsächlich warten ganze Genres darauf, im Detail erschlossen zu werden. Dass sich das Archiv in seinen ansonsten vorbildlichen DVD-Editionen vornehmlich auf Melodramen, Kriegsfilme, Komödien und Historienfilme eingeschossen hat und mithin einer hochkulturell geprägten Kanonbildung Vorschub leistet, ist durchaus beklagenswert. Immerhin ist mit Chung Chang-whas BONANZA (1961) gerade ein waschechter Genre-Titel erschienen und in der Cinematheque des Archivs läuft eine Filmreihe zu Horrormaestro Lee Yong-min (A BLOODTHIRSTY KILLER, 1965). Es wird aber mittelfristig wohl den Muttersprachlern vorbehalten sein, die zahlreichen Mandschurischen Western, Spionagefilme oder die muhyeop younghwa (das koreanische Äquivalent zu wuxia- und Samurai-Film) zu erforschen. Man fragt sich, was wohl passiert wäre, hätte man in Südkorea viel früher begonnen, über Exportmöglichkeiten nachzudenken und die Filme mit Untertitel auszustatten. So aber ist es den Koreanern lange Zeit genauso ergangen wie anderen populären Kinematografien Asiens, sei es Thailand, die Philippinen, Indonesien oder Malaysia: Abgesehen von kurzen Momenten internationaler Sichtbarkeit - man denke an Ko-Produktionen für die grindhouses und Bahnhofskinos-, blieben sie, sicher auch dank der Dominanz Hongkongs und Japans, regelrecht unsichtbar.

Nach einem weiteren Sichtungsmarathon im Archiv bin ich am Freitag mit Lee Myung-se verabredet, um den es nach seinem internationalen Erfolg mit NOWHERE TO HIDE (1999) trotz oder gerade wegen weiterer Arbeiten wie THE DUELIST (2005) und M (2007) zunehmend ruhiger geworden ist. Warum das so kam, ist eines der zentralen Themen unseres Gesprächs. Kurz gesagt: Lees Taktik, seine filmischen Experimente über Genre-Verpackungen an Investoren und Publikum zu bringen, ist aufgeflogen. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass selbst NOWHERE TO HIDE bei einigen Kritikern, aber vor allem bei Genre-Fans eher auf Unverständnis stieß. Die koreanische Filmindustrie jedenfalls, darum wird es in den folgenden Gesprächen immer und immer wieder gehen, will sich einen Filmemacher wie Lee nicht mehr leisten. Trotz 50% Marktanteil geht man nun, vielleicht bis heute traumatisiert von Koreas HEAVEN'S GATE namens RESURRECTION OF THE LITTLE MATCH GIRL (2002, Jang Sun-woo), auf Nummer sicher. Der buchhalterische Ansatz gerade in der Drehbuchphase, den die Koreaner natürlich von Hollywoodpraktiken abgeschaut haben, hat Lee auch dazu bewogen, aus seinem letzten Projekt, MISTER K (als THE SPY: UNDERCOVER OPERATION 2013 unter der Regie von Lee Seung-jun realisiert), auszusteigen. Erschwerend kommt hinzu, dass Lee nicht mehr der Jüngste ist und die jüngeren Investoren nicht mit Respektspersonen verhandeln und im Zweifel für deren Gesichtsverlust sorgen wollen. Konfuzianische Werte vorgeschoben, um sich die Unliebsamen und die Unruhestifter vom Hals zu halten? Durchaus möglich.

Was auf tragische Weise im Laufe der nächsten Tage und Gespräche deutlich wird: Koreas Filmindustrie befindet sich in einer Krise, vielleicht in keiner wirtschaftlichen. Aber der Selbstmordversuch eines Altmeisters, der für einige der größten Hits der 1980er Jahre verantwortlich zeichnet, aber nun seit geraumer Zeit keinen Film gedreht hat, belegt: Irgendwas läuft gehörig falsch, und zwar auf eine äußerst hässliche Weise. Hätte er mit seinem Vorhaben Erfolg gehabt, wäre er nur einer von vielen in einer langen Reihe ähnlicher Schicksale.

Auch Kim Kuk-hyeong, der 1999 mit dem alptraumhaften Noir BLACK HOLE reüssierte und danach einige Zeit an seiner ehemaligen Alma Mater, dem Seoul Institute of the Arts, lehrte, zeigt mir lieber sein Autogramm von Hanna Schygulla, das er ihr auf einer Rucksacktour durch Europa abringen konnte, als über seine Karriere und die Filmindustrie zu sprechen. Seinen Kumpels, die er zum Treffen mitbringt - Shim Kwang-jin (A MASTERPIECE IN MY LIFE, 2000) und Park Chul-hee (NO MERCY FOR THE RUDE, 2006) -, ist es nur marginal besser ergangen.

Das gemeinsame Trinken von zu viel koreanischem Reiswein beschert mir erhebliche Kopfschmerzen, die die kurz darauf folgende Vorstellung von Oh Seung-uks THE SHAMELESS (Cannes 2015) fast unerträglich machen. Wenig hilfreich ist dabei, dass der Film ohne Untertitel gezeigt wird und ohnehin eher sperriger, ja hermetischer Natur ist. Oh ist einer der wenigen seiner Generation, die trotz aller Widrigkeiten einen zweiten Film fertigstellen konnten - wenn auch ganze fünfzehn Jahre (!) nach seinem ähnlich frostigen Debüt KILIMANJARO (2000). Zwischendurch war Oh als Produzent aktiv und schrieb ein schmales Büchlein zur Geschichte des koreanischen Actionfilms. Mein Vorhaben, ihn unter anderem dazu zu befragen, scheitert an einem zu vollen Terminplan. Dabei zeigt er sich bei der über einstündigen Podiumsdiskussion nach dem Film als durchaus lebendiger - und in meiner Situation allzu ausführlicher - Interview-Partner.


*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...

Stefan Borsos

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