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Subramaniapuram (M. Sasikumar, Indien 2008)


 "It's power and reputation, that's what matters to us!"

SUBRAMANIAPURAM ist ein schmutziger, unebener, kleiner Debüt-Film tamilischer Provenienz, der sich durch körnige Bilder, Wackelkamera und dann später auch durch viel Radau auszeichnet. Irgendwo in den wenigen englischsprachigen Texten zum Film im Netz habe ich gelesen, Regisseur Sasikumar habe bei Ameer Sultan (PARUTHIVEERAN) gelernt und der Realismus, der hier abgebildet wird, erinnert tatsächlich bisweilen sehr an diesen Einfluss. Der Film soll (neben anderen, zum Beispiel den Filmen von Bala) einer der maßgeblichen und wegweisenden Filme zur Erneuerung des tamilischen Kinos darstellen, einer Wende, die dem romantisierenden Eskapismus des tamilischen Kommerzkinos eine Absage erteilt und die dunklen und brutalen Aspekte der gegenwärtigen Gesellschaft beleuchtet. Und auch ein im Westen bekannter Regisseur wie Anurag Kashyap erklärt, wie groß der Einfluss dieser "Neuen Tamilischen Welle" (aka. New Tamil Wave) auf ihn gewesen ist, als er sich an seinen hochgelobten GANGS OF WASSEYPUR machte.

Im Zentrum steht wieder einmal eine Bande arbeitsloser Halbstarker, einer von ihnen ist Azhagar (Regisseur M. Sasikumar höchstselbst), ein anderer Paraman (Jai, der die eigentliche Hauptrolle spielt) - der hat sich in ein Mädchen verkuckt. Wenn er sie anlächelt, lächelt sie zurück. Das geht so eine Stunde lang, viel mehr passiert erstmal nicht in diesem Film außer einem lauten und blumenreichen Tempelfest mit geil viel Tamtam. Ein paar Raufereien des "Lumpenproletariats", es gibt etwas Konkurrenz zwischen den Familien-Clans, und wenn sie wieder mal im Kittchen gelandet sind, dann ist ein Rechtsanwalt zur Stelle, der seine Kontakte spielen lässt. Nach etwa gut einer Stunde, der Hälfte des Spielzeit also, zieht der Film dann endlich plottechnisch etwas an, als eben jener Anwalt ein politisches Amt nicht zugesprochen bekommt, das er sich eigentlich erhofft hatte. Da schickt er dann die Jungs los den Rivalen zu erledigen, denn schließlich stünden sie ja in seiner Schuld.

Der Film is hauptsächlich in langen Flashbacks erzählt und spielt in den 1980er Jahren. Was man vor allem an den Klamotten und den Haaren sieht. Ich habe auch gelesen: an der Bartmode, aber da kenne ich mich nicht aus. Beeindruckend ist sie aber auf jeden Fall. Jedenfalls: Nach dem Mord stellen sich die Täter der Polizei, Azhagar und Paraman. Und dennoch hält das schöne Mädchen zu ihm, verteidigt ihn vor einer Freundin. Etwas, das ich schon an PARUTHIVEERAN recht merkwürdig fand - diese unbedingte Hingabe an den einen Mann, auch wenn er ein Schläger, und nun sogar ein Mörder ist. Wohlgemerkt: sie sind nicht verheiratet oder sind sich auch nicht versprochen, sie haben bisher kaum miteinander geredet (was in Ameer Sultans Film glaubhafter ist, da sie dort Kindheitsfreunde sind und sie außerdem meint, in seiner Schuld zu stehen). Warum also sollte diese Frau etwas für diesen Typen empfinden und sich nicht nach und nach abgestoßen fühlen? Auch die Familie des Mädchens kann dieser Verbindung, als der Vater davon Wind bekommt, natürlich überhaupt nicht zustimmen. Erneut also wieder ein geradezu klassischer Liebeskonflikt ohne Ausweg, allerdings auf einer ins Unheil sich deutlich abwärts neigenden Spirale.

Die letzte halbe Stunde ist dann ein Welle der Gewalt, in der dunklen Nacht oder am gleißenden Tag. Schutz wird kaum gesucht, oder eine Verheimlichung der Taten, allenfalls das Messer im Ärmel versteckt. Aber dann wird einfach zugestochen, mitten auf der Straße, oder in schwärzester Nacht, ganz gleich alles. Es ist eine atemlose Rücksichtslosigkeit auch gegen sich selbst. Rache folgt auf Mord folgt auf Rache der Rache. Kommt noch Geld ins Spiel, gelten nicht einmal mehr diese archaischen Regeln. Es ist letztendlich eine Geschichte des Betrugs. Am Ende also, da fängt sich der Film, wird konsistenter, linearer, glaubhaft- und rauschhafter. Die Verfolgungen durch sie Gassen von Subramaniapuram, einem Distrikt der Stadt Madurai in Tamil Nadu, sind beeindruckend. Da holt der Film das auf, was er vorher durch seine Langsamkeit und  seine Orientierungslosigkeit in der ersten Hälfte verplempert und verloren hat. Ob sich das jeder bis zum Ende anschaut, weiß ich nicht. Wenn man dranbleibt, ist man aber schlussendlich versöhnt (auch wenn es dieser Film auf eine Versöhnung, und sei es nur mit dem Zuschauer, wohl überhaupt nicht anlegt). Und auch dieser Film bestätigt meinen Eindruck: das tamilische Kino der Neuen Welle ist zwar nicht unbedingt ein sauber geschliffener und funkelnder Edelstein, aber dafür eine ungestüme, energiegeladene räudige Bestie, die einen von hinten anfällt und dann todsicher an die Kehle geht.

Michael Schleeh

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